Seine kräftigen Oberarme sind kaum zu übersehen. Sie stoßen die Tür mit Wucht auf. In Sekundenbruchteilen dreht er sich samt Rollstuhl. Mangelnde Mobilität? Kein Thema!? Schekker-Autor Fabian zu Besuch beim Behindertensportler Martin Fleig.
Martin ist kräftig und flink zugleich. Der 20Jährige ist seit seiner Geburt behindert, erreicht und gewonnen hat er dennoch mehr als andere in seinem Alter. Gerade macht er im Berufskolleg in Freiburg seine Fachhochschulreife. Im Herbst beginnt die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten.
Doch nicht immer lief es so glatt. Martin ist von einem so genannten “Offenem Rücken” betroffen. So kann er zwar kurze Strecken alleine gehen, ist aber meistens auf einen Rollstuhl angewiesen. In seinen ersten Lebensjahren hatte er immer wieder Probleme, in der Gesellschaft anzukommen. Martin lernte zwar mit knapp vier Jahren laufen, brauchte aber trotzdem immer wieder einen Rollstuhl.
So kämpften seine Eltern hart um einen Kitaplatz für ihren auf den Rollstuhl angewiesenen Sprössling. In der Grundschule war es ganz schlimm. Martin erinnert sich genau an das Mitleid der meisten Erzieher. Mitleid ist für ihn fast noch schlimmer als die Vorurteile, die ihm begegnen.
Der „Neue im Rollstuhl“
In der weiterführenden Schule später bauten sie dem “Neuen im Rollstuhl” eine Rampe. Es wurde besser. In den letzten Jahren behandelten ihn Mitschüler und Lehrer wie jeden anderen auch. Doch Berührungsängste sieht er immer wieder. “Ich muss eben auf die Leute zugehen und sagen: Hey, ich bin doch so wie Du!”. Von sich aus komme kaum einer auf ihn zu. Beim Feueralarm kürzlich haben dann aber doch gleich zwei den Rollstuhl geschnappt und die Treppe runter getragen. Wenn Martin von seiner Schulzeit spricht, klingt das zwar nicht begeistert, aber man hat auch nie das Gefühl, er wäre dort fehl am Platz. Auch eine Klassenfahrt nach Berlin hat er problemlos über die Bühne gebracht. Mit seinen Kumpels war er sogar abends die Hauptstadt rocken.
Kopfsteinpflaster am Lago Maggiore
Der “offene Rücken” ist eine Fehlbildung, die in der Embryonalentwicklung entsteht. Dabei handelt es sich um einen Spalt im Neuralrohr, aus dem später die Wirbelsäule wird. Je nach Schweregrad führt das zu unterschiedlich starken Behinderungen. In Mitteleuropa tritt der “offene Rücken” bei rund einem von 1.000 Kindern auf.
Familienurlaub muss bei Fleigs nicht vorher penibel durchgeplant werden. So fährt er gerne wie letztes Jahr mit an den Lago Maggiore. Die vielen italienischen Treppen und Kopfsteinpflaster sieht er dabei eher als Herausforderung, mehr zu laufen. Der gebürtige Freiburger würde seine Familie sowieso nicht alleine in den Urlaub düsen lassen. Dafür ist er viel zu sehr Familienmensch. “Ich brauche sie und alle helfen mir. Ohne meine Eltern würde auch der Sport, wie ich ihn mache, nicht funktionieren.” Ob Schule, Training oder andere Termine. Seine Mutter fährt ihn überall hin. Die ältere Schwester nimmt ihn abends auch mal mit in die Stadt, alleine ist es eben doch nicht so einfach. Mal spontan ins Schwimmbad gehen oder sich zum Kino verabreden: für Martin nahezu unmöglich. Denn Bus fahren findet er schrecklich, spätestens seit er von einem Fahrer angeschnauzt wurde.
Bald zu den Paralympics?
Viel lieber bestimmt er selber das Tempo und gibt die Richtung vor. Seit seinem neunten Lebensjahr ist er aktiver Behindertensportler. Zunächst hobbymäßig, ist er inzwischen zu einem ambitionierten Langläufer und Biathleten geworden. Sein Verein ist der “Ring der Körperbehinderten” in Freiburg. Sieben- bis neunmal die Woche trainiert er.
Krafttraining in der Halle, Berg- und Schießtraining im Schwarzwald. Der Sport bestimmt Martins Woche.
Er zeigt mir seine Urkunden an der Zimmertür, im Regal stehen Medaillen und Pokale. Neben den erfolgreichen Meisterschaften startet er mittlerweile auch beim Weltcup. Martins Geräte: Sein Luftdruckgewehr und sein “Schlitten”. Neben seinem Rollstuhl und Handbike, besitzt Martin diesen Sportschlitten, den er sowohl im Sommer als auch Winter benutzen kann. Sobald Schnee liegt, werden die Rollen durch Skier ersetzt. Ein individuelles Sitzkissen macht den Schlitten bequem, die Langlaufstöcke sind individuell angepasst.
Er müsse noch an sich arbeiten und viel trainieren, sagt Martin. Dabei klingt der junge Mann nicht verbissen ehrgeizig. Blickt man durch seine spiegelnden Brillengläser so erkennt man einfach große Zuversicht. 2006 durfte er bereits am paralympischen Jugendlager in Turin teilnehmen. Für die Paralympics in Vancouver dieses Jahr hat es zwar noch nicht gereicht. Doch wenn er so weiter macht, dürfte er in vier Jahren seinen Kollegen nicht nur vom Sofa aus zuschauen.


Kommentare
Neuen Kommentar schreiben