Bei den letzten Parlamentswahlen feierte die Partei von Geert Wilders mit islamfeindlichen Parolen einen großen Erfolg. Viele Niederländer scheinen Muslimen zunehmend kritisch gegenüber zu stehen. Schekker-Autor Maximilian studiert in den Niederlanden und hat sich in Sachen Niederländer und Islam umgehört.
Die Niederlande gehören zu den Ländern in Europa mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Muslimen. Über Jahrzehnte galt das Land als Vorbild u.a. für Deutschland, wie Einheimische und Zugewanderte harmonisch zusammenleben können und einander Verständnis und Respekt entgegen bringen.
Doch allmählich zeigte sich, dass dieser Schein trog: 2004 ermordete ein islamischer Fundamentalist den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh. An der Leiche befestigte der Täter einen Drohbrief, der an Ayaan Hirsi Ali gerichtet war, eine islamkritische Politikerin und Publizistin.
Und dann gibt es Geert Wilders, der mit seinen anti-islamischen Veröffentlichungen großen Erfolg hat. Seine Freiheitspartei (Partij voor de Vrijheid) erreichte bei den Parlamentswahlen 2010 mit fremdenfeindlichen Parolen den dritten Platz. Nachdem sie im April die Duldung der Regierung beendet hat, stehen nun im Herbst Neuwahlen an – mit guten Aussichten für Geert Wilders. Doch wie nehmen eigentlich die junge Niederländer den Islam in ihrem Alltag wahr und wie sehen junge Muslime in den Niederlanden eigentlich Ihre Situation?
Der 11. September 2001 als Einschnitt
Für Ali, Betreiber von Maximilians Stammlokal, wollen sich junge Menschen mit der Wahl rechter Parteien von ihren Eltern abgrenzen. Foto: Maximilian Zoll
„Druck? Druck war nie nötig für mich. Ich habe mich ganz von alleine angepasst“, sagt mir Çağatay, der 21-jährige Sohn des Dönerbuden-Betreibers Ali. In den zehn Monaten, die ich nun in Enschede in den Niederlanden wohne, um Europäische Verwaltungswissenschaften zu studieren, bin ich regelmäßig Gast in der Dönerbude „Ali Baba‘s Holte“. Schließlich studiert ein leerer Magen nicht gerne, wie schon Justus Jonas von den drei Fragezeichen wusste. An diesem Samstagmittag bin ich wieder dort und besuche Çağatay und seinen Vater.
Çağatay und ich haben viel gemeinsam: Wir sind beide in den 1990er Jahren geboren, Migrantenkinder der zweiten Generation und erinnern uns beide ganz genau, was wir am 11. September 2001 gemacht haben – jenem schicksalhaften Tag, in dessen Folge Muslime unter den Generalverdacht gestellt wurden, Terroristen zu sein.
Islamkritisch als Abgrenzung?
Ich nehme einen Schluck aus der Getränkedose und zeige auf die Zeitung, die auf dem Tisch vor mir ausgebreitet liegt: „Wie siehst du eigentlich die Sache mit Geert Wilders?“, frage ich und zeige auf das Bild mit dem Mann im Anzug und den unnatürlichen blonden Haaren. „Ach der, der ist doch völlig quer im Kopf!“, antwortet Çağatay. „Aber wie schätzt Du denn die Entwicklung ein, dass immer mehr Erst- und Jugendwähler eher für Wilders’ Partei als für die etablierten Parteien stimmen?“ „Das lässt sich ganz leicht erklären!“, meldet sich Ali, Çağatay‘s Vater von hinter der Theke zu Wort: „Viele Männer und Frauen, die Ende der 1960er Jahre in der Studentenbewegung aktiv waren, wollten sich damit von ihren Eltern distanzieren. Heute sind sie selbst Eltern und vertreten oft noch dieselben Positionen und Ideale. Deren Kinder wählen nun eben Wilders, um sich wiederum von ihren Eltern abzugrenzen.“
Nach dem 11. September seien Forderungen nach einem Einwanderungsstopp und einem „kalten Krieg gegen den Islam“, wie sie zum Beispiel vom 2002 ebenfalls ermordeten rechtspopulistischen Politiker Pim Fortuyn aufgestellt wurden, auf fruchtbaren Boden gefallen und salonfähiger geworden.
Angst vor Anfeindungen haben Çağatay und Ali aber nicht. Am Verhalten der Kunden habe sich nichts geändert, sie kämen immer noch zu ihnen und bestellen türkisches Essen. Abschließend sagt Çağatay noch: „Man muss die Jugend nur richtig erziehen, dass Rassismus etwas Böses ist. Dann verschwinden die Rechten von alleine… Jedoch wird das nicht bei jedem funktionieren, ein paar verdrehte wird es immer geben!“
Tischgespräch mit Niederländern
Rathaus von Enschede: Für Maximilian zeigt sich im städtischen Alltag, dass Muslime und Nicht-Muslime nicht nur nebeneinander her leben. Foto: Weekendjeweg.nl, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0)
Ich wohne mit vier Niederländern in einer WG zusammen. Ob sie wohl auch glauben, dass die jungen Wähler nur deshalb eine islamkritische Partei wählen, um sich von ihren Eltern abzugrenzen? Beim gemeinsamen Abendbrot werfe ich also die Frage auf: Wie nehmt ihr den Islam in eurem Alltag wahr? Wieso glaubt ihr, dass vor allem so viele Erst- und Jungwähler mit Geert Wilders Parolen und seinem Rechtspopulismus sympathisieren?
