Jörg Langner schaut in die Landschaft Afghanistans. Foto: privat

Oberstleutnant Jörg Langer ist im Einsatzführungskommando der Bundeswehr für Afghanistan zuständig. Für seinen Beruf bewegt er sich zwischen zwei unterschiedlichen Welten. Wie sich das anfühlt, erzählt er hier.

Seit einem Jahr bin ich durch meine Tätigkeit als Sprecher für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan häufig in Kunduz, immer für ein, zwei Wochen, um mein Bild von der Lage vor Ort wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Denn dieses Bild wird unpräzise, wenn ich längere Zeit nicht da war. Fast so, als wenn man im Urlaub war und nach und nach die Erinnerungen verblassen.

Früher neugierig, heute skeptisch

Als ich 2003 das erste Mal in Afghanistan war, damals noch als Sprecher des Kommandeurs im Hauptquartier der ISAF (International Security Assistance Force) in Kabul, war das eine ganz andere Situation als heute. Man konnte sich noch relativ frei bewegen, wir waren dabei, einen guten Kontakt zu den Afghanen aufzubauen, aber die afghanischen Ministerien und Behörden mussten sich natürlich erst noch etablieren. Diese Situation hat sich leider ganz schön verändert. Mir ist besonders aufgefallen, dass sich die Meinung der Bevölkerung uns gegenüber gewandelt hat. Am Anfang waren die Leute neugierig, sogar zugewandt und dann skeptisch Der überwiegende Teil ist uns aktuell zwar positiv gesonnen, aber die, die ISAF negativ gegenüber stehen, machen leider immer mehr von sich reden. Da muss man schon aufpassen und vor allem immer wieder ganz genau hinschauen.

Angst spielt nur eine untergeordnete Rolle


Auch Pressearbeit gehört zu Langners
Job. Foto: privat

Ich habe gelernt, mir eine Professionalität anzueignen, die mir sagt: Ok, was habe ich für diese bestimmte Situation gelernt, wie habe ich mich zu verhalten und wie wende ich das an? Das gibt mir Sicherheit und lässt der Angst wenig Platz. Respekt vor der Situation, ja, aber vielleicht ist das auch schon eine Vorstufe von Angst.
Aber Angst hat man, wenn auch im Prinzip nicht um sich selber, sondern mehr um die anderen. Wenn andere Patrouille fahren, hofft man immer, dass nichts passiert. Einmal habe ich mich morgens noch von einer Patrouille verabschiedet und viel Erfolg gewünscht und dann kam sie am Nachmittag nicht mehr komplett zurück. Das ist schon sehr belastend. Das kann man nicht einfach wegwischen, das sind Kameraden, die ihr Leben für ihren Auftrag ließen.

In Deutschland sind selbst Probleme Luxus

Ich beobachte aber nicht nur die Veränderungen in Afghanistan. Auch an mir ziehen diese Erfahrungen nicht unbemerkt vorüber. Die Perspektive auf unser westliches Leben ändert sich total. Die Probleme, mit denen sich die Deutschen tagtäglich rumschlagen, erscheinen einem so bedeutungslos. Ist es wirklich so tragisch, mal fünf Minuten auf den Bus zu warten? Oder wenn man im Kaufhaus mal fünf Minuten warten muss, weil die sechste Kasse nicht aufmacht? Wo ist denn das Problem? In Afghanistan geht es um existentielle Sorgen, darum, nicht zu verdursten. In Deutschland darum, ob man hier jeden Drink an jedem Ort zu jeder Zeit kriegt. Wenn ich längere Zeit in Afghanistan war, kommt mir das hier immer sehr fremd vor. Je länger ich wieder hier bin, desto mehr relativiert sich das dann und ich sage mir: Aha, in Ordnung, das ist eben unser Leben.

Nicht gefährlich genug für die Nachrichten


Jörg Langner mitten im Krisengebiet.
Foto: privat

Zu meinen Aufgaben gehört es auch, Journalisten zu betreuen, ihnen unser Lager zu zeigen oder auch mit ihnen auf Patrouille raus zu fahren. Das richtige Leben kann man eben nur sehen, wenn man das sichere Lager verlässt.
Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wenn ich im Winter durch die Stadt fahre, sehe ich Kinder am Straßenrand, die haben bei Minustemperaturen nicht mehr als ein etwas längeres T-Shirt und mit Glück noch Plastikschlappen.
Wenn ich mir dann aber überlege, dass ein Reporter vom ZDF eine Woche bei uns ist und im Fernsehen am Ende ein Bericht von zwei, drei Minuten läuft, ist es klar, dass in Deutschland kein richtiges Bild von Afghanistan entstehen kann. Wir können uns Italien vorstellen, Spanien, das ist nicht schwer, da waren wir vielleicht schon mal im Urlaub oder kennen es aus Filmen. Aber wir können uns Afghanistan nicht vorstellen. Gerade die Berichte über den Alltag kommen viel zu kurz. Das ist anscheinend nicht gefährlich genug, um darüber zu berichten.

Wir wollen immer das tun, was wir verstehen

Oft habe ich das Gefühl, ich bewege mich zwischen zwei unterschiedlichen Welten. Und die kriegt man nicht zusammen. Deswegen sind Wahlen in Afghanistan auch so schwer. Da frage ich mich: Für wen waren diese Wahlen? Für Afghanistan oder für die westliche Staatengemeinschaft? Wahlen müssen demokratisch verlaufen, so verstehen wir Deutschen das. Und wir wollen immer das tun, was wir verstehen. Und sich in eine andere Kultur hineindenken, das ist wahnsinnig schwierig.
Ich will nicht sagen, dass mir das zu hundert Prozent gelungen ist. Aber ich habe die afghanische Kultur gesehen, das hilft ungemein. Die Afghanen leben ein sehr religionsbedingtes Leben. Fünf mal täglich Gebet. Gleichberechtigung gibt es nicht, Frauen haben im öffentlichen Alltag kaum eine sichtbare Bedeutung. Wenn wir durch das Land fahren, unterhalten wir uns mit den Menschen. Ob das jetzt die Lehrer in den Schulen sind oder ob das der Bauer auf dem Feld ist, der gerade seinen Ochsen vor den Pflug spannt. Die kommen auch auf einen zu, suchen den Kontakt zu den deutschen Soldaten. Die Afghanen sind sehr gastfreundlich. Das Problem heute ist: Wenn einer auf dich zukommt, musst du immer auch damit rechnen, dass der vielleicht eine Waffe unter seinem Gewand versteckt.

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