Für Bremerhaven bedeutet Klimastadt nicht einfach Mültrennung. Foto: Frank Grätz

Bremerhaven? Unsere Eltern erinnern sich vielleicht noch daran, dass Elvis Presley 1958 als GI mit dem Schiff nach Bremerhaven kam. Was die See- und zukünftige Klimastadt sonst noch zu bieten hat, wissen die wenigsten. Doch subtropische Wärme im Klimahaus, nachhaltige Studiengänge, Spurensuche im Auswandererhaus und Matjesbrötchen zeigen: Bremerhaven hat es in sich!

89,5 Hektar Land vom Königreich Hannover

Geburtshelfer von Bremerhaven war das Königreich Hannover, das ein Stück Land verkaufte. Mutter wurde 1827 allerdings die Freie Hansestadt Bremen, als sie auf dem erworbenen Land die Seestadt Bremerhaven gründete. Direkt dort, wo die Weser in die Nordsee fließt.

Im 19. Jahrhundert stieg Bremens neuer „haven“ dank des Aufschwungs im Seehandel schnell zu einem bedeutenden Übersee- und Fischereihafen mit großer Werftindustrie auf. Riesige Dampf- und Kreuzfahrtschiffe mit pompösen Namen wie Kaiser Wilhelm der Große legen seither im Beisein zahlreicher Schaulustiger an und ab. Einbrüche in der Fischindustrie und dem Schiffsbau haben jedoch zu hoher Arbeitslosigkeit und einer Verlagerung von der Fischfang- zur Fischverarbeitungsindustrie geführt.

Aufbruch in die neue Welt


Mehrere tausend Auswanderer starteten in Bremerhaven., Foto: Deutsches Auswandererhaus

Zwischen 1830 und 1974 emigrierten 7,2 Millionen Europäer von Bremerhaven in die USA, nach Kanada, Australien und Südamerika. Das Deutsche Auswandererhaus erzählt ihre Geschichte.

Industrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit und zwei Weltkriege brachten viele Europäer im 19. und 20. Jahrhundert dazu, über Bremerhaven, dem größten deutschen Auswandererhafen, in die neue Welt auszuwandern.
Wer wissen möchte, ob seine sagenumwobene Tante Emma wirklich mit 18 Jahren ihrer ersten großen Liebe nach New York gefolgt ist, kann mithilfe der Datenbank des Auswandererhauses nach ausgewanderten Vorfahren forschen. Daten, Biografien und Originalreisegegenstände liefern zudem alles Wissenswerte rund ums Thema Migration. Einprägsam sind vor allem die nachgebauten Schiffskojen der Auswandererschiffe, die so klein sind, dass man sich kaum vorstellen kann, wochenlang auf See darin zu schlafen.

Du alter Fischkopf!


Autorin Julia mit ihrem Fischkopf?, Foto: Julia Fiedler

Fischkopfmann sucht Fischkopffrau in Fishtown. Die Norddeutschen haben doch Sinn für Humor.

Obwohl Bremerhaven seine besten Jahre als Fischereihochburg hinter sich hat: Die etwas negativ behafteten Spitznamen Fishtown für die Stadt und Fischköpfe für ihre Einwohner sind auch heute noch in Gebrauch. Das liegt wohl besonders an den vielen Fischimbissen und -restaurants, die das Stadtbild prägen und in denen man noch heute geräucherten Fisch wie zu Uromas Zeiten kaufen kann. Dass die Bremerhavener humorvoll sind, zeigt die Singlebörse „fischkopf.de“, die Einsamen aus Bremen, Hamburg und Bremerhaven dabei hilft, einen passenden Fischkopf zu finden.

Prädikat Klimastadt

Klimastadt? Eine Stadt, die mit Klima zu tun hat? Die Konzeptstudie „Klimastadt Bremerhaven“ des Alfred-Wegener-Instituts erklärt, was es mit diesem Begriff auf sich hat.

Inzwischen ist das Problem Klimawandel bis in die hintersten Ecken der Welt vorgedrungen. Eine Klimastadt stellt sich genau dieser gefährlichen Entwicklung. Dabei bezieht sie Politik, Stadtverwaltung, Bevölkerung und Wirtschaft ein.
In Bremerhaven würde das zum Beispiel bedeuten, dass in Bildungseinrichtungen verstärkt die Klimaproblematik behandelt wird. Dass öffentliche Busse ihren CO²-Ausstoß durch Elektroantrieb verringern. Dass mehr Windenergieanlagen auf dem Meer gebaut werden und dass die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit setzt – zum Beispiel durch die Nutzung erneuerbarer Energien.
Doch nicht nur das Klima sagt bei einer Umstrukturierung zur Klimastadt danke: Der Ausbau von klimaschützender Forschung und Produktion zieht Firmen an und schafft neue Arbeitsplätze.

