Okan ist Gaststudent an einer Grande école in Frankreich. Foto: Okan Bellikli

Das Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat ein recht elitäres Universitätssystem. An den Grandes écoles in Frankreich studiert die kommende Führungsschicht des Landes. Schon als Schüler bekommt man den Druck zu spüren. Schekker-Autor Okan darf als Gaststudent für zehn Monate alles hautnah miterleben.

Wenn Direktor Christian Duval von seiner Universität spricht, dann prahlt er gerne. „Bei den Google-Suchanfragen sind wir inzwischen nach Sciences Po Paris auf Platz zwei!“, verkündet er in seiner Begrüßungsrede stolz den Studierenden, die gerade ihr zweites Jahr beginnen. Wir, das ist das Institut d’Etudes Politiques (IEP) im südfranzösischen Aix-en-Provence, das zu den landesweit begehrten Grandes écoles („Große Schulen“) zählt und sich gerne mit dem weltberühmten IEP in Paris vergleicht. Die Grandes écoles stellen eine Besonderheit des französischen Unisystems dar und sollen Frankreichs Elite von morgen ausbilden. Bei über 30 Wochenstunden herrscht dabei hoher Druck auf dem akademischen Nachwuchs.

Eine harte Schule

Druck bekommen die Jugendlichen in Frankreich schon früh zu spüren. Während es in Deutschland zu Beginn der Grundschule im Zeugnis zunächst einmal pädagogische Einschätzungen in Textform gibt, werden bei unserem Nachbarn bereits ab der ersten Klasse Noten vergeben. Ständiger Wettbewerb ist hier also vorprogrammiert. Darauf baut das ganze System auf. Auch die Schulzeiten verlangen den Jugendlichen eine ganze Menge ab: Von der Grundschule an bis zum Abitur haben sie nämlich von morgens bis abends Schule. Manchmal müssen sie sogar samstags antreten.


Der Hörsaal des IEP.
Foto: Okan Bellikli

Als problematisch anzusehen, ist meiner Meinung nach der durchgängige Frontalunterricht von der Grundschule bis zur Universität. Referate und Gruppenarbeiten sind nicht üblich. Eigenständiges Arbeiten und Denken werden so nicht sonderlich gefördert. Wenn man nach zwölf Schuljahren dann das Abitur (baccalauréat) geschafft hat, haben die zukünftigen Studenten die Wahl zwischen den Massenuniversitäten und den stark auf Auslese beruhenden grandes écoles. Um die harte Aufnahmeprüfung dort zu bestehen, besuchen viele Bewerber sogenannte Vorbereitungsklassen (classes préparatoires), die ein bis zwei Jahre dauern. Ich selbst habe so eine prépa nicht besucht und bin im Rahmen meines deutsch-französischen Studiengangs trotzdem für zehn Monate zu Gast in Aix.

Große Vorbilder

Offizielle Präsidentin des IEPs ist Christine Lagarde, ehemalige französische Finanzministerin und heute Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das ruft der Direktor jedem nochmal ins Gedächtnis. Wer es genauso weit bringen wolle, möge die „drei Rs“ befolgen: respect, rigeur, responsabilité (Respekt, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein). An der Uni hier hat man Großes vor; so kündigt Duval neben dem bereits vor einigen Jahren eingeführten deutsch-französischen Studiengang für die Zukunft weitere Kooperationen mit verschiedenen Ländern in Asien und Amerika an. Das IEP genießt einen hervorragenden Ruf. Wenn jemand auf der Straße mitbekommt, dass ich dort studiere, bekomme ich ein ehrfürchtiges „Oh!“ zu hören. Und: „Herzlichen Glückwunsch!“

Also alles bestens?


Die Uni und ihre Sponsoren. Foto: Okan Bellikli

Leider nicht ganz. Denn die Belange der Studierenden scheinen dem IEP nicht ganz so wichtig zu sein wie sein Ruf. Schon in meiner ersten Woche bekomme ich da einiges mit: Entweder existieren auf dem Stundenplan – der übrigens erst wenige Tage vor Unibeginn unvollständig online ist – angegebene Räume oder Kurse nicht, wahlweise kommt so mancher Dozent mit erheblicher Verspätung oder gar nicht. Einmal bin ich nach einer Viertelstunde Warten zum Empfang neben dem Seminarraum, um nach dem Kursleiter zu fragen. Der Herr dort meinte zu mir, der Gesuchte habe hier eben noch mit dem Direktor geplaudert. Wo er nun sei, wisse er leider nicht.

Fragt man die Leute am IEP, scheinen Geschichten wie diese häufiger vorzukommen. Man dürfe sich jedenfalls nicht wundern und schon gar nicht darüber aufregen, werden wir Gaststudierenden vertröstet. „Das bringt nichts, bisher hat sich nicht wirklich etwas geändert“, meint eine Kommilitonin. Ein Student aus dem zweiten Jahr verrät mir sogar, dass es dem Rektorat nur um das Prestige und die Fördergelder gehe. Interne Probleme sehe man nicht so eng, das sei schon immer so gewesen.

Organisation und Kommunikation mangelhaft

Im Dezember hatte ich Prüfungen und habe erst drei Wochen vorher erfahren, wann ich welche Prüfung schreiben werde. Unserem Koordinator scheint das etwas peinlich zu sein. Er ist sichtlich um uns bemüht, jedoch sagte er uns schon zu Beginn, dass die hiesige Organisation chaotisch und die interne Kommunikation katastrophal sei. Gleich am Anfang des Semesters bekamen wir eine Kostprobe davon: Die Verwaltung hat die für unseren Studiengang reservierten Plätze für den Englischunterricht einfach vergessen.

Ich bin jedenfalls froh, dass es bei uns bisher nicht wie beim letzten Jahrgang lief. Da bekamen die Studierenden am Tag der Prüfung um 8.30 Uhr eine Mail: Statt um 13 Uhr sollten sie doch bitte schon um 11 Uhr kommen. Das hatten dann natürlich nicht alle rechtzeitig gelesen, Chaos war vorprogrammiert.

Elite muss also nichts heißen. Der Direktor kam bei der Begrüßung übrigens eine Dreiviertelstunde zu spät.

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La_tkraftwage_: