Grafik: Juliane Dorn

Gerade in Zeiten, in denen wir die Kaufhäuser und Online-Shops überfallen, um auch für jeden unserer Lieben ein passendes Geschenk zu gekommen, wird das Thema der Zeitabreit immer wieder aktuell. Von Arbeitgebern oft gepriesen, von Arbeitnehmern oft verflucht. Aber was hat es auf sich mit der Zeitarbeit und was ist daran gut und was schlecht? Unsere Schekker-Autoren Michael und Jonas diskutieren.

Pro: Michael

Ausbeutung, Lohndumping, modere Sklaverei. Zeitarbeit kommt in der öffentlichen Diskussion oft schlecht weg. Völlig zu Unrecht! Um sich ein umfassendes Urteil über Zeitarbeit bilden zu können, braucht es Eckdaten sowie eine kurze arbeitsmarktpolitische Einordnung.

So wurde die Zeitarbeit im Zuge der Hartz-Gesetze liberalisiert. Das bedeutet, dass es Unternehmen erleichtert wurde, Zeitarbeiter einzustellen und auch wieder zu entlassen. Ziel war es, die Rekordzahl an Arbeitslosen zu verringern und vielen Zeitarbeitern einen Einstieg oder Wiedereinstieg in die Berufswelt zu ermöglichen. Wie man sieht, hat dies gut geklappt. Auch aufgrund unseres flexiblen Arbeitsmarktes haben wir so viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie niemals zuvor im wiedervereinigten Deutschland.

Davon sind in Deutschland nur 2,5 Prozent über Zeitarbeitsfirmen in Lohn und Brot. Im europäischen Vergleich ist dies ein relativ geringer Wert. In Großbritannien sind mehr als fünf, in den Niederlanden knapp drei Prozent in Leiharbeit beschäftigt. In Deutschland gilt für Leiharbeiter zudem seit Anfang 2012 ein Mindestlohn, von Lohndumping kann seither nicht mehr die Rede sein. Über Zeitarbeit erhalten also auch Geringqualifizierte und Wiedereinsteiger einen gerecht bezahlten Arbeitsplatz.

Die Chancen, durch Zeitarbeit in eine feste Beschäftigung zu wechseln, sind relativ hoch. So erhält etwa jeder Vierte über den sogenannten „Klebeeffekt“ im eigenen Unternehmen einen Arbeitsvertrag. Der „Brückeneffekt“ sorgt dafür, dass weitere 20 Prozent in einem anderen Unternehmen eine abhängige Beschäftigung finden.

Doch nicht nur für Arbeitnehmer hat Leiharbeit große Vorteile: Unternehmen profitieren von flexiblen Rahmen-bedingungen, um in wirtschaftlich florierenden Zeiten kurzfristig Arbeitskräfte einzustellen zu können. Diese können dann in ökonomischen Talphasen wieder entlassen werden. So stellen Unternehmen eher Arbeitskräfte ein, weil sie ein unternehmerisches Risiko vermeiden können.

Mehr Beschäftigung und flexible Unternehmen machen zusammen eine starke Volkswirtschaft. Eigentlich wäre das schon Argument genug.

Contra: Jonas

Im Zuge einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist das Konzept der Zeitarbeit – oder auch Leiharbeit – dazu bestimmt, den Bedürfnissen der Unternehmen nach Arbeit nachzukommen. Ein Beschäftigter (Leiharbeitnehmer/in) arbeitet dabei nicht beim eigenen Arbeitgeber, sondern bei einem Dritten. Der Arbeitnehmer wird praktisch verliehen. In Zeiten von Auftragsspitzen – wie jetzt in der Vorweihnachtszeit – können Unternehmen so flexibel reagieren. Circa 800.000 Leiharbeiter gibt es momentan in Deutschland, das sind 3 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse.

Dabei sind jedoch Ausbeutung und prekäre Arbeitsumstände an der Tagesordnung. Die Kurzzeitbeschäftigung führt zu unregelmäßigen Pausen und ständigen Arbeitsplatzwechseln. Das raubt den Beschäftigten jede Art von Planungssicherheit, die gerade für Familien von Nöten ist. Zudem ist das Modell extrem konjunkturabhängig: Zu Beginn der Wirtschaftskrise sind so über 250.000 Kurzzeitbeschäftigte innerhalb kürzester Zeit entlassen worden.

Zudem erhalten Zeitarbeiter nach wie vor weniger Lohn als Stammarbeiter im selben Betrieb. Mit dem neuen Tarifvertrag für Kurzzeitbeschäftigte ab 2014 werden die Löhne zwar steigen, liegen jedoch mit 8,50 Euro (West) und 7,86 (Ost) nach wie vor zu niedrig. Für gleiche Arbeit sollte der gleiche Lohn gezahlt werden und dieser sollte für ein Leben ohne Existenzsorgen ausreichen.

Befürworter dieses Modells argumentieren unter anderem mit den sinkenden Arbeitslosenzahlen. Tatsächlich waren zwei Drittel der momentan in Leiharbeit Beschäftigten vorher arbeitslos. In Anbetracht der miserablen Arbeitsverhältnisse ist diese Statistik jedoch lediglich Schönfärberei. Es gibt zwar weniger Arbeitslose, die Kurzzeitbeschäftigten gehen aber keiner würdigen und existenzsichernden Arbeit nach.

Der Wirbel um die Internetplattform Amazon zu Beginn des Jahres hat gezeigt, dass ausländische Zeitarbeiter Gefahr laufen, unter noch viel unmenschlicheren Verhältnissen arbeiten zu müssen. Sie wurden in mangelhaften Unterkünften untergebracht, überwacht und mit dem Verlust des Jobs bedroht, wenn sie sich gegen diese Behandlung wehrten. Dabei nutzte der Konzern die Notsituation gezielt aus, in der sich die Leiharbeiter aufgrund der hohen Arbeitslosenquote in ihren Heimatländern wie etwa Spanien befanden.

Ich finde es verwerflich, dass Unternehmen die Aussicht auf einen höheren Gewinn über menschliche Bedürfnisse stellen. Das Konzept der Leiharbeit ist ein Baustein im System der kapitalistischen Verwertungslogik. So entsteht vielleicht mehr Umsatz und Wachstum, allerdings zugunsten einiger weniger und auf Kosten der Mehrheit der Leiharbeitnehmer.