Junge Frau hält Plakat in die Höhe, auf dem steht: We love ObamaCare; im Hintergrund weitere Demonstrierende
Anders als in Deutschland ist es in den USA nicht selbstverständlich, eine Krankenversicherung zu haben. US-Präsident Obama will mit seiner Gesundheitsreform die Anzahl der Versicherten erhöhen. Foto: LaDawna’s pics/Flickr.com, CC-Lizenz (by)

Schekker-Autorin Andrea wohnt seit September in Santa Cruz, Kalifornien. Zahnschmerzen brachten sie in Berührung mit den Strukturen des US-Gesundheitssystems: Wer keine Versicherung hat, der muss selbst tief in die Tasche greifen. Doch das soll sich jetzt ändern.

Ich sitze in einem kleinen Wartezimmer und starre auf eine braune Wand. Mein Zahn pocht. Ich befinde mich in Santa Cruz, Kalifornien und mitten in meinem Austauschsemester. Den Zahnarzt habe ich im Internet gefunden. Hier gibt es keine 10 Euro Praxisgebühr wie bis vergangenes Jahr noch in Deutschland. Als ausländische Studentin ohne amerikanische Versicherung gilt für mich aber ein ’payment upfront’, wie mir die nette Zahnarzthilfe erklärt. Eine Sofortzahlung also. Ich zahle 130 Dollar für die bloße Untersuchung plus 430 Dollar für eine Füllung. Für mich eine horrende Summe, die ich aber zum Glück von meiner Auslandsversicherung erstattet bekomme.

In den USA ist es nicht selbstverständlich, eine Krankenversicherung zu haben, wie das Beispiel der 19-Jährigen Studentin Broghan zeigt. Mit 13 wurde bei ihr “Transverse Myelitis“ diagnostiziert, eine seltene neurologische Erkrankung, die eine Entzündung ihres Rückenmarks verursacht und zu Muskelschwäche führt. „Als meine Mutter und ich unzählige private Versicherungsunternehmen aufsuchten, wurden wir ausgelacht“, erzählt mir die Psychologiestudentin aus Santa Cruz. Es war unvorstellbar, dass eine Versicherung die Kosten für die Behandlung ihrer Krankheit übernehmen würde.

„Wie kann ein Kind nicht versichert sein?“

Dabei ist die private Krankenversicherung die gängigste Versicherungsmethode in den USA. Rund 63.9 % der Amerikaner waren 2011 privat versichert, davon 55,1 % über den Arbeitgeber, der Familienmitglieder in die Versicherung mit einschließen kann. Broghan war über die Arbeit ihres Vaters versichert, bis dieser starb. Ihre Mutter war zu dieser Zeit arbeitslos. Den Job als Sozialarbeiterin im Gefängnis fand sie erst drei Jahre später. “Wie kann es passieren, dass eine Minderjährige, ein Kind, gesundheitlich nicht abgesichert ist?“, fragt sich Broghan. Bis zu 30.000 Dollar hätten ihre Mutter und sie für eine Kernspinuntertomographie und die weitere Behandlung aus eigener Tasche finanzieren müssen.


Mit seiner Unterschrift besiegeltet US-Präsident Obama den „Patient Protection and Affordable Care Act“. Foto: Obama for America – California/Flickr.com, CC-Lizenz (by-nc-sa)

Ein umfassendes staatlich finanziertes Gesundheitssystem gibt es in den USA nicht. Während in Deutschland fast 85 % aller Bürger sich selbst und ihre Familie gesetzlich versichern, ist staatliche Unterstützung in den Staaten eher die Ausnahme. Die einzigen staatlichen Gesundheitsprogramme sind erst 1965 in Kraft getreten und decken spezifische Gruppen ab. “Medicare“ unterstützt Menschen über 65 Jahre, “Medicaid“ sichert einkommensschwache Familien mit Kindern, Schwangere, Behinderte und bedürftige Alte gesundheitlich ab. Das waren 2011 nur 32,2 % aller Amerikaner. 48,6 Millionen blieben immer noch unversichert, denn versicherungspflichtig ist in den USA keiner.

Ein Brief an Obama

Broghans Familie besitzt ein Haus und kam deshalb für die staatliche Fürsorge erst gar nicht in Frage. In ihrer Verzweiflung schrieb Broghan im Jahre 2010 einen Brief an US-Präsident Barack Obama. Sie erklärte ihre Situation und betonte wie wichtig für sie Obamas Gesundheitsreform sei. „Die Versicherungsberater haben meiner Mutter vorausgesagt, niemand würde mich jemals aufgrund der Kostspieligkeit meiner Erkrankung privat versichern.“ In der Tat können private Krankenkassen Personen mit bestehenden Krankheiten ablehnen. Gegen solche Diskriminierungen möchte Obama mit seiner “Obamacare“ vorgehen.

Krankenversicherung für Alle

Im März 2010 wurde der „Patient Protection and Affordable Care Act“ vom Kongress verabschiedet. Die Reform enthält verschiedene Programmpunkte, die mehr US-Amerikanern einen Zugriff auf eine Gesundheitsversicherung ermöglichen sollen. Innerhalb von zehn Jahren sollen diese Maßnahmen Schritt für Schritt realisiert werden. Das Ziel: Eine Versicherungspflicht für jeden US-Bürger und Strafzahlungen für jeden, der eine Versicherung nicht in Anspruch nimmt. Dem Staat wird dadurch aber nicht mehr Verantwortung oder Kontrolle übertragen. Eine auf Landesebene geregelte Gesundheitsbörse soll den amerikanischen Staatsbürgern die Möglichkeit geben, sich über verschiedene Policen zu informieren und zu vergleichen.

Obamas Ziel, die Anzahl der versicherten Bürger zu erhöhen, wird skeptisch beurteilt, nicht nur von den Republikanern. Kleinunternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern werden zu Abgaben verpflichtet, Medicaid- und Medicare-Empfänger fürchten sich vor Kürzungen zu Gunsten der Neuversicherten.

Hoffen auf Präsident Obama


Broghan setzt ihre Hoffnung auf Obamas Gesundheitsreform, an den sie sich direkt gewandt hat. Er hat ihr geantwortet. Foto: Andrea Wieczorek

Broghan kann über den Arbeitgeber ihrer Mutter nach der Verabschiedung von “Obamacare“ bis zu ihrem 26. Geburtstag versichert bleiben. Im Januar 2014 soll eine Maßnahme in Kraft treten, die Versicherungen verbieten soll, Menschen mit bereits existierenden Krankheiten auszuschließen. Bis dahin hofft sie, vom Community College an eine der “Universities of California“ wechseln zu können und von der universitätseigenen Versicherung abgedeckt zu werden.

Mit ihren in Schüben wiederkehrenden Krankheitsattacken wird es ihr kaum möglich sein, Vollzeit zu arbeiten und eine private Krankenversicherung abzuschließen. Sie hofft auf Obamas Reform. Schließlich hat der Präsident ihr persönlich mit einem handschriftlichen Brief geantwortet und versprochen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Gesundheitsreform durchzusetzen.

Kommentare

ich hätte eine frage : wie geht das system mit nicht versicherten personen in der usa um

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