Sebastian wird wenig Freizeit haben in Zukunft. Foto: privat

Sebastian Thuer ist 24 und arbeitet als Studienberater an der Christian Albrechts Universität in Kiel. Der Schekker-Autorin Katharina hat er erzählt, warum er nach über acht Jahren nun sein Abitur nachholen möchte.

Bis zum Eintritt in die Oberstufe verlief schulisch noch alles im Rahmen. Aber ab der 11. Klasse „war dann irgendwie der Wurm drin“, erinnert sich Sebastian. Ruhig zieht er an seiner Filterzigarette, inhaliert tief und greift beim Ausatmen zur Kaffeetasse neben ihm. Schwarz. Ohne Milch. Ohne Zucker. Kompromisslos.

Suchtmittel waren schon immer ein wunder Punkt bei ihm. Mit 17 Jahren war es der Alkohol. Mit Freunden feiern klang damals einfach besser als Latein lernen oder Bio büffeln. Als die Leistung rapide nachließ und das erste „ungenügend“ auf einem Klausurzettel stand, setzte bei Sebastian die „Null-Bock-Phase“ ein. Kompromisslos war Sebastian schon damals: „Wer stellt einen mit einem schlechten Dreier- oder gar