In den letzten Jahren hat Süleyman keine türkischen Bücher gelesen. Das war während seiner Kindheit anders. Foto: Kolja Kloke

Als Sohn einer türkischen Einwandererfamilie kam Süleyman, 21, in Salzgitter zur Welt. Schekker hat er von seinem Weg in die deutsche Kultur erzählt.

Als ich noch ein kleines Kind war, habe ich mich jedes Jahr wahnsinnig auf das Zucker- und das Opferfest gefreut. Die beiden Feste gehören zu den wichtigsten religiösen Feiertagen in der Türkei. Dann durfte ich mich schick anziehen, habe mit meiner Familie meine Verwandtschaft besucht und jedes Mahl war ein Festessen. Besonders toll waren immer die Geldgeschenke, die wir Kinder bekamen. Es ist fast wie Weihnachten für deutsche Kinder – nur mit anderen Traditionen. Natürlich unterhielten wir uns auf Türkisch.

Moschee als Treffpunkt

Aber da liegt genau das Problem: Obwohl ich in Deutschland geboren wurde, konnte ich kein Wort Deutsch als ich in den Kindergarten kam. Anderen türkischen Kindern in meiner Gruppe ging es genauso. Wir grenzten uns meistens aus und spielten immer nur zusammen. Erst während dieser Zeit begann ich Deutsch zu lernen. Denn die Erzieherinnen achteten darauf, dass wir immer wieder mit den deutschen Kindern spielten. Trotzdem sprach ich nur wenige Brocken Deutsch als ich eingeschult wurde. Ich fühlte mich sehr unsicher und sagte während des Unterrichts nie etwas. Unter der Woche ging ich mindestens zweimal zum Gottesdienst in die Moschee – freiwillig sogar. Aber die Moschee war gleichzeitig ein Treffpunkt für uns. Wir konnten dort Billard oder Tischtennis spielen. Wir Türken blieben so immer unter uns. Kein Wunder, denn in meinem Viertel lebten viele Migrantenfamilien.

Fußball als Deutschlehrer


Heute fühlt sich Süleyman überwiegend
als Deutscher, auch wenn er oft mit der
türkischen Kultur in Berührung kommt.
Foto: Kolja Kloke

Heute fühlt sich Süleyman überwiegend als Deutscher, auch wenn er regelmäßig mit der türkischen Kultur in Berührung kommt.

Lange Zeit war es selbstverständlich für mich in zwei Welten zu leben: Vormittags im deutschen Kindergarten oder später in der Schule. Davor und danach mit meiner Familie und meinen Freunden in unserer türkischen Welt. Integration? Das war lange Zeit ein Fremdwort für mich. Schlimm fand ich das aber nicht. Ich war dieses Leben ja gewohnt und fühlte mich sehr wohl. Wieso auch nicht – schließlich unterstützten meine Eltern dieses Verhalten. Damals war mir natürlich noch nicht bewusst, dass ich mit solchen Sprachdefiziten weder in der Schule noch später im Beruf irgendwelche Perspektiven habe.

Zum Glück habe ich unbewusst gerade rechtzeitig die Kurve gekriegt: Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich unbedingt in einen Fußballverein. Da der Sohn einer befreundeten türkischen Familie im Nachbardorf Fußball spielte, schickte mein Vater mich eben auch dorthin. In der Mannschaft spielten aber nur zwei weitere Türken. So hatte ich automatisch mit den deutschen Kindern zu tun. Ich lernte rasch Deutsch und fand meine ersten deutschen Freunde.

Der riskante Sprung zum Gymnasium

Als ich älter wurde, entwickelte ich meine eigenen Interessen. Die Religion wurde immer unbedeutender für mich. Schließlich begann ich, mich von der türkischen Kultur wegzubewegen. Das war aber mehr ein schleichender Prozess. Meine Deutschkenntnisse waren nach wie vor nicht gut. Daher ging ich auf eine Hauptschule. Zum Glück besserte sich meine Sprache mit der Zeit. Als ich in der 10. Klasse meinen Realschulabschluss gemacht hatte, stand für mich fest, dass ich unbedingt noch das Abitur machen wollte.
Meine Lehrer nahmen mich nicht für voll. Aber um aufs Gymnasium wechseln zu können, musste ich die 10. Klasse wiederholen, weil ich nicht den Erweiterten Realschulabschluss hatte. Dafür musste ich beim Direktor vorsprechen. Der fuhr mich dann auch fassungslos an:„Ich weiß gar nicht, was du hier machst. Du hast doch, was du willst!“ Ich ließ mich aber nicht von meinem Weg abbringen, machte meinen Sekundarabschluss II und anschließend mein Abitur.

Heute habe ich nur noch deutsche Freunde und mit den türkischen Traditionen nichts mehr am Hut. Ok, ehrlich gesagt werde ich schon noch ab und zu mit der türkischen Lebensweise konfrontiert, wenn ich meine Eltern besuche. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dauerhaft wieder zu deren Kultur zurückzukehren. Heute fühle ich mich überwiegend als Deutscher.
So bin ich von einem Extrem ins andere gerutscht – und dennoch sehr glücklich damit. Jetzt weiß ich, dass jeder Migrant zumindest die richtige Balance zwischen seinen beiden Kulturen finden muss. Ich habe selbst gespürt, wie schwer das ist. Aber sonst bleibt einfach nicht genügend Spielraum für die Integration. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche. Viele meiner damaligen türkischen Freunde leben weiterhin unter Gleichen und sind kaum integriert. Wen wundert es da, dass die wenigsten von ihnen berufliche Perspektiven haben?

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