Witze über Behinderte kann die 18-jährige Jaqueline nicht leiden. Ihre jüngere Schwester Anna kam mit körperlichen und geistigen Behinderungen zur Welt. Dank ihrer Familie bewältigt die 13-Jährige viele Herausforderungen des Alltags. Jaqueline erzählt von pubertärem Gezanke und wie sie ihre behinderte Schwester unterstützt.
Eigentlich bin ich ein eher ruhiger Typ. Wenn aber jemand meine kleine Schwester beleidigt, weise ich ihn auch mal in die Schranken. Zum Glück muss ich das nicht oft tun: Die Kinder in der Nachbarschaft kennen Anna schon und spielen gern mit ihr. Manchmal muss ich trotzdem eingreifen. Erst neulich wollte ich Anna von der Schule abholen und bekam mit, wie ein Junge vor der Schule wegen ihrer Gehbehinderung Witze über sie machte. Da habe ich als große Schwester meine Anna natürlich verteidigt und ihm erklärt, dass man sowas nicht macht. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn jemand Witze über Menschen mit Behinderungen macht.
Anna ist anders
Für mich hat die Behinderung meiner Schwester nie eine große Rolle gespielt. Als ich fünf Jahre alt war und meine Mutter mir erzählte, sie sei schwanger, habe ich mich riesig auf den Familienzuwachs gefreut. Ich hatte mir damals schon länger eine kleine Schwester gewünscht. Nach der Geburt stand schnell fest, dass Anna an langfristigen Folgeschäden der Entbindung leiden würde. Meine Mutter hat mir damals erklärt, mein Schwesterchen sei „etwas anders als andere Kinder.“ Weil ich noch klein war, habe ich das gar nicht realisiert, sondern Anna einfach nur geliebt.
Eigentlich sollte Anna am Heiligabend 1997 geboren werden. Stattdessen wurde sie aber erst einen Tag später auf die Welt geholt und erstickte beinahe im Mutterleib. Sie musste wiederbelebt werden. In ihrem Gehirn hatten sich Blutgerinnsel gebildet, die für die Spastik in ihren Beinen und ihr eingeschränktes Denkvermögen verantwortlich sind. Unter Spastik versteht man Lähmungen in bestimmten Körperregionen, die durch eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems hervorgerufen werden. All diese medizinischen Vorgänge haben meine Eltern mir nach und nach erklärt, als ich schon etwas älter war. Eigentlich tun sie für mich auch nichts zur Sache.
Annas Aufgaben
Die Ärzte sagten damals, Anna würde nie laufen, Rad fahren oder sprechen können. Inzwischen ist alles anders gekommen! Dank ihrer speziell angefertigten Schuhe läuft sie und radelt sogar. Meine Eltern und ich haben immer an sie geglaubt und unterstützen sie, damit sie so selbstständig wie möglich leben kann. Wir helfen ihr, aber bevormunden sie nicht. Bei einigen alltäglichen Aufgaben muss ich meine Schwester dann aber doch unterstützen: Brote schmieren, duschen, anziehen – manch kleine Herausforderung kann sie noch nicht ganz allein bewältigen. Ich assistiere ihr da natürlich gern.
Meine Eltern und ich wechseln uns mit der Betreuung ab. Den Bärenanteil übernimmt meine Mutter, weil sie den ganzen Tag zu Hause ist. Wenn mein Vater und ich daheim sind, helfen wir meiner Schwester dann aber auch gerne so viel wir können. Mittlerweile ist das alles Routine geworden! Man wächst in seine Rolle als Pflegerin hinein. Ich habe sie seit jeher als selbstverständlich angesehen. Auch, wenn meine Freunde von ihrem „normalen Leben“ erzählen, vermisse ich nichts. Außerdem habe ich genug Zeit für mein Privatleben, um mit meinen Freundinnen zum Beispiel Shoppen zu gehen. Meine Schwester zu pflegen gehört zu meinem Leben und ihr Lachen macht jede Minute der Pflege für mich wertvoll. Wenn Anna mich braucht, bin ich da.
Zwischen Zickerei und Zuneigung
Allmählich kommt Anna, wie alle 13-jährigen Mädchen, in die Pubertät und hat manchmal ihren ganz eigenen Kopf. Ihre Zickereien verzeih ich ihr aber spätestens dann, wenn sie zum Kuscheln kommt. Meine Schwester und ich hatten schon immer ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Am Wochenende übernachtet sie oft bei mir im Zimmer und wir spielen zusammen. Unsere gemeinsame Lieblingsbeschäftigung ist Memory. Wenn sie mal keine Lust auf Gesellschaft hat und Zeit für sich braucht, hört sie meistens Musik. Obwohl Anna oft mehrmals das Gleiche fragt, bis sie es sich merken kann, und obwohl ich ihr vieles immer wieder erklären muss, ist sie ein Ass beim Liedertexte-Lernen. Wenn sie ein neues Lied im Kopf hat, singt sie es immer und überall.
Anna als Altenpflegerin
Patrick hat sich mit Arne über dessen Persönlichkeitsspaltung unterhalten.
Besonders bewundernswert finde ich an meiner Schwester, dass sie super mit alten Menschen umgehen kann. Sie verbringt die Wochenenden manchmal bei unserer Großmutter, die mit ihrer pflegebedürftigen Mutter zusammenlebt. Anna kümmert sich dann immer sehr liebevoll um unsere Urgroßmutter. Sie kriegt das Füttern mittlerweile fast allein hin. Ich bin mir sicher, dass Anna später einmal eine tolle Altenpflegerin abgeben würde.
Zukunftswünsche
Wenn ich an die Zukunft denke, wünsche ich mir manchmal, Annas Behinderung wäre leichter. Ich bin zwar froh darüber, dass Anna relativ gut im Alltag zurechtkommt. Dennoch weiß ich auch, dass meine Eltern und ich nicht ewig für sie da sein können. Das macht mich etwas traurig, weil ich mir für sie wünsche, dass sie sich irgendwann verlieben und ein ganz eigenes Leben führen kann. Das ist ein sehr optimistischer Wunsch, doch ich glaube, sie kann das schaffen. Möglicherweise wird Anna nie ohne Hilfe leben können, doch zumindest kann sie noch selbstständiger werden. Soweit es mir möglich ist, werde ich sie weiterhin immer und bei allem unterstützen.



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