Nachhaltige Studiengänge


Fortschrittlich – Die Hochschule Bremerhaven, Foto: Hochschule Bremerhaven

Process Engineering and Energy Technology oder Windenergietechnik – wer sich für Klimaschutz und Technik begeistert, ist bei den Studiengängen der Hochschule Bremerhaven genau richtig.

Die Hochschule Bremerhaven bildet junge Menschen in Bereichen wie Windenergie und Meerestechnik aus – in Kooperation mit namhaften Forschungseinrichtungen wie dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Unter dem Leitfaden der Energie- und Ressourceneffizienz werden den Studierenden Grundlagen im Ingenieurswesen vermittelt. Im Rahmen des Umbaus zur Klimastadt ist ein Pilotprojekt geplant, bei dem Studenten der Hochschule Bremerhaven zusammen mit einem Fischverarbeitungsbetrieb die Abwärme der Fischkühlhallen nutzbar machen sollen.

35 Grad in Norddeutschland


Das Klimahaus bei Nacht., Foto: Jan Rathke, ©Klimahaus® Bremerhaven

Der deutsche Winter nervt? Das Klimahaus 8° Ost in Bremerhaven bietet 35 Grad heißes, Wüstenklima und gleichzeitig viel Wissenswertes über Klima, Klimawandel und Klimaschutz.

Authentizität ist das Markenzeichen des Klimahauses Bremerhaven. In einer Reise um die Welt lernen die Besucher fünf Klimazonen mit Originaltemperaturen, -gerüchen und –luftfeuchtigkeit kennen. Dabei können Kreislaufschwache durchaus Probleme mit den rasanten Wetterumschwüngen haben: Von der Antarktis nach Samoa und dann in die Schweiz – und das alles in wenigen Stunden! Außerdem erfährt man bei der Simulation von Miniatur-Stürmen alles über die Physik des Klimas. Und in der Abteilung „Perspektiven“ wird über die nicht so rosige Zukunft des Klimas aufgeklärt. Wer sich nach all den Eindrücken aktiv für eine grünere Welt einsetzen möchte, kann sich Tipps holen, wie man selbst zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes beitragen kann.

Kommentare

Bremerhaven hat sich in der Tat sehr positiv gewandelt. Gerade die Umgestaltung des Hafens zu einem Erlebnisviertel unter dem Namen "Havenwelten" wirkt sich belebend auf die ansonsten eher langweilige Stadt aus. Die Nähe der einzelnen Attraktionen (Klimahaus, Auswandererhaus, usw.) sorgt dafür, dass man ihre Besichtigung an einem Tag schafft. Moderne Architektur, Restaurants und der Zoo am Meer erlauben es zudem, auch einfach mal nur durch das Viertel zu laufen, ohne in die einzelnen Häuser hineinzugehen. Die Frage ist nur, inwieweit sich das Konzept etablieren kann? Ich habe eben erwähnt, dass die Lage der Erlebnis-Museen nebeneinander das Besichtigen mehrerer an einem Tag erlaubt. Finanziell sieht das für eine Durchschnittsfamilie schon ganz anders aus: Die Museen sind relativ teuer. Dies führt unweigerlich zu einem Konkurrenzkampf. Dieser steigert zwar mittelfristig die Attraktivität, früher oder später wird es aber Gewinner und Verlierer geben. Das ist problematisch, denn ein Konzept wie die "Havenwelten" funktioniert nur mit einer gewissen Vielfalt an Attraktionen. Wenn sich die Attraktionen, um ihre eigenen Besucherzahlen zu steigern, gegenseitig verdrängen, kann dies für sie schnell zu einem Bumerang werden. Ein Verlierer dieser Konkurrenzsituation ist das Deutsche Schiffahrtsmuseum: Es scheint so irrelevant geworden zu sein, dass es hier nicht einmal erwähnt wird, obwohl es eine Säule des Havenwelten-Konzeptes ist. Gott sei Dank ist es, als gleichzeitige Forschungseinrichtung, nicht bedroht.