Faszinierend, unbegreiflich und gut überwacht – so beschreibt Schekker-Autorin Theresa die russische Kulturmetropole St. Petersburg. Sie arbeitet in einem Kinderheim und erzählt, warum viele Städter lieber ein Buch statt Brot kaufen.
Das „Fenster zum Westen“
Fotosessions für Hochzeitspaare finden in Massenabfertigungen vor den historischen Kulissen St. Petersburgs statt.
Die Sonne glitzert über dem Wasser und lässt die riesige Fontäne auf der Neva, dem städtischen Fluss, in allen Farben des Regenbogens strahlen. Ein Hochzeitspaar nach dem anderen posiert am Ufer mit Tauben, Trauzeugen und jeder Menge Sekt. Fotos werden aus sämtlichen Perspektiven geschossen. Schon müssen sie Platz machen für die nächsten Paare und steigen in die gemietete rosafarbene Luxuslimousine. Im Hintergrund erhebt sich majestätisch die Peter- und Paulfestung. Peter der Große ließ sie 1703 errichten, und mit ihr begann die Gründung der heutigen Weltstadt St. Petersburg. Ein „Fenster zum Westen“ wollte er schaffen, Europa nach Russland holen und Russland Europa näher bringen.
“Der Tag des großen Sieges”
Petersburg am 9. Mai Foto: Theresa Hellmann
Feiertage sind in Russland wirklich Tage des Feierns, denn sie werden hier überschwänglich zelebriert.
Russlands Feiertage sind in St. Petersburg ein besonderes Erlebnis. Es ist der 9. Mai – der Tag des großen Sieges, an dem die Russen die deutsche Kapitulation von 1945 feiern. Während ich diese gewaltige Feier miterlebe, habe ich nicht das Gefühl, dass dieses Ereignis schon über 60 Jahre her ist. Ich stehe im Gedränge auf dem Palastplatz, zwischen Siegessäule und Eremitage. Die russische Hymne erklingt, doch keiner singt mit. Das hätte ich schon erwartet. Dann kommen die Paraden. Soldaten marschieren über den Platz, ihnen folgen die neusten Panzer, die stolz präsentiert werden. Auf Kommando erschallt aus tausenden Soldatenmündern mehrmaliges, Gänsehaut erregendes „ura – ura“. Die Menge jubelt. Ich erschauere. Es ist ein seltsames Gefühl, den Sieg über sein eigenes Land mitzufeiern.
Staatliche Kontrolle garantiert
Überwachung ist überall Foto: Theresa Hellmann
Alles wird heiß diskutiert, heiß ist auch das Thema Pressefreiheit in Russland.
Die Petersburger bezeichnen sich selbst als gebildete und stilvolle Städter. Man sieht sie lesend auf den langen Rolltreppen, in der Metro, auf Parkbänken – ein Buch oder eine Zeitung muss unterwegs dabei sein, das habe ich mir auch schon angewöhnt. Politik ist eines der Lieblingsthemen der Russen.
Ich sitze beim Frühstück im Kinderheim immer zwischen all den älteren Frauen, mit denen ich arbeite. Sie unterhalten sich über Außenpolitik, die Wirtschaftskrise, den harten, wenig geliebten Job, über das Geld, das sie nicht haben und den Urlaub, den sie zu Hause verbringen müssen. Ich höre nur zu, denn ich verstehe nicht alles. Aber es geht immer heiß her, das verstehe ich auch ohne Worte.
Es wird viel diskutiert und gestritten, bei der Arbeit und in der Familie, aber kaum an die Öffentlichkeit gegangen. Einschüchterungen und Drohungen wirken. Häufig steht Russland im Mittelpunkt der Medien wegen der Morde und Attentate auf Journalisten. Seit der Amtsübernahme Putins geht es mit der Pressefreiheit eher bergab. Der Großteil aller russischen Medien unterliegt der staatlichen Kontrolle. Viele großen Zeitungen und auch Druckereien befinden sich in staatlicher Hand. Staatsnahe Konzerne, wie Gazprom, übernehmen Zeitungen und Fernsehsender.
