Zwölf oder dreizehn Jahre? Fünf oder zehn Stunden? Sechs oder neun Semester? Über die aktuellen Fragen der Bildungspolitik wird überall eifrig gestritten. Autorin Resi hat sich eine eigene Meinung gebildet.
Gemeinsam lernen: Die Gesamtschule
Schule in einer großen Gemeinschaft: Die Idee klingt harmonisch. „Jeder kann mit jedem“ könnte das Motto der Gesamtschulen lauten. Alle Schüler sollen – unabhängig von ihren Leistungsfähigkeiten – zusammen lernen. Gesamtschulen gibt es in Deutschland in fast allen Bundesländern außer Sachsen. In vielen Bundesländern aber nur vereinzelt. Hamburgs Regierung kämpfte beachtenswert für die Gesamtschulen. Streit gab es vor allem mit der Opposition: Diese forderte neben Nachmittagsunterricht und täglichem Mittagessen auch kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung der Schulen. Trotzdem hagelt es seitens der Eltern und Bildungsexperten auch bundesweit große Kritikkörner.
Ziel der Übung ist, niemanden auszugrenzen, schwächere Schüler sollen von den stärkeren lernen. Klingt toll – aber was ist mit den Stärkeren? Zehn Stunden täglich in einem Klassenraum mit Leuten, die fürs Mitschreiben dreimal so lange brauchen wie ich. Das würde ich nicht aushalten. Um das zu vermeiden, sollen die Schüler zumindest in manchen Fächern nach ihrem Leistungsniveau eingeteilt werden.
Wirklich durchdacht kommt mir das Konzept Ganztagsschule nicht vor: Einerseits will man gemeinsam lernen, andererseits stecken die Lehrer ihre Schüler ab der siebten Klasse in verschiedenen Leistungsniveaus. An diesem Zugeständnis merkt man doch, dass die Idee nicht ganz funktioniert.
Denn es hilft ja alles nichts: Für mein Studium brauche ich eben eine anspruchsvolle und vielfältige Ausbildung. Und für einen guten Abschluss muss ich mich in allen Fächern anstrengen: Da bringt es mir doch nichts, in einem Mathe-Kurs mit Hauptschulniveau zu sitzen und gleichzeitig in einem Deutsch-Kurs mit Abiniveau.
Freizeit ade: Die Ganztagsschule
Das Geheimrezept für gestresste Schüler soll neuerdings Ganztagsschulen heißen. In solchen Schulen können Kinder und Jugendliche schön über den Tag verteilt der Wissenserweiterung frönen und dazwischen spannende Zusatzangebote der Schule wahrnehmen. Es gibt derzeit etwa 6.400 Ganztagsschulen in Deutschland, vor allem in Berlin, Brandenburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen. Auch einst skeptische Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg bauen inzwischen mit finanzieller Unterstützung des Bundes Ganztagsschulen aus.
An meiner eigenen Schule in Sachsen gibt es einzelne so genannte Ganztagsangebote, die von Abiturkompaktkursen bis zu Stimmbildung reichen. Sehr lobenswert, dass wir Schüler ein so breites Angebot serviert bekommen! Auch ist es für unsere Eltern bestimmt von Vorteil, dass sie nachmittags ungehindert Geld verdienen können, und wir ihnen nicht auf den Senkel gehen.
Jedoch sollte das Angebot auf Freiwilligkeit basieren. Früher war ich glücklich, wenn ich mit dem Mittagsgong schnellen Schrittes das Schulhaus links liegen lassen konnte. Jetzt nutze ich ungezwungen das Ganztagsangebot für die Abiturvorbereitung. Einmal die Woche trällere ich im Schulchor. Und trotzdem bin ich froh, einen großen Teil meiner Freizeit nicht am vorbelasteten Ort „Schule“ zu verbringen.
Kürzer und besser: G8
Äußerst verwunderlich finde ich die Kritik am G8-Programm. G8 bedeutet, dass ich mein Abi nach acht – statt neun – Jahren mache und somit ein Jahr früher fertig bin mit der Schule. Was soll daran schlecht sein?
Ich als sächsische Schülerin kenne ja nur das achtjährige Gymnasium. In Sachsen und Thüringen gibt es seit der Wende nur zwölf Schuljahre. In den anderen Bundesländern hat man sich erst nach und nach für G8 entschieden; in den meisten ist die Umstellung vom neunjährigen zum achtjährigen Gymnasium noch in vollem Gange.
Die konkrete Umsetzung der Schulzeitkürzung ist natürlich problematisch, das sehe ich ein – besonders, wenn bei identischem Lehrplan die Schulzeit gekürzt wird. Dass das nicht aufgeht, haben Lehrer und Kultusminister jetzt in Bayern bemerkt – und die Stoffmenge zumindest noch ein wenig nach unten geschraubt.
Richtig schwierig ist bei diesem Thema jedoch, dass in einem Jahr, dem Jahr der Umstellung, zwei Jahrgänge auf den Uni- und Arbeitsmarkt strömen: die Klassen 12 und 13. Diesen Schülern wünsche ich jetzt schon viel Glück und beneide sie nicht. Da habe ich mit dem G8, das in Sachsen schon seit der Wiedervereinigung besteht, eindeutig die bessere Karte gezogen.
Meister durch Master: Das Bologna-Verfahren
Ersatz fürs Schulleben bietet mir bald die Uni. Bei der vernebelten Bachelor/Master-Diskussion muss ich mir erst mal ein freies Sichtfeld verschaffen. Angeblich soll das neue System praxisbezogener sein und dem internationalen Standard angepasst. Außerdem geht alles schneller – klingt also soweit gut. Im Freundeskreis höre ich trotzdem viel harsche Kritik am rasanten Studieren.
Lustig und entspannt ist das Studentenleben heute nicht mehr, soviel habe ich schon kapiert. Wer das Studium ordentlich durchboxen will, muss heute zu weit mehr Pflichtveranstaltungen erscheinen und deutlich mehr Arbeiten schreiben – über das ganze Semester hinweg.
Der zehnte „Studierendensurvey“ der Uni Konstanz kratzt stark am Image des neuen Bologna-Verfahrens. Auch wenn die Studenten mit Inhalten und dem Aufbau des neuen Studiums zufrieden sind: Nur 12 Prozent der im Jahr 2007 Befragten glauben, Bachelor-Absolventen hätten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Produziert der Bachelor also Hochschulabsolventen zweiter Klasse? Außerdem haben Umfragen ergeben, dass das neue System weder besonders praxisreich ist, noch eine wirklich gute Berufsanbindung ermöglicht.
Sieht so aus, als müssten die Unis sich dem neuen System noch besser anpassen. Trotzdem: Studieren möchte ich immer noch. Vielleicht hat sich bis dahin ja schon was getan.


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