Foto: Rick Noack

Rick, 15, zog es als Austauschschüler für drei Monate nach San Francisco. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten durfte er nicht viel: außer spenden.

Mit 15 auf den High-Way

Während meine gleichaltrigen amerikanischen Freunde mit großen Autos durch die Gegend rasen, erklimme ich auf dem Rad die Berge San Franciscos.

Die Reifen quietschen, der Motor heult. Vor der Haustür steht Marc, 16 Jahre alt und stolzer Mitbenutzer von Papas Nobelkarosse. Seit einem halben Jahr darf er damit auf eigene Faust ins Kino, in die Schule oder an den Strand fahren. Ich darf nicht mit, weil Fahranfänger unter 17 keine Minderjährigen im Auto mitnehmen dürfen. Eine Freundin in der Schule erzählt von ihrer Fahrprüfung: 36 Theoriefragen musste sie beantworten. Bis zur praktischen Fahrprüfung darf sogar sie Auto fahren, wenn ein Elternteil daneben sitzt.

Auch wenn die Straßen der Stadt so breit sind, dass selbst ich unfallfrei Autofahren könnte, steige ich aufs Fahrrad. Das ist anstrengend: Drängelnder Verkehr ist normal und die Straßen reichen vom Meeresspiegel bis rauf auf die knapp 1000 Fuß hohen Hügel der Stadt. Das sind rund 300 Höhenmeter. Verfahren geht schnell: Die Straßen auf der Halbinsel reihen sich parallel im Schachbrettmuster aneinander, sehen fast alle gleich aus. Dafür hat die Stadt die perfekte Fahrrad-temperatur: Das ganze Jahr über sind in San Francisco etwa 14 Grad. Nur in den Wintermonaten kann es stark regnen.

Begrenzte Freiheit

Cliquentreffen in einem Kino in San Francisco: Wir essen salziges amerikanisches Popcorn und schauen einen mit Fuck-Wörtern überladenen Film. Wir grinsen und lachen.

Alle feixen um die Wette. Doch gleich gibt es nichts mehr zu lachen: Die Securities des Kinos holen uns aus dem Film. Mit Taschenlampen leuchten sie den gefüllten Kinosaal aus, rufen nach uns und drohen, die Polizei zu holen. Der Grund: Wir sind noch minderjährig und der Film ist erst ab 17.

Zumindest Erwachsenen bietet San Francisco eine bunte Kulturlandschaft: Kinos, Theater und die berühmte San Francisco Opera. Museen, wie das San Francisco Museum of Modern Art oder das Cable Car Museum, buhlen um Touristen. Und auch Schwulen-Partys gehören zum kulturellen Leben der Stadt. San Francisco ist bunt.

Statt Kino gehe ich mit meinen Freunden in eines der zahlreichen Cafés. Am Peer 39 können wir uns zwischen Restaurants, Shops und Hard Rock Cafés vergnügen. Das Peer ist nur eine der Flaniermeilen San Franciscos – eingebettet in einen Yachthafen zwischen der Oakland-Bay-Bridge und der Golden Gate Bridge.

Spenden für Arme: trotz Finanzkrise

Gläubige Amerikaner in San Francisco spenden gerne für minderjährige Obdachlose.

Andrew* ist 16 Jahre alt und steht auf einer Bühne. Er erzählt von seiner Mutter, einer Alkoholikerin. Er erzählt von Gott. Und dann erzählt er von sich, dem Obdachlosen. Das ist die Seite von San Francisco, die keine Postkarte zeigt. Viele Obdachlose leben im Tenderloin District, nur einen Steinwurf von den glänzenden Postkartenmotiven entfernt, der Shoppingmall und der Golden Gate Bridge. Hier stehen heruntergekommene Häuser, die mit Graffitis beschmiert sind.

Andrew hat es dank einer Kirche, der Glide Church, geschafft, wieder ins Leben zu finden. Er hat den Mut zu leben, wiedergefunden, und damit einen Job. Andrew wolle von der Straße weg, erzählt er der versammelten Gemeinde. Ein Mann geht durch die Reihen, er verteilt Taschentücher und sammelt Geld. Mitleid wird ganz einfach erwartet. Wer über das Schicksal Andrews nicht weinen kann, der hat kein Mitleid. Und Mitleid haben alle Amerikaner.

Als ich vor der Kirche auf der Straße stehe, sehe ich wieder einen Obdachlosen. Er sitzt direkt neben mir, eingehüllt in eine Jacke. Man sieht sie überall: egal ob vor den Souvenirläden, den teuren Modeboutiquen oder im Golden Gate Park. Obdachlose sind fester Bestandteil der multikulturellen Stadt.

Der Traum vom großen Geld

Kalifornien ist einer der verrücktesten und gefährlichsten Orte der Welt: Hier kann jede Idee Realität werden. Fast jede.

