Oft fühlt sich Arne wie gefangen in einem kargen, langen Gang. Foto: Paul Kurze / Paulkurze.de

Die unterschiedlichen Diagnosen der letzten Jahre kann er nicht mehr hören. Irgendwann hatte Arne* dann „keine Hoffnung mehr“. Hier redet der 16-jährige Schüler offen über den Umgang mit seiner Persönlichkeitsstörung, die lange unerkannt blieb, und gibt Schekker-Autor Patrick Einblicke in seinen Alltag.

Jeden Tag fühle ich diese Angst. Angst, für die es keinen konkreten Grund gibt. Irgendwann ging das einfach los. Das Gefühl überkam mich zu Beginn scheinbar schleichend. Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass sich mein ganzes Leben gewandelt hatte. Immer wieder wurde ich – Zack! – förmlich von Panikattacken umgeworfen und konnte nicht mehr klar denken. Die pure Angst nimmt dann den Platz meines ganzen Denkens ein. Doch ebenso schnell, wie mich diese Angstanfälle überfielen, verschwanden sie auch wieder. Ich hatte sie ausgeblendet.

Verdrängen wurde zu meinem Lebensinhalt. So trete ich gewissermaßen auf der Stelle. Den Ärzten zufolge ist meine „Erkrankung“ – ich mag das nicht so nennen – eine Persönlichkeitsstörung und Spätfolge von Ereignissen aus meiner Kindheit, die erst Jahre später hochkamen und mich nun nicht mehr loslassen. Meine Eltern haben mich schlecht behandelt, und sie haben mich persönlich verletzt. Ich wurde mit Dingen konfrontiert, die mich überforderten, die ich auch heute noch nicht verarbeiten kann. Dadurch wurde laut meiner Therapeuten ein Trauma ausgelöst. Dabei ging es meinen Eltern nur darum, ihre Lasten auf mich abzuwälzen und sich gegenseitig auf meine Kosten fertig zu machen. Entsprechend schlecht ist das Verhältnis zu meinen Eltern und auch zwischen meinen Eltern heute.

Wenn man sich selbst fremd ist

Ich muss in der achten Klasse gewesen sein, als sich mein Zustand verschlechterte. Gleichzeitig wurde mir schmerzlich bewusst, wie Menschen, wie meine Mitschüler mit psychisch Kranken umgehen. Das war, als sie die psychisch-kranke Mutter eines Klassenkameraden als „Psycho“ bezeichneten. Als ich meine psychischen Probleme allmählich erkannte, bekam ich deshalb Angst, genauso abgestempelt zu werden. Die Erkenntnis, dass ich krank bin, kam aber nicht von mir selbst. Auch das verdrängte ich konsequent. Es waren meine Verwandten und meine Freunde, die Veränderungen an mir bemerkten und versuchten, mit mir über meine Probleme zu sprechen. Vor allem meine Oma und Tante wollten mir helfen.

Sie mussten es ja bemerken: In dieser Zeit isolierte ich mich, versetzte Freunde oder verärgerte sie ganz bewusst. Das war meine Strategie zur Bewältigung. Mir wurde Schaden zugefügt, also gab ich meinen Schmerz weiter. Nur wenige standen mir nach dieser Zeit noch zur Seite. Ich verletzte leider auch Menschen, die mir sehr wichtig waren. In dieser Zeit verstand ich mich selbst nicht mehr. Ich erinnere mich an eine wirklich heftige Prügelei mit meinem besten Freund – wegen nichts. Ich könnte heulen, so leid tut mir das heute.

Borderline:
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) leidet der Patient unter Impulsivität und Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Stimmung und Selbstbild.

Letztendlich schickte mich meine Mutter zu einem Therapeuten. Zum ersten von vielen. Mit dem kam ich selbst nach stundenlangen Gesprächen nicht weiter. Nur eins wurde mir klar: Mein Verhalten war eine Schutzreaktion. Trotzdem halfen die Therapiegespräche nicht wirklich weiter. Außer natürlich bei der Frage „Was habe ich eigentlich?“ Jetzt weiß ich, dass ich eine Persönlichkeitsstörung mit Zügen von Borderline habe. Medikamente bekomme ich keine, weil kein Arzt diese Diagnose so eindeutig fällen möchte. So kehre ich immer wieder zu bekannten Mustern zurück: Verdrängung, Isolation, Abwehrhaltung. Ich will nicht jammern: Es gibt gute Tage. Aber leider auch sehr schlimme.

Lebensfreunde muss sein

Ich hoffe immer, dass es wieder so wird wie früher, aber irgendwie klappt das nicht. Geht er denn noch zu Therapeuten? Vielleicht müssten die Menschen den Umgang mit psychischen Erkrankungen genauso lernen wie die Betroffenen selber. Meine verbliebenen Freunde unterstützen mich so gut sie können und bieten mir zumindest einen gewissen Rückhalt, und den brauche ich auch dringend. Inzwischen sage ich ihnen einfach, wie ich mich fühle. Es macht mir Spaß, mit ihnen zusammen zu sein, und so bereitet mir auch mein Leben wieder Freude. Mein Alltag unterscheidet sich – glaube ich – nicht wesentlich von dem meiner Mitschüler. Zumindest nicht an den guten Tagen. Und krank fühle ich mich nicht. Ich habe eine Krankheit – die wie ein Charakterzug weder für mich noch für andere so leicht zu ertragen ist.

* Name geändert

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