Wo immer man Judith sieht, ist sie beim Arbeiten. Foto: Florian Birnmeyer

Judith hat mit ihren 18 Jahren schon eine ganze Menge erreicht: Als Bezirksschülersprecherin vertrat sie 2008 die Schülerinnen und Schüler der Gymnasien Schwabens. Sie war in Talkshows zu Gast und sprach mit Politikern. Autor Florian hat sie gefragt, was sie mit ihrem Engagement erreichen will.

Demokratie leben

Mit Lächeln und gespanntem Blick sitzt mir Judith gegenüber. Trotz des straffen Programms der Versammlung der LandesschülerInnenvereinigung, die sie heute moderiert, hat sie Zeit für ein Gespräch gefunden. Sie rückt schnell die Strähnen ihres Ponys zurecht und spielt mit ihren Dreadlocks. Aufregung? Nein, Interviews zu geben ist für sie kein Problem, winkt sie ab und bewegt ihren Blick kurz zur Seite. Schließlich war die bayerische Schülerin im Januar 2008 als „G8-Expertin“ bei Maybrit Illner. Mit dem Flieger ging es von Memmingen nach Tegel, von dort ins Hotel und mit dem Mercedes ins Studio. Lampenfieber? „Dazu hatte ich gar keine Zeit.“

Was sie auf der Maybrit-Illner-Couch gemacht hat? „Ich habe einfach meine Meinung gesagt,“ antwortet sie. Das ist für sie Demokratie und die lebt Judith mit ihrem Engagement in der bayerischen LSV. Schon ihr Auftreten – erdbeerrote Zipperjacke und im Kontrast dazu türkisfarbene Stiefel – verrät: Ich lasse mich nicht in Schubladen stecken, sondern habe meine eigenen Ansichten. Für die reiste sie 2008 als Bezirks-Schülersprecherin in alle Ecken Bayerns zu Seminaren und Tagungen und opferte fast ihre komplette Freizeit für die LSV.

Eine Schule für alle

 
Judith kämpft für Bildung mit Herz.
Foto: Florian Birnmeyer

Dabei fand sie Bildungspolitik früher, als Schülersprecherin, eher langweilig. Sie sah nicht ein, warum man das bestehende Bildungssystem ändern sollte. Heute sieht sie das anders: „Man muss mehr hinterfragen.“ Sie ist für „eine Schule für alle“, eine Ganztagsschule mit individuellen Wochenplänen für jeden und gegen Noten. Die freie Arbeitszeit bereite die Schüler auf die Arbeitswelt vor. Dort schaue auch niemand, wer seine Hausaufgaben richtig macht. Außerdem wünscht Judith sich mehr Mitbestimmung für Schüler. Sie schlägt die Beine übereinander und meint vollkommen ruhig, so als spräche sie eine Tatsache und keine Forderung aus: „Die Schule muss von den Schülern her gedacht werden“.

Bis zur Verwirklichung dieser Forderung ist es noch ein weiter Weg, das weiß Judith. Allein um einen Landesschülerrat in Bayern durchzusetzen, hat die LSV 25 Jahre gekämpft. Im Januar 2008 wählte dann die Landesschülerkonferenz den ersten Landesschülerrat. Solche Erfolge sind selten. Das ändert allerdings nichts an Judiths Motivation. Auch nicht in Zukunft: Denn auch nach dem Abi möchte sie noch mitbestimmen und mitmischen. Sie will vor Ort an der Hauptschule als Lehrerin unterrichten und – nach einem entsprechenden Kurs – Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund Deutsch beibringen. Ihr Motto, um ihre Ziele zu erreichen, ist ganz einfach und einprägsam: „Machen statt motzen.“



Oft sitzt Judith die ganze Nacht am Rechner.
Foto: Daniel Gögelein

Anruf aus dem Kultusministerium

Und sie macht: 2008 besuchte sie fast jedes Wochenende ein anderes Treffen, hat manchmal bis in die Nacht an Projekten gearbeitet und dann noch für die Schule gepaukt. Natürlich gibt es dann Phasen, in denen die Frage auftaucht: Der ganze Aufwand – für wen? Doch Judith hat stets ihr Lächeln behalten und ihre Probleme gelöst. Heute sagt sie ganz selbstverständlich, während sie sich nebensächlich mit der Hand durch den Pony fährt: „Ich lerne selbst unheimlich viel durch meine Aktionen – egal ob Rhetorik oder Zeitmanagement.“

Natürlich hinterfragt Judith immer wieder die aktuelle Bildungspolitik. Vor ihrem Auftritt in der Talkshow „Hart, aber fair“ bekam sie einen Anruf aus dem Kultusministerium: Sie solle doch bitte nicht nur schlecht über das bayerische Schulsystem reden. Doch Judith blieb bei ihrer Meinung. Weitere Kritik kam vom Direktor ihrer Schule. Der Lautstärke ihrer Stimme merkt man ihren Ärger an: „Erst war er nur skeptisch, aber nach den Fernsehauftritten lagen wir uns ständig in den Haaren.“ Ihre Freunde hingegen, sagt sie, verstehen ihr Engagement, lachen aber trotzdem, wenn sie mit gepackten Koffern in die Schule kommt.


