Die demografische Entwicklung zeigt es: Deutschland altert, die Zahl der Rentner und gleichzeitig nimmt die Bevölkerung ab. Viele junge Paare entscheiden sich gegen Kinder, beispielsweise weil die berufliche Karriere Vorrang hat. Aber brauchen wir in Deutschland mehr Kinder? Wibke und Veronika sind da unterschiedlicher Meinung.
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Pro: Wibke „Die Welt gehört in Kinderhände. Kinder an die Macht!“, singt Herbert Grönemeyer aus vollem Hals und wird von allen Seiten bejubelt. Auch wenn der Song viele Fans hat, verstehen viele Deutsche die Message nicht mehr. Diese richtet sich nicht nur an Politik und Gesellschaft, ein kinderfreundliches Umfeld zu schaffen. Auch potentielle Eltern sollten sich angesprochen fühlen. Statistiken machen es deutlich: Deutschland wird alt. Nur noch knappe 18 % der Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt, denn für viele junge Menschen ist Kinderkriegen unattraktiv geworden. Die oft genannten Gründe? Kinder sind ein Karrierekiller, sie kosten Geld, sie schreien, sie kratzen, sie beißen. Natürlich ist da etwas dran. Ich verstehe die Frau, die heutzutage arbeiten gehen und nicht zu Hause die Rundumbetreuung für ein Kleinkind übernehmen möchte. Mir ist klar, dass Kinder dauernd neue Kleidung und Spielzeug brauchen. Und natürlich ist die Erziehung nicht immer einfach. Doch wer so argumentiert, hat die Frage missverstanden. Spricht man vom Kinderkriegen, so geht es nicht um bloße Fakten. Ein Kind zu bekommen heißt, seine Erfahrungen weiterzugeben und wichtige Werte zu vermitteln. Es muss geliebt und beschützt werden und kein Verhältnis ist so stark, wie das zwischen Eltern und ihren Kindern. Deutschland braucht mehr Kinder, denn sie sind die Zukunft von morgen. Irgendwann werden sie unsere Gesellschaft bestimmen und wir müssen auf sie vertrauen können. Und ganz pragmatisch gedacht: Die Generation unserer Kinder ist es schließlich, die später arbeiten gehen und für unsere Rente aufkommen wird. Es ist schon jetzt abzusehen, dass unsere Sozialsysteme angesichts der niedrigen Geburtenrate in Deutschland nicht in dieser Form bestehen bleiben können. Unabhängig davon wünsche ich mir Kinder, vielleicht sogar drei oder vier. Ich freue mich darauf, Mutterschaftsurlaub zu nehmen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Schließlich sollte die Familie wichtiger sein als Karriere und Arbeit. Irgendwann sitze ich, umzingelt von meinen Kindern und Enkeln in einem schönen Garten und freue mich, dass meine Familie gewachsen ist. Herbert, ich stimme dir zu: Kinder an die Macht! |
Contra: Veronika Ach du liebes Kind: mehr Kinder? Oh ja, die deutsche Geburtenrate ist mit 1,39 im weltweiten Vergleich recht mickrig. Deshalb eine ganze Horde Kinder in die Welt zu setzen, ließe die Statistik zwar nach oben schnellen. Die politischen und gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen sind aber meiner Meinung nach nicht dazu angetan, Kinder in die Welt zu setzen. Die Probleme beginnen mit der Frage, ob nach der Geburt ein Elternteil vom Job fernbleibt, um sich um Junior zu kümmern und wenn ja, wer? Immer noch gibt es zu wenig Betreuungsangebote für Kleinkinder. Laut Statistischem Bundesamt findet nur jedes vierte Kind unter drei Jahren einen Platz in der Kita. Darüber hinaus gibt es kaum Modelle für flexible Arbeitszeiten, es gilt das Prinzip ganz oder gar nicht. In dieses Klima sollte kein Kind hineingeboren werden! Hinzu kommt eine weitere Dimension: Noch immer verdienen Frauen bis zu 20 Prozent weniger als Männer. Häufige Begründung: Bei Frauen sei das Ausfallrisiko aufgrund der Kinderplanung höher. Keine Frau sollte durch den Nachwuchs Nachteile haben. Genauso sollte sich aber auch keine Frau rechtfertigen müssen, falls Kinder in ihrem Lebensplan nicht vorgesehen sind. Gerade wenn man über Frauenquoten und ihren Sinn und Unsinn diskutieren will, muss das Bild der arbeitenden Frau in der Öffentlichkeit präsenter werden. Und nicht das Bild einer Frau hinterm Herd und mit Kinderwagen. Aber die Rente, wer sichert dann meine Rente? Diese Frage eignet sich bestens für Geburtsraten-Populismus. Ein Kind ist aber keine Altersvorsorge. Der Sozialstaat schwächelt nicht erst seit gestern. Wenn eine steigende Geburtenrate die einzige Lösung für dieses Problem sein soll, ist das eine ziemlich schwache Ausrede. Wo bleiben neue innovative Lösungen? Bis jetzt hat sich da noch nichts getan. Wer mehr Kinder in Deutschland sehen will, hätte also eine Menge Baustellen zu bearbeiten. Es ist wie in der Erziehung: Erst für richtiges Verhalten gibt es Anerkennung. Warum also Kinder in die Welt setzen, wenn die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen? |



