Florian verbrachte drei Monate im letzten Sommer in Rom. Foto: Florian Reil

Hype um einen neuen Papst, Italiens Machtspiele in der Politik und Aug in Aug mit der Euro-Krise: Italien polarisiert. Schekker-Autor Florian war für drei Monate in Rom und hat sich ein Bild vom Leben im krisengeschüttelten Land gemacht.

Alle Wege führen nach Rom. Dieser Spruch hatte bereits vor Jahrtausenden Gültigkeit. Jährlich zieht es Millionen Menschen aus der ganzen Welt in die italienische Hauptstadt. Auch mich. Während der heißesten Zeit des Jahres, nämlich zwischen Juli und September, habe ich mich auf die Suche nach dem echten Italien begeben. Einem kontroversen Land zwischen idyllischer Natur, jahrtausendealter Kultur, Finanzkrise, Vetternwirtschaft und Jugendarbeitslosigkeit.

Natürlich führt für einen Besucher Roms kein Weg am Vatikan vorbei. So stand auch ich oft auf dem Petersplatz und vor der „Zentrale‟ der katholischen Kirche. Anfang des Jahres hat nun Papst Franziskus aus Argentinien das höchste Amt von Benedikt XVI übernommen. Ich hatte keine großen Hoffnungen den neuen Mann an der Spitze des Vatikans live erleben zu können, denn wie die meisten Römer zieht es traditionell auch den Papst in den heißesten Wochen des Jahres hinaus ins Umland. In seiner Sommerresidenz bei Castel Gandolfo genießt der Heilige Vater üblicherweise das kühle Wetter der Albaner Berge. Nicht so der neue Pontifex. Er wolle mit den ärmeren Römern mitfühlen, die in der Stadt blieben, so seine Begründung. So nutzen nun viele Tausende Gläubige auch in den Sommermonaten die Gelegenheit, den Papst bei seinem allsonntäglichen Angelus-Gebet live zu erleben.


Der Petersplatz in Rom ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Foto: Martin Wippel, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-NC-SA 2.0)

Auch ich als Katholik bin neugierig geworden auf diesen anderen, bescheidenen Chef meiner Kirche. Er ist ein Papst, der sich einmischt in die Weltpolitik, beispielsweise in den Syrien-Konflikt. Am 7. September rief er zu einem vierstündigen Friedens-Gebet auf. Zehntausend Menschen folgten seinem Aufruf, auch ich. Gemeinsam mit dem Heiligen Vater wollte ich ein Zeichen für Frieden und Versöhnung setzen. An diesem Abend wurde mir klar, dass dieser Mann die Massen begeistern kann. Sein Auftreten könnte das Misstrauen gegenüber der katholischen Kirche verringern. Er ist einer von vielen Päpsten in der Weltgeschichte ‒ aber doch so völlig anders als seine Vorgänger.

Italiens Politik und der Fall Berlusconi

Ein anderer älterer Mann sorgt ebenfalls regelmäßig für Aufsehen ‒ allerdings eher im negativen Sinne: Silvio Berlusconi. Der 1. Oktober 2013 markierte eine Wende in der politischen Geschichte Italiens. Berlusconi scheiterte bei seinem Versuch, die derzeitige Regierung Lettas zu stürzen. Erstmals hatten sich Abgeordnete seiner Partei gegen ihn gestellt. Sie wollten der aktuellen Regierung nicht das Misstrauen aussprechen und kreuzten somit Berlusconis Weg erstmals in seiner beispiellosen Karriere. Der Patriarch machte daraufhin gezwungenermaßen eine Kehrtwende und erklärte, er wolle Letta weiter unterstützen.

Schon Ende September hatte Berlusconi kräftig Gegenwind bekommen. Der Senat hatte entschieden, dass Berlusconi sein Parlamentsmandat verlieren soll. Dies wollten die fünf Regierungsmitglieder von Berlusconis Partei Il Popolo della Libertà (kurz PDL, dt.: Das Volk der Freiheit) damals nicht hinnehmen und hatten daher – aus Protest gegen das Ausschlussverfahren ihres Parteivorsitzenden – angedroht, von ihren Ministerämtern zurückzutreten. Nach nur wenigen Monaten im Amt wäre so auch die Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta am Ende gewesen.