Kleine Schritte auf einem langen Weg
Kioskkultur in Petersburg Foto: Theresa Hellmann
Die Medien kämpfen eisern für freien Journalismus.
Wenn ich zum Zeitungskiosk gehe, fällt mir eigentlich nichts Besonderes auf. Die Auswahl ist groß, von Tageszeitungen, über Zeitschriften und Magazine aus allen Bereichen ist alles da. Auch ausländische Ausgaben sind im Angebot.
Einmal monatlich erscheint die kostenlose „St. Petersburgische Zeitung“, die auf Deutsch über Stadt, Land und Politik berichtet. Auch eine Übersetzung der „GEO“ oder eine Rubrik „Der Spiegel“ (aus dem entsprechenden deutschen Magazin) in der Zeitschrift „Profil“ gibt es hier.
Die wenigen unabhängigen Verlage können sich aber meist nur in Städten wie Moskau und St. Petersburg halten. Einer ist der Verlag „Novaja Gazeta“. Chefredakteur Dmitri Muratow zählt zu jenen russischen Intellektuellen, die seit der Perestroika für Demokratie und Menschenrechte eintreten.
Ich hoffe, dass sich die Medien auch künftig nicht unterkriegen lassen – Schritt für Schritt auf einem langen, steinigen Weg zur Pressefreiheit.
Buch statt Brot
Kultur gilt als ein Lebenselixier der Petersburger.
Petersburg ist die Kulturhauptstadt und die „europäischste“ Stadt Russlands. Viele Museen, Paläste und Kirchen öffnen ihre Türen für Besucher. Kultur hat allgemein in Russland und in St. Petersburg im Besonderen einen hohen Stellenwert. Wenn Russen sich zwischen einem Buch und einem Stück Brot entscheiden müssten, würden sie das Buch nehmen, sagt ein alter Spruch. Um Menschen aus allen Schichten den Kulturgenuss zu ermöglichen, sind die Preise (außer für Touristen) niedrig. Als Studentin kann ich mir den großen Schatz der Eremitage so oft ich möchte kostenlos ansehen und einige Konzerte preiswert genießen. Eintrittskarten bekommt man an den zahlreichen, in der Stadt verstreuten Theaterkassen. Natürlich geht das heutzutage auch ganz bequem über das Internet. Doch Vorsicht: Sämtliche Internetaktivitäten und der gesamte E-Mailverkehr können vom russischen Geheimdienst eingesehen werden. Da wird mir schon manchmal mulmig zu Mute.
Das “Russische” entdecken
Eingekauft wird ganz anders als in Deutschland. Foto: Theresa Hellmann
Wenn überhaupt, kann St. Petersburg nur der verstehen, der sich selbst auf den Weg macht.
Sankt Petersburg – ist das wirklich Russland? Wenn ich an Russland denke, habe ich andere Vorstellungen. Morgens fahre ich immer in die Vorstadt Peterhof zum Kinderheim, in dem ich arbeite. Dazu nehme ich den Vorortzug, die ratternde und klapprigen Elektritschka. Auf dem Weg fliegt an mir ein anderes Russland vorbei: Ich sehe kleine, ruhige Städte mit ihren bunten, teils neu gebauten und stattlichen, teils winzigen und windschiefen Holzhäuschen.
Alte Omis bieten am Bahnhof Lebensmittel, Kleidung und Trödel feil. Das ist eine andere Welt als die glamouröse, edle Großstadt. Aber auch sie gehört zu Russland, auf ihre ganz eigene Art, die es zu entdecken gilt.
St. Petersburg ist nie um eine Überraschung verlegen. Oft stehe ich kopfschüttelnd da und kann Vieles nicht begreifen, was hier passiert. Zum Beispiel ist mir die widersprüchliche Mentalität der Menschen, die zwischen kühler Reserviertheit und grenzenloser Gastfreundschaft hin und her schwankt, immer noch fremd. So ganz werde ich St. Petersburg nie verstehen. Vielleicht begeistert, ja fasziniert mich gerade das und wird mich sicher immer wieder hierher zurück führen.


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