Kinder werden jeden Tag geboren. Welcher Job ist also krisensicherer als der einer Hebamme? Für Theresa Milling (21) gab es aber ganz andere Gründe, diesen Beruf zu lernen. Denn eine Hebamme ist viel mehr, als eine Krankenschwester, die Kinder auf die Welt bringt.
Dass eine Hebamme Kinder zur Welt bringt, ist allgemein bekannt. Zwar ist das der Kern ihrer Arbeit, trotzdem ist es nur ein kleiner Teil: „Als Hebamme bin ich Beraterin, Pädagogin, Psychologin, Managerin, Forscherin, Fürsprecherin, Teamarbeiterin und Freundin. Ich atme mit, gebe Tipps zur optimalen Geburtsposition, überwache die kindlichen Herztöne und vor allem ermutige ich – auch den Papa“, erzählt Theresa. Und so hört es sich mehr nach einer Lebensaufgabe an, als nur nach einem Beruf.
In der 10. Klasse dachte Theresa das erste Mal darüber nach, Hebamme zu werden. Es sollte ein medizinischer Beruf sein, aber auf die vielen Jahre Medizinstudium nach dem Abitur hatte sie keine Lust. Ein Beruf mit Zukunft, mit der Chance auf Weiterbildung, aber bitte in weniger als einem Jahrzehnt. Ihre Mutter brachte sie auf die Idee, dass der Beruf der Hebamme vielleicht eine gute Wahl wäre. Schließlich kann Theresa gut mit Menschen umgehen und ist sehr feinfühlig. Sie machte ein Praktikum auf der Wochenstation, wo die Mütter direkt nach der Geburt mit ihren Babys liegen, und war auch einen Tag im Kreißsaal dabei. Nach dem Abitur bewarb sie sich dann tatsächlich für die Ausbildung.
Startschwierigkeiten
„Hebamme und Entbindungspfleger“ lautet die vollständige Bezeichnung des Ausbildungsberufes. Dass die Ausbildung nicht daraus besteht, drei Jahre lang zu lernen, wie ein Kind auf die Welt geholt wird, wusste Theresa nach ihrem Praktikum auch. Dennoch musste sie schnell feststellen, dass Vorstellung und Wirklichkeit manchmal weit auseinanderklaffen. „Ich habe es mir sehr rosig vorgestellt. Aber die Ausbildung war alles andere als einfach, toll und rosig. Mein erster Einsatz im Krankenhaus mit dem täglichen routinemäßigen Stationsablauf brachte fast das vorzeitige Ende meiner Ausbildung. Ich habe mich echt zimperlich angestellt und so manchem die Nerven geraubt.“ Heute kann Theresa darüber schmunzeln.
Regelmäßig geht es für die Babys zur Gewichtskontrolle. Foto: Tine Heynatz
So gut es auch für Theresa in der Schule und bei der theoretischen Ausbildung lief, die praktische Arbeit war ein ganz anderes Kaliber. Der Schichtdienst auf Station und die erste negative Beurteilung eines Betreuers zehrten an Theresas Nerven. Doch statt aufzugeben, nahm sie diese Schwierigkeiten als Ansporn und gab ihr Bestes. „In der Mitte des zweiten Lehrjahres hat es bei mir Klick gemacht“, erzählt Theresa und dann lief auch die praktische Arbeit rund.
Viel Praxis in der Ausbildung
Für eine Ausbildung zur Hebamme braucht man mindestens einen Realschulabschluss. Alternativ kann man auch mit einem guten Hauptschulabschluss in Kombination mit einer wenigstens zweijährigen Berufsausbildung oder einer anderen passenden Zusatzqualifikation einsteigen. Von Anfang an steht praktische Arbeit auf dem Plan. Während der dreijährigen Ausbildung müssen die angehenden Hebammen fast doppelt so viele Praxisstunden wie Theoriestunden leisten.