Der erste harte Schlag hatte den scheinbar rechtsimmunen Politiker aber bereits im August dieses Jahres getroffen. Der ehemalige Regierungschef wurde rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung zu Hausarrest oder sozialer Arbeit verurteilt. Dieser Urteilsspruch brachte ihn zurück auf alle Titelseiten der italienischen Presse. Allerdings kehrte er nicht nur in die Medien zurück, sondern auch auf die politische Bühne: Mit dem Spruch „Tutti con Silvio“ (dt.: „Alle mit Silvio“) hatte seine Partei damals zu einer großen Solidaritätskundgebung vor seinem Haus im Zentrum Roms aufgerufen. Tausende Anhänger waren gekommen und spalteten die Stadt an diesem Tag in Befürworter und Gegner. Ich war mittendrin. Seine Anhänger feierten den Populisten und bestärkten ihn in der Fortsetzung seiner politischen Karriere. Die Gegner versuchten, sich der Feier zu entziehen. Doch so oder so: In Italien entkommt keiner dem Thema Berlusconi. Dieser Mann prägte die italienische Politik wie kein anderer.


Berlusconi spaltet das krisengebeutelte Italien. Foto: Hytok, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-NY-ND 2.0)

Trotz Steuerhinterziehung und Sexaffären genießt er immer noch großen Zuspruch in der Bevölkerung. Er kann die Menschen begeistern. Der Begriff „Berlusconismo“ bezeichnet eine ganze politische Strömung, angeführt von einem Mann, der sowohl Gesellschaft, Wirtschaft, als auch das gesamte politische System beeinflusst und von sich abhängig gemacht hat.

Europas Politik und die Krise Italien

Ein Großteil der Medien und Politikexperten in vielen anderen europäischen Ländern macht Berlusconi für die heutigen Probleme Italiens verantwortlich. Er wird als Synonym für Fehlwirtschaft und Maßlosigkeit gehandelt. Nun, da er nicht mehr an der Spitze der Regierung steht, versucht die neue Regierung Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen in der Wirtschaft durchzusetzen. Die Bemühungen zeigen bereits Wirkung: Der Wirtschaft in Italien geht es langsam besser. Dennoch zählt Italien neben Griechenland, Spanien und Portugal weiter zu den Krisenländern Europas.

Die Folgen der Krise habe ich in Rom täglich zu spüren bekommen. Anstehen für eine warme Mahlzeit ‒ das war das Bild, welches ich auf dem Weg zu meiner Sprachschule jeden Tag zu sehen bekam. Obdachlose und Krisen-Geschüttelte standen über eine Stunde in der Schlange vor einem Kloster in der Nähe des Circo Massimo, um einen Teller warmes Essen zu bekommen. Viele von ihnen schlafen in Grünanlagen oder Unterführungen, baden in öffentlichen Brunnen und bitten um Geld für Essen. Das ist das Rom jenseits der weltbekannten Sehenswürdigkeiten.
Die Krise sorgt auch dafür, dass man in Supermärkten und Eisdielen von überqualifizierten Männern und Frauen bedient wird. Eine junge Römerin, die in Deutschland studiert hatte, sagte zu mir: „Ich bin froh, dass ich überhaupt eine Arbeit gefunden habe.“ So steht sie nun jeden Abend in einer Eisdiele ‒ trotz Masterabschluss. Wie in vielen südeuropäischen Ländern ist auch in Italien die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch. Derzeit liegt sie bei einem Rekordstand von 40,1 Prozent. Selbst gut ausgebildete Hochschulabsolventen finden keinen Job. Sie sind die Leittragenden von Misswirtschaft und Bankenspekulationen. Die Eurokrise bekam für mich durch diese vielen jungen und alten Leute ohne greifbare Perspektive zum ersten Mal ein Gesicht. Die Zahlen und Fakten aus den Medien wurden zu hunderten Gesichtern, denen ich in Rom begegnet bin.

Roma, dove vai ?

Rom hat schon seit Jahrtausenden das Talent Krisen abzuwenden, sich anzupassen. Das Kolosseum und das Forum Romanum jedenfalls werden sicherlich auch in den nächsten Jahren Millionen Touristen in ihren Bann ziehen. Päpste und Politiker werden diese alte Stadt immer wieder aufs Neue prägen, bewegen und versuchen zu beeinflussen. Und auch wenn die Krise noch länger anhält und ihre Spuren hinterlässt, hat sich für mich der Einblick gelohnt. Schließlich führen alle Wege nach Rom!

Kommentare

Eine super interessante Ausführung von Roma / Italien ! Vorallem die Gegenüberstellung von Papst Franziskus und Herrn Berlusconi ist sehr gelungen und unterhaltsam.
Interessante Perspektive! Berlusconi, Papst Franziskus, Jugendarbeitslosigkeit, Syrienkonflikt, Wirtschaftskrise usw., alles ist drin.
Mehr Hintergründe über Berlusconi bitte. Guter Artikel

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