„Die Argentinier sind Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären, die glauben, in Paris zu leben.“ So beschrieb einst der argentinische Schriftstellers Jorge Luis Borges seine Landsleute. Doch so interkulturell das Leben in Metropolen wie Buenos Aires sein mag, die Lebensqualität und Perspektiven lassen zu wünschen übrig – Argentinien steuert auf die nächste große Krise zu.
Man könnte meinen, in Buenos Aires würden fast alle der „Generation 18 plus“ Film, Theater und Tanz studieren. Jeder will in der Kunst- und Kulturszene durchstarten, doch nur wenige werden nach dem kostenlosen Studium ihres Hobbys tatsächlich Karriere machen. Zwar hatte sich das Land vom Staatsbankrott 2002 zwischenzeitlich gut erholt, vergangenen August sogar die letzten Schulden abbezahlt, doch zehn Jahre nach der Krise kehren Unzufriedenheit und Unruhen zurück.
Grund dafür ist unter anderem die hohe Inflation, die den Peso – die argentinische Währung – an den Rand der Bedeutungslosigkeit drängt und die Dollargeschäfte in der Metropole florieren lässt. Auch ausländische Studenten mischen hierbei mit, indem sie zum Tagesausflug ins Nachbarland Uruguay fahren, Dollarscheine abheben und in Argentinien gewinnbringend unters Volk bringen. Und während die Gehälter unter denen in Mitteleuropa liegen, übersteigen die argentinischen Preise für Miete, Lebensmittel und Kleidung sogar hin und wieder die aus Deutschland. Die Armut ist wieder allgegenwärtig.
Problem der Zuständigkeiten
Argentiniens Staatsoberhaupt, Präsidentin Cristina Férnandez Kirchner, deren Mann als Amtsvorgänger das Land einst aus der Krise führte, steht wegen ihrer Politik zunehmend in der Kritik. Buenos Aires erlebte vergangenen November die größten Demonstrationen der letzten Jahre. Der ständige Streit zwischen der Präsidentin, dem Provinzchef, Buenos Aires’ Bürgermeister und den Gewerkschaften über Zuständigkeiten wirkt sich immer wieder auf den Alltag in der Millionenmetropole und im ganzen Land aus. Im vergangenen August streikte etwa die U-Bahn zehn Tage lang und das Verkehrschaos sowie Gewalt gehören mittlerweile zum üblichen Stadtbild. Die Staatschefin baut indessen ihre Macht im Land durch zahlreiche Gesetze zu ihren Gunsten kräftig aus – viele Beobachter sehen Parallelen zu Hugo Chavez’ Weg in Venezuela, was etwa Staatsinterventionen und Teilverstaatlichungen betrifft.
Viel Kritik an Kirchner
Sogenannte Cartoneros sammeln
Müll, um irgendwie Geld zu
verdienen. Foto: Fabian Vögtle
Medienunternehmen wie „Clarín“, die kritisch über die Regierungsarbeit berichten, werden seit Anfang Dezember durch ein Gesetz dazu gezwungen, ihre hohen Anteile an Zeitungen und Rundfunkmedien deutlich zu reduzieren. Man könnte darin vorbildliche Monopol-Kontrolle sehen. Doch Kirchners Gründe liegen wohl weniger in einem offenen, liberalen Mediensystem, als vielmehr in der Eindämmung kritischer Berichterstattung.
Schärfster Kritikpunkt ihrer Gegner ist allerdings eine Verfassungsreform, die Kirchner ermöglichen soll, 2015 zum dritten Mal gewählt zu werden. Dieses Ansinnen wird mit populistischen Vorschlägen wie der Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre flankiert. Denn gerade junge Argentinier halten laut Umfragen noch eher zur Präsidentin als ihre Elterngeneration. Diese könnten mit ihrer Stimme bei den Parlamentswahlen in diesem Jahr für Kirchners Leute den Weg ins Casa Rosada, den argentinischen Präsidentenpalast, zwei Jahre später ebnen.
In Europa und Deutschland bekommt man davon kaum etwas mit. Zu stark ist die Konzentration auf die Probleme der europäischen Mutterländer Argentiniens wie Spanien und Italien. Doch in naher Zukunft wird es auch hier zur politischen und wirtschaftlichen Krise kommen. Die Anzeichen sind da und alles andere als ein großes Gewitter wäre ein Wunder.
Die neue Generation
Aus dem Einwanderungsland Argentinien sind seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute viele in ihre europäische Heimat zurückgekehrt – erneut geflohen vor Militärdiktaturen und Wirtschaftskrisen. Bei den Menschen wächst die Distanz zu ihrer Heimat. Während sich die Kinder der damaligen Einwanderer immer wieder die Frage stellten, wo ihre wahre Heimat ist und welcher Nationalität sie angehören, verbindet die Enkel meist nicht mehr als ihr Nachname mit dem ursprünglichen Herkunftsland der Familie. Die Krise in den europäischen Ländern, deren Sprachen sie sprechen oder zumindest verstehen, sowie die neuen Ausreisebeschränkungen für Argentinier, machen es nicht einfach nach Europa auszuwandern. Einige versuchen dennoch einen Neustart und kommen etwa nach Deutschland, andere suchen ihr Glück oft in südamerikanischen Nachbarländern. Doch das löst die Probleme oftmals weder für sie selbst noch für das Land. So stellen sich die meisten jungen Argentinier den kommenden Konflikten in Argentinien und hoffen auch ein bisschen auf ein argentinisches Wunder.



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