Aber auch der theoretische Unterricht hat es in sich. Denn eine Hebamme begleitet werdende Mütter vor der Geburt, während der Entbindung und natürlich auch danach. Dabei geht es nicht nur um die medizinischen Fakten, sondern auch um Einfühlungsvermögen und moralischen Beistand. Soziologie, Psychologie und Pädagogik stehen deshalb genauso auf dem Lehrplan wie Arzneimittellehre oder Gesetzeskunde.
Flexibilität und große Gefühle
Neben all dem Fachwissen, musste Theresa aber vor allem lernen, was es heißt, keine regelmäßigen Wochenenden und Feiertage mehr zu haben. Und auch auf die Tages- oder Nachtzeit können Schwangere und Babys keine Rücksicht nehmen. Zu Beginn einer Schicht weiß Theresa nie, wie viel Arbeit auf sie zukommt. Manchmal herrscht beinahe Urlaubsstimmung, an anderen Tagen ist es nötig „auch mal acht Stunden ohne Essen und Trinken auszukommen, eine wichtige Fähigkeit, die eine Hebamme haben sollte“, weiß Theresa.
Aber die mit Abstand elementarste Eigenschaft einer Hebamme ist eine andere. Auf die Frage, welche Voraussetzungen man für die Ausbildung erfüllen sollte, fällt Theresas Antwort klar aus: „Geduld, Geduld, Geduld. Und dann, wenn es fix gehen muss, sollte man ganz schnell umschalten können.“ Natürlich – zuerst ist die Hebamme für die Schwangere da und betreut sie bei der Geburtsvorbereitung. Und in der Schwangerschaft ist Stress bekanntlich Gift. Aber wenn die Wehen einsetzen, dann bestimmt das Baby das Tempo.
Hebammen sind viel unterwegs. Foto: Tine Heynatz
Ihr erstes „eigenes“ Kind brachte Theresa im zweiten Lehrjahr zur Welt. Die betreuende Hebamme stand nur zur Sicherheit dabei. „Dieser Moment war etwas ganz Besonderes und ist es auch jetzt noch“, sagt Theresa. „Man darf Teil dieses neuen kleinen Wunders sein.“ Dass Tränen fließen ist ganz normal – bei der Mama, beim Papa und manchmal auch bei der Hebamme. Es gibt aber auch die andere Seite. Hebammen betreuen auch die Eltern, die ihr Kind verloren haben.
Nach der Geburt geht es erst los
Weil die schwierige Zeit für junge Eltern meist erst nach der Geburt des Babys beginnt, hat sich Theresa nach dem Ende ihrer Ausbildung dafür entschieden, ihren Schwerpunkt zu verlagern. Sie arbeitet jetzt – neben ihrer Arbeit in der Klinik im Kreißsaal – auch Teilzeit im Landratsamt Pirna als Familienhebamme. Dafür hat sie vor Kurzem eine Weiterbildung angefangen. Ihre Hauptaufgabe besteht hier darin, Mütter aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu betreuen – oft sind minderjährige Mütter oder Mehrlingsmamas ihre Schützlinge. Nicht selten spielen auch Drogen eine Rolle. „Da geht es weniger ums Kinder kriegen. Ich leite die Mütter an und berate sie“, sagt Theresa.
Freiberuflich ist sie auch als Wochenbettbetreuerin unterwegs. Das heißt, dass sie frischgebackene Mütter zuhause besucht und ihnen zur Seite steht.
Eine feste Anstellung zu finden, ist für eine Hebamme nicht immer leicht. Viele arbeiten freiberuflich wie Theresa, oder machen sich mit eigenen Geburtspraxen selbstständig. Wie die Zukunft aussieht, weiß Theresa noch nicht genau. Erst einmal ist nach der Weiterbildung Schluss mit Ausbildung, aber mit 21 Jahren kann noch viel passieren und ausgelernt hat man als Hebamme sowieso nie.
Mehr Infos zur Ausbildung findet ihr unter: www.hebammenverband.de



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