Dieser Beruf hat fast alles: Natur und Büro, Einsamkeit und Gesellschaft, nostalgische Waldspaziergänge und hochmoderne Technik. Und ein Leben, in dem sich Arbeit und Freizeit oft schwer trennen lassen. „Als Förster ist man eigentlich immer im Dienst“, sagt Revierförsterin Silvia Knöfel.
Am Waldrand wächst ein dürrer Strauch mit roten Beeren. Silvia Knöfel zupft daran und sagt: „Hier finden die Vögel auch im Winter Futter“. Die junge Försterin steht breitbeinig im Schnee, auf dem Kopf den grünen Filzhut, um den Oberkörper hat sie sich die Hundeleine gewickelt. Sie sieht die Straße hinunter, runzelt kurz die Stirn – und knickt dann einen Zweig ab, der zu weit hervor ragt. „Damit sich kein Radfahrer was tut“, erklärt sie und streicht eine schwarze Haarsträhne zurück. In ihrem Wald sollen sich alle wohl fühlen.
Ein Landei in Berlin
Seit drei Jahren ist Knöfel Revierförsterin in Berlin-Köpenick. Die 34-Jährige ist für das 1100 Hektar große Gebiet zwischen Müggelsee und Langem See verantwortlich. Mit Unterstützung ihrer fünf Forstwirte bewältigt sie eine Menge Aufgaben. Für Anwohner, Besucher, Vereine und Unternehmen ist sie die erste Ansprechpartnerin. Viele Zeitungen schrieben über Knöfel, als sie Ende 2006 die Stelle übernahm. Als einzige Frau unter den 29 Berliner Revierförstern schien sie fast eine Sensation zu sein. Dabei ist sie die Idealbesetzung für den Job. Aufgewachsen ist sie in einer Forsthütte in der Nähe von Schweinfurt als Kind einer Familie, die seit elf Generationen Förster hervorbringt. Später hat sie in Eberswalde Forstwirtschaft studiert. „Ich bin so ein Landei“, sagt sie und lächelt breit, wie ein kleines Mädchen. „Ein Leben ohne Tiere kann ich mir gar nicht vorstellen“.
Trotzdem wird der kleine Jagdhund Benny während des Interviews weggesperrt, zu sehr regt ihn fremder Besuch auf. In einem Holzhaus im Wald befindet sich das Büro – und gleich nebenan die Wohnung von Silvia Knöfel. Die Wände sind mit kleinen Geweihen dekoriert, den Laminatboden schmückt ein struppiges Wildschweinfell. Jagen konnte Knöfel bereits vor dem Studium – anders als viele Kommilitonen, die schon nach dem ersten Semester abbrachen, weil sie nicht damit zurecht kamen, Tiere zu töten.
Die Forstwirtschaft wird modern
An der Fachhochschule Eberswalde gibt es englischsprachige Studiengänge, die Studenten werden zu Praktika im Ausland ermutigt. Absolventen des Bachelors Forstwirtschaft sollen nicht nur fit in Zoologie und Bodenkunde sein, sondern auch technologische und sozioökonomische Kenntnisse besitzen. Recht und Politik stehen an der kleinen Brandenburger Hochschule ebenso auf dem Stundenplan wie Computerkurse. Vom romantischen Bild des eigenbrötlerischen Försters auf seinem Hochsitz ist das weit entfernt.
Tatsächlich habe sich der Beruf in den letzten Jahren sehr verändert, bestätigt Silvia Knöfel. Alles sei schneller und moderner geworden. „Früher war es so: Wenn der Förster im Wald war, war er im Wald. Jetzt hat man ein Handy und ist ständig erreichbar.“ Die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt sie inzwischen am Computer. Da gibt es Dienstpläne, Statistiken, Termine wegen Müllbeseitigung und Rohrverlegungen. So richtig spannend klingt das nicht. Und doch, sagt Knöfel, sei das hier immer noch ihr Traumjob.
„Fass mal den Baum an!“
Allgemeine Infos zum Beruf im Berufenet der Bundesagentur für Arbeit
Fachhochschule Eberswalde
Über den Wald
Am schönsten sei es im Frühling, „wenn alles neu erwacht und man die Pflanzen wieder entdecken kann“. Knöfel kann schwärmen, und wenn sie über schlafende Wildschweine und kranke Bäume spricht, dann begreift man ein bisschen, dass hinter dem kahlen Geäst mehr steckt, als der erste Blick vermuten lässt. Im Berliner Wald, wo das Grüne hauptsächlich zur Erholung und erst in zweiter Linie für Wirtschaftszwecke genutzt wird, ist Knöfels Fähigkeit, Leute für die Natur zu begeistern, besonders nützlich. In Waldschulen und auf Führungen gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter. Denn „nur, wenn man die Natur zu schätzen weiß, schützt man sie“, erklärt die junge Frau. Besonders freut sie sich über Besuch von Kindern aus der Stadt, die sonst ihre Freizeit auf Fußballfeldern und Spielplätzen verbringen. „Schließt mal die Augen und fasst diesen Baum an“, sagt sie dann zu ihnen. „Wie fühlt sich die Rinde an?“ Auf dem Schrank im Büro lehnt ein selbstgemaltes Bild der 3b. „Herzlichen Dank für die schöne Wanderung!“, steht in bunten Buchstaben darauf.
Doch wohin geht der Beruf, dem trotz aller Erneuerungen etwas Altmodisches anhaftet? Knöfel selbst spricht davon, dass das Förstertum bedroht ist. Ob in fünfzig Jahren oder in zweihundert, sagt sie, irgendwann würde der Beruf aussterben – oder sich zumindest stark verändern. Schon jetzt übernehmen Computerprogramme viele der klassischen Aufgaben, wie beispielsweise die Abholzungsplanung. Aber wer würde uns dann von Tieren und Pflanzen erzählen, auf eine Art, dass wir den Wald danach mit ganz anderen Augen sehen? Bedauernd zuckt sie mit den Schultern. Um dann gleich wieder mädchenhaft zu lächeln. Noch werden Förster gebraucht. Und eine Frau wie Silvia Knöfel erst recht.