Immer ein Lächeln im Gesicht: Judith lässt sich nicht unterkriegen., Foto: Florian Birnmeyer

Die nächste Idee kommt bestimmt

Das Lachen bremst Judith allerdings nicht aus. 2009 möchte sie noch einmal Gas geben. Sie arbeitet an einem perfekten „basis 09“. Das ist der bayerische Schülerkongress, der im April diesen Jahres zum sechsten Mal Schülerinnen und Schüler aller Schularten zusammenbringt. Ein Wochenende lang diskutieren sie dort übers Schulsystem und lernen, was richtige Arbeit in der Schülermitverantwortung (SMV) bedeutet. Ein Wochenende gelebte Demokratie, ganz in Judiths Sinne.

Dann ist aber vorerst Pause, oder? Sie hebt ihren Blick und überlegt kurz. Dann meint sie lächelnd, fast erleichtert beim Gedanken an mehr Freizeit: „Ich möchte wieder Saxophon spielen, einen Malkurs besuchen, ins Theater gehen, Französisch lernen – und das Abi machen.“ Doch das nächste Projekt ist schon in Planung. Sie schaut flüchtig an die Decke, als ob sie gerade etwas entdeckt hätte: „Vielleicht gründe ich irgendwann auch ein Stadtparlament in Illertissingen.“ Die nächste Idee kommt bestimmt.

LSV-Links:
LandesschülerInnenvereinigung Bayern
Bundesschülerkonferenz

Kommentare

Ich find so Leute, wie zum Beispiel Judith, voll cool: die sezten sich für etwas ein, was später wahrscheinlich unsere Zukunft beinflusst.
So wie Judith in diesem Artikel auch angepriesen sein mag, ist es für mich als Schüler völlig unverständlich, wie man das Konzept "Eine Schule für alle" ernsthaft vertreten, geschweige denn unterstützen kann. Die oberflächliche Argumentation, dass im Berufsleben auch keiner die Hausaufgaben kontrolliere, geht völlig an der beruflichen Wirklichkeit des ergebnisorientierten Arbeitens vorbei. Hausaufgaben sind nicht per se unnütz, diese sind aus pädagogisch-didaktischer Sicht unumgänglich, weil dadurch Schülerinnen und Schüler nicht nur die Möglichkeit erhalten das im Unterricht Gelernte anzuwenden, sondern sich ebenfalls im Rahmen einer gewissen Selbstdisziplin, die belohnt wird, auf die nächste Unterrichtsstunde vorbereiten können. Des Weiteren lässt sich erkennen, dass die geringe Wertschätzung des Bildungsstandorts Bayern und des dort ziemlich erfolgreichen Bildungssystems im Vergleich zu den übrigen Bundesländern, von gewisser realitätsferne und idealistischer Gesinnung zeugt. Die Forderung der Abschaffung von Noten kann meines Erachtens nur ironisch aufgefasst werden, und bestätigt meine Verwunderung über eine gewählte Schülervertretin, die einerseits zwar demokratisch legitimiert wurde, jedoch andererseits gewiss nicht die Meinung der wählenden Schülerschaft wiedergibt. Mit besten Grüßen, ein Schüler aus der Hansestadt Hamburg
** *Ich finde es gut, dass ihr euch mit dem Thema Schulsystem auseinandersetzt und darüber diskutiert. Allerdings wird, JPU, auch deine Meinung nicht DER Meinung der kompletten Schülerschaft Hamburgs entsprechen. Wir leben immerhin in einer Demokratie, die die Existenz verschiedener Meinungen noch immer erlaubt. Natürlich ist Bayern ein sehr erfolgreicher Bildungsstandort, wenn man die PISA-Studie als Maß nimmt. Es geht Judith und anderen LSV-aktiven Schülern aber um die Chancengleichheit in der Gesellschaft, die ganz klar nicht durch das bayerische Schulsystem gegeben ist. In Bayern wird das dreigliedrige Schulsystem gefördert, das schon nach der Grundschule selektiert. Das ist zu früh, da sich manche Kinder erst später vollkommen entwickeln. Außerdem wählt der Grundschullehrer oft nicht nach Noten, sondern nach sozialer Lage eines Schülers die weiterführende Schulart. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund werden benachteiligt, was zur Verfestigung der vorhandenen sozialen Strukturen führt. Integration wird dadurch schwieriger. * ** *Ein Weg, diese Chancenungleichkeit, die du offenbar nicht als problematisch ansiehst, zu beseitigen, ist das Konzept "Eine Schule für alle". Bei diesem Modell gehen, wie der Name schon sagt, zuerst einmal alle Schüler auf dieselbe Schule, haben also dieselben Chancen. Ihre Berufswege werden nicht mehr durch die frühe Selektion im Alter von 10 Jahren zementiert. Über das Modell kursieren scheinbar Vorurteile, die so nicht stimmen. Wo steht eigentlich, dass die Hausaufgaben abgeschafft werden sollen? Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in der "Schule für alle" selbstständig. Wöchentlich erhalten sie von der Lehrkraft einen neuen Arbeitsplan, den sie selbstständig durcharbeiten. Haben sie Probleme bei der Lösung einer Aufgabe, helfen sie sich dabei auch gegenseitig, bevor sie den Lehrer befragen. Das fördert das zielorientierte und vor allem selbstständige Arbeiten. Ich schätze die Schule für alle durchaus als realisierbares, nicht als idealistisches Modell ein. Das Konzept wird in einigen Schulmodellen schon heute erfolgreich umgesetzt. * ** *Liebe Grüsse, * *Florian*

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