Jan-Willem zieht eine Augenbraue hoch: „Es ist ganz einfach: Den etablierten Parteien mangelt es an Durchsetzungskraft in der Kriminalitätsbekämpfung und bei der inneren Sicherheit. Die Protestparteien nutzen das aus und schüren die Angst vor einem Feind von außen – in diesem Falle dem Islam.“, meint er. Und weil sie sehr einfache Antworten auf schwierige Fragen gäben, würden dann die Menschen diese Parteien wählen.
Wie das Problem denn dann zu lösen sei, vor allem da die Niederlande ja eigentlich Jahrzehnte als Vorbild für erfolgreichen Multikulturalismus galt, frage ich dann in die Runde. Es ist Marinus, der bisher nur in seinem Essen vertieft war, der mir antwortet: „Es gibt umfassende Antidiskriminierungsgesetze in unserem Land und auch Migranten haben genügend Möglichkeiten, gegen Diskriminierungen vorzugehen. Sie können sich leicht zu Wehr setzen und ihre Rechte auf gleiche Behandlung einklagen. Die bestehenden Gesetze müssen nur durchgesetzt werden.“, erklärt mein Mitbewohner.
Gleichbehandlung ein Verfassungsgebot
Später entschließe ich mich, einen Blick in die niederländische Verfassung zu werfen, um zu sehen, ob Marinus Recht hat. Und tatsächlich lautet der erste Artikel des Grondwet voor het Koninkrijk der Nederlanden: “[a]lle, die sich in den Niederlanden aufhalten, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Niemand darf wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden.”
Die Gleichbehandlung und das Vorgehen gegen Diskriminierung ist also ein Verfassungsgebot. Die Antidiskriminierungsgesetze sind ein klares Bekenntnis der liberalen Niederländer gegen die Diskriminierung ethnischer (und anderer) Minderheiten. Aber Integration ist keine Einbahnstraße. Sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch die Einwanderer müssen sich aktiv für Integration einsetzen.
Getrennte Welten?
Maximilian studiert an der Universität Enschede Europäische Verwaltungswissenschaften. Foto: Mark Wubben, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0)
Am nächsten Tag kommt mir bei der Fahrt mit meinem Fiets (niederländisch für Fahrrad) über den Uni-Campus das Gespräch vom Vorabend wieder in den Sinn. In Deutschland heißt es, Einwanderer und Einheimische hätten über Jahrzehnte nebeneinander her gelebt, ohne sich wirklich für das Leben der Anderen zu interessieren. Gilt dies auch für die Niederlande?
Ich würde diese Frage klar verneinen. Enschede beweist es jeden Tag aufs Neue, auf jeder Ebene der Universität, der Stadt oder auch in der Gesellschaft. Beim Arbeiten an einem Projekt spielt die Religion der Kollegen keine Rolle. Und der nicht-muslimische Nachbar spielt für eine Nacht den Babysitter für die muslimischen Nachbarn.
„Eine Gegenstimme gegen den Unsinn“
Viele Niederländer wollen ein Zeichen gegen die Wahlerfolge der Rechten setzen. Sie engagieren sich, um zu zeigen, dass Muslime und radikale Islamisten nicht identisch sind. So will beispielsweise die 2007 gegründete Kleinpartei „Nederlandse Moslim Partie“ unter Führung des Islam-Konvertiten Henny Kreeft „eine Gegenstimme gegen den Unsinn” von Geert Wilders sein. Dieser folgten allerdings bisher nur wenige Wähler.
An meiner Universität gibt es eine von Muslimen gegründete Vertretung für muslimische Studenten, die sich darum bemüht, ein realistisches Bild vom Islam zu zeichnen. Dazu organisiert sie Veranstaltungen wie Sportturniere oder Tage der offenen Moscheen, zu denen alle Bürger eingeladen sind.
Wie soll es weitergehen?
Das Thema Islam scheint mittlerweile an Erregungspotential eingebüßt zu haben. Das neue Feindbild von Wilders und seiner Partei sind nicht mehr die Muslime, sondern ist angesichts der Weltfinanzkrise die EU. Es bleibt abzuwarten, wie die Partei mit diesem neuen Schwerpunkt bei den Neuwahlen im September abschneidet. Gleichwohl bleibt das Thema aktuell. Ich hoffe, dass die Niederlande das tolerante Land bleiben, das ich am Tag meiner Ankunft vorgefunden habe. Wo Menschen, egal welcher Herkunft sich helfen und freundlich gegenüber stehen. Wo sich keiner besser fühlt als der andere, nur weil er Niederländisch besser versteht oder spricht.
Ich jedenfalls halte es nach dem Motto des Franziskanerbruders Peter Amendt: „Wer Einblick hat, kann verstehen. Wer Durchblick hat, kann entscheiden. Wer Weitblick hat, weiß die Dinge zu lenken!“



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