In den nächsten Jahren soll San Francisco untergehen. An der San-Andreas-Verwerfung, wenige Kilometer nördlich der Stadt, zieht die pazifische Erdplatte an der nordamerikanischen vorbei. Ein starkes Erdbeben, das Wissenschaftler schon lange prophezeien, würde die ganze Stadt begraben. Mit der ständigen Gefahr zu leben, das macht den jungen Bewohnern San Franciscos scheinbar nichts aus. Sie leben ihren kalifornischen Traum, lieben ihre Stadt, in der verrückte Ideen entstehen und in der sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Zahlreiche junge Künstler und Überlebenskünstler versuchen ihren Traum vom Leben in amerikanischer Freiheit zu erfüllen. So kann ich San Francisco wieder mit nach Hause nehmen: Gemalt von einem der unzähligen Straßenkünstler, die sich auf den Straßen aneinanderreihen. Sie wollen berühmt werden in San Francisco.

Wer nicht künstlerisch begabt ist, kommt trotzdem nach San Francisco. Immigranten fischen in der Bucht oder arbeiten in den zahlreichen Restaurants und Touristencafés. Und träumen: vom Tellerwäscher zum Millionär.

Gang- und Bandenkriege: Alcatraz bleibt trotzdem dicht

Auf der Insel Alcatraz, zwei Kilometer nördlich der Stadt in der Bucht von San Francisco, stand einmal das sicherste Gefängnis der Welt. 1963 wurde es geschlossen. Seitdem wandern täglich tausende Touristen durch den Knast.

Ein Stück Geschichte, originalgetreue Gebäude, ein Hauch von Nostalgie. Der Putz bröckelt schon, der Wind ist kalt. Dass hier einmal Schwerverbrecher eingesperrt waren, kann ich kaum glauben. Touristen freuen sich, wieder eine Sehenswürdigkeit im Reiseführer abhaken zu können.

Das wirklich kriminelle Leben von San Francisco will aber keiner der Besucher sehen: Gangs bekriegen sich. Auf 100.000 Einwohner kamen 2006 insgesamt 875 Verbrechen – mehr als im US-Durchschnitt. Jugendliche sind in San Francisco besonders gewalttätig.

Nachts höre ich häufig Polizeisirenen. Besonders gefährlich: die Stadtteile Tenderloin und Western Addition. Es sind die sozialen Brennpunkte, wie es sie überall gibt. In San Francisco zu leben, bedeutet eben noch lange nicht, auch glücklich zu leben.

Nachtleben: Aber nicht für Jugendliche

Wenn San Franciscos Jugend schläft, fängt das wahre Leben an.

San Francisco bei Nacht. Es sieht aus wie in einem Hollywood-Film: Leuchtreklame blinkt, Wolkenkratzer bohren sich in den dunklen Himmel und Sirenen heulen auf. Im Stadtteil Some reiht sich Bar an Bar, ein pulsierendes Nachtleben wartet auf zahlende Nachtschwärmer. Immerhin wohnen in San Francisco mehr als sieben Millionen Menschen.

Doch kaum ein Jugendlicher darf abends noch auf die Straßen: Das Nachtleben in San Francisco beginnt mit 21 Jahren. Erst dann darf ich in Diskotheken gehen und Bier kaufen. Mit 18 sind Jugendliche in den USA noch Milchbubies. Auch wenn einige Schüler Privatpartys schmeißen: In San Francisco achten Eltern mehr als in Deutschland darauf, was ihre Kinder anstellen.

*Name von der Redaktion geändert

Fotos: Rick Noack

Kommentare

Zitat "Immerhin wohnen in San Francisco mehr als sieben Millionen Menschen." Also wo bitte hat San Francisco 7 Mio Menschen??? Die Stadt selbst hat gerade mal um die 800.000, die gesamte Metropolregion etwas über 4 Mio… Der Verfasser dieses Berichtes hat von der Stadt aber mal rein gar keine Ahnung…Gang und Bandenkriege in SF? Ich schmeiss mich weg vor Lachen…vielleicht zu Al Capones Zeiten!
Hallo Harry, ich war selbst schon einmal in San Francisco und muss dir Recht geben. In der Stadt selbst ist die Kriminalitätsrate nicht höher als in anderen großen Städten auch. Anders sieht das auf der anderen Seite der Bucht aus. Die Kriminalitätsrate in Oakland ist sehr hoch – pro Jahr kommen circa 150 Leute durch Straßenmorde/ Bandenkriege ums Leben. Da sollte man sich Nachts als Touri also lieber nicht blicken lassen. Mit Al Capone hat das nix zu tun… Und noch zu der Sache mit den Einwohnern. Ich denke der Autor bezieht sich hier fälschlicherweise nicht auf die Stadt, sondern auf die Metropolregion um die Bucht herum. Allerdings erscheinen mir auch da 7 Mio. als zu viel.
Ja so sehe ich das auch. Dann sollte man das auch so schreiben, es erweckt einen falschen Eindruck für die sehr wunderschöne Stadt.