Ein indischer Junge auf Gleisen
Indien ist ein Schwellenland zwischen Aufstieg und Albtraum. Foto: M M, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-SA 2.0)

Indien will hoch hinaus – die Wirtschaft soll kräftig wachsen. Doch bisher hat ein Großteil der Bevölkerung vom Wirtschaftswachstum nicht profitiert. Was muss sich ändern? Schekker-Autor Benjamin war ein Jahr lang für einen internationalen Freiwilligendienst in Indien und berichtet euch von einem Land zwischen Aufschwung und tiefem Fall.

Die Polizisten kamen in der Nacht. Sie schlugen Türen ein und verprügelten die schlafenden Menschen der Kathputli Colony, eines Slums im Westen von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. So berichteten es die Bewohner. Anlass für die Aktion war angeblich eine Auseinandersetzung zwischen ein paar Jungen am Tag zuvor. Aber war das wirklich der Grund für die brutale Polizeigewalt?

Die Kathputli Colony, in der sich traditionelle Künstler wie Puppenspieler, Akrobaten und Trommler aus Indiens westlichem Bundesstaat Rajasthan vor vielen Jahren niedergelassen haben, ist ein Symbol für die Zerrissenheit Indiens. Für den Spagat zwischen Tradition und Moderne, den das Land im Zuge der Globalisierung zu meistern hat. Die illegalen Hütten der Künstler stehen auf bestem Baugebiet in Zentrumsnähe. Ein Investor hat das Land gekauft, um Einkaufszentren für die zahlungskräftige Mittel- und Oberschicht zu errichten.

Auf einem kleinen Teil entstehen angeblich Sozialwohnungen für die Künstler, die bis dahin in einem Transitlager wohnen sollen. Doch sie weigern sich bisher erfolgreich gegen die Umsiedlungspläne und berufen sich auf ein Versprechen des ehemaligen Premierministers Rajiv Gandhi, wonach sie auf dem Land wohnen dürften. Außerdem glauben sie nicht daran, jemals das Wohnungsinnere zu sehen. Zu groß ist das Misstrauen gegenüber dem Staat.

Mehr Auswahl für die Konsumenten


Die Globalisierung geht an Indien nicht spurlos vorbei. Foto: Bram Pitoyo, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-SA 2.0)

Doch es wäre zu einfach, die Effekte der Globalisierung nur mit Problemen in Verbindung zu setzen. „Durch die internationale Vernetzung können Firmen leichter ihre Produkte im Ausland verkaufen“, sagt Rishabh Kurseja, Germanistikstudent an der Jawaharlal Nehru Universität in Delhi und Deutschlehrer. Neben der Industrie profitiert auch die wachsende Mittelschicht von der Öffnung des Marktes. „Indien importiert jetzt mehr Produkte“, ergänzt Kurseja. Dem kann Asim Sarode, Menschenrechtsanwalt aus der westlichen Millionenstadt Pune, folgen: „Der freie Markt hat alle Dinge zu niedrigeren Preisen an die Haustüren der einfachen Leute gebracht. Die Menschen haben eine größere Auswahl an Produkten.“

Von den ausländischen Investitionen profitieren jedoch nicht alle Menschen. „Die zentralisierte Wirtschaft hat kleine Betriebe gekillt, die ein Grundmerkmal der indischen Gesellschaft sind“, erklärt Sarode. Kleine Läden in den Gassen von Delhi oder Kalkutta verpassen den Millionenstädten nicht nur ihren Charme, sie schaffen vor allem Arbeitsplätze für viele Millionen Menschen. Wenn die bedroht sind, droht die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufzugehen. Bereits heute leben knapp 30 Prozent der Inder unter der Armutsgrenze.

Der gefährliche Traum des Premierministers


Eine regelrechte Baustelle für den indischen Staat ist die Bildung. Foto: Benjamin Scholz

Noch krasser als innerhalb der Städte ist das Armutsgefälle zwischen der Stadt- und Landbevölkerung, wobei letztere den Großteil der Bevölkerung stellt. „Das Saatgut, das die Bauern früher benutzt haben, ist nicht mehr erhältlich. Heute müssen sie ihr Saatgut von internationalen Firmen kaufen, wodurch ihre Möglichkeiten gesunken sind“, sagt Sarode im Hinblick auf die Anhängigkeit der Bauern von den großen Firmen.

Doch auch die restliche Wirtschaft schwächelte in den vergangenen Jahren. Der neue, hindunationalistische Premierminister Narendra Modi trat mit dem Versprechen an, Indien wirtschaftlich zu sanieren. „Modi fördert Projekte, die das Land attraktiv machen für ausländische Firmen“, glaubt Student Kurseja. Anwalt Sarode sieht Modis Agenda dagegen kritisch. „Indien braucht Beschäftigung für viele Menschen. Statt einer maschinellen und technologischen Entwicklung muss das Land menschliche Arbeitskräfte einspannen.“

Es erscheint tatsächlich zweifelhaft, ob das westliche Modell der wirtschaftlichen Entwicklung auf Indien passt, lässt es doch die besondere Bevölkerungssituation des Subkontinents außer Acht. „Der rasante wirtschaftliche Aufstieg ist ein Traum, bei dem wir unsere Moral verlieren. Premierminister Modi denkt nicht an die Armen“, kritisiert Sarode. Tatsächlich deutet nichts darauf hin, dass Modi die riesige Lücke zwischen Arm und Reich verkleinert.

Eine Vision für die Zukunft


Schekker-Autor Benjamin war ein ganzes Jahr lang in Indien. Foto: Benjamin Scholz

Doch die Globalisierung beeinflusst den Subkontinent auch auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene. So tragen zum Beispiel immer mehr Frauen westliche Kleidung anstelle traditioneller Saris. Das lässt hoffen, dass Indiens junge Generation bei Themen wie den Frauenrechten eine moderne, westliche Sichtweise entwickelt. Natürlich gibt es auch in der indischen Gesellschaft Werte, wie beispielsweise die besondere Bedeutung der Familie, die schützenswert sind. Das weiterhin subtil verankerte Kastensystem gehört dagegen nicht dazu. Dies und die damit verbundene Stigmatisierung einzelner Bevölkerungsgruppen zu überwinden ist neben einem gerechteren Zugang zu Bildungseinrichtungen eine der größten Herausforderungen, vor der das Land steht.

Noch ist der Berg an Problemen hoch. Rishabh Kurseja hat trotzdem eine Vision für sein Land: „Ich wünsche mir, dass alle Menschen eine gute Ausbildung erhalten und sich mehr Leute an die Gesetze halten. Schließlich wird Indien in 20 Jahren das wohl am meisten besuchte Land der Welt sein.“