Dieses Jahr finden die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi statt. In der Kritik stehen dabei vor allem die politischen Rahmenbedingungen für das sportliche Großereignis. Zu Recht? Während Alexander in den Spielen eine Chance für eine offene Diskussion sieht, glaubt die gebürtige Sotschianerin Yulia, dass gerade diese sachlich Auseinandersetzung in Gefahr ist.
|
Pro: Alexander Das Jahr 2014 wird sicherlich nicht als Periode russisch-westlicher Freundschaft in die Geschichte eingehen. Noch vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Sotschi hagelt es Vorwürfe. Und doch ist es wichtig, dass die Spiele gerade im „Zarenreich“ Putins stattfinden. Denn ab Februar blicken die Augen aus aller Welt auf den Wintersport und damit unweigerlich auch auf Russlands Probleme. Kritik kommt nicht ohne Protest. Und so könnten aus scharfen Worten kluge Taten werden. Wer in den vergangenen Wochen von Sotschi 2014 in der Presse las, bekam schnell das Gefühl, der Sport sei hier nur Nebensache. Tausende Familien verloren durch Zwangsenteignung ihr Zuhause. An Stelle ihrer Häuser stehen nun Sportanlagen. Die Bauarbeiter, die die Sportstätten hochziehen, wurden systematisch ausgebeutet. Dort, wo diese Anlagen stehen, vertrieben die Russen schon seit dem 19. Jahrhundert die ansässige Bevölkerung, darunter tscherkessische Stämme. Die Vertreter der Tscherkessen wollten des begangenen Unrechts vor Beginn der Spiele gedenken. Die russische Polizei nahm die Kritiker daraufhin fest. Sie dürfen nicht an ihre historische Unterdrückung erinnern. Russlands mangelhafter Umgang mit den Menschenrechten ist immer wieder Thema in den Medien. Putin sorgte mit der Unterzeichnung des Anti-Homosexuellen-Gesetzes Ende Juni für internationale Empörung. Mit seinem Statement, es gebe keine Schwulen in Sotschi, sorgte Sotschis Bürgermeister kürzlich für neuen Aufruhr. Auch die Unterdrückung der Opposition, Korruption, die Zensur der Medien und die Überwachung der Menschen trägt zur diskussionsgeballten Stimmung vor den Spielen bei. Dutzende Politiker kommen nicht zu Putins Spielen – darunter Gauck, Merkel, Hollande, Cameron und Obama – andere Prominente – wie die Popikone Lady Gaga – riefen gar zum Boykott der Spiele auf. Die Diskussion um den umstrittenen Austragungsort hat dennoch bereits vor den Spielen wichtiges erreicht: Jeder Skandal, jeder Menschenrechtsverstoß steht im Blick der Öffentlichkeit. Ein Boykott ist meiner Meinung nach das falsche politische Signal. Er zeugt von Desinteresse und Handlungsarmut. Stattdessen sollte die internationale Gemeinschaft ihre Präsenz bei den Winterspielen in vollen Zügen nutzen. Die Winterspiele bieten den Moment für Proteste. Um zu zeigen, dass wir als globales Dorf, Verbrechen und Untaten in unserer Weltgemeinschaft nicht einfach hinnehmen, sondern uns für Gerechtigkeit einsetzen. Denn Druck ist der beste Weg, um Einfluss auf die Politik auszuüben und somit die Menschenrechtssituation in Russland zu verbessern. Die olympischen Tugenden stehen im Sinne des gerechten Wettkampfs, der gegenseitigen Freundschaft und dem Streben nach Harmonie. Zeigen wir in Sotschi, dass wir im Sport wie in der Gesellschaft nicht vergessen haben, wie man mit einer offenen Diskussionskultur für seine Ideale kämpft und über Ungerechtigkeit siegt. |
Contra: Yulia „Man sollte Sport nicht politisieren“, begründete der Schweizer Ministerpräsident Ueli Maurer seine Absicht, die Olympischen Spiele in Sotschi nicht zu boykottieren. Ich bin da ganz anderer Meinung und finde, dass gerade die Olympiade als großes Sportereignis von der Politik schier untrennbar ist. Verwurzelt ist dies in der Olympischen Charta, wo es heißt: „Ziel des Olympismus ist es, […] eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist.“ Für mich bedeutet das ganz klar, dass die Olympischen Spiele in Russland eigentlich gar nicht stattfinden dürften. In Russland geschehen Verletzungen der Menschenrechte, wie sie mit der Olympischen Charta unvereinbar sind. So stellt beispielsweise das „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda”, welches 2013 in Russland verabschiedet wurde, eine klare Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen dar. Auch Russlands Umgang mit der Opposition ist bedenkenswert: Erinnere man sich nur mal an die Reaktionen auf die Protestaktion „Marsch der Millionen“ vom 6. Mai 2012. Damals hatte es bei einer Großdemonstration gegen die erneute Vereidigung von Waldimir Putin zum russischen Präsidenten, heftige Zusammenstöße mit der Polizei gegeben. Ständig tauchen neue Korruptionsfälle in den Medien auf. Zuletzt veröffentlichte der russische Oppositionsführer Alexey Nawalny in seinem Blog eine Dokumentation, welche zahlreiche Dunkelgeschäfte im Bezug auf die Finanzierung und den Bau olympischer Stätten aufdeckt. Die Menschenrechtssituation in Russland ist also alles andere als eindeutig und hat mit „der Wahrung der Menschenwürde“, wie sie die Olympische Charta fordert, nichts zu tun. Doch wenn man die Völkerverständigung als höheres Ziel von Olympia versteht, wäre dies doch eine gute Chance, sich kritisch und nüchtern mit der Politik und Rechtssituation Russlands auseinanderzusetzen. Denn Auseinandersetzungen sind gut. Sie bringen uns weiter, sind Grundlage jedes Fortschritts. Nur leider rutschen solche sachlichen Diskussionen, beiderseits, zu oft in eine viel zu emotionale Ebene ab, gespickt mit gewissen Feindbildern, Voreingenommenheiten und Bösartigkeiten. Der Wille zum Fortschritt, zum Helfen und zur Verständigung geht verloren. Stadtessen, habe ich das Gefühl, entsteht eines sogenanntes „Russland-Bashing“ westlicher Medien und auch dementsprechende Berichte über die westlichen Länder auf russischer Seite. Meine größte Angst als gebürtige Sotschianerin in diesem Zusammenhang ist, dass sich der Olympiagedanke buchstäblich umkehrt: Anstatt die Völkerverständigung zu fördern, kühlen die Diskussionen rund um die olympischen Winterspiele das politische Klima merklich ab. Ich bezweifle stark, dass das der Friedenssicherung auf der Welt einen Dienst erweist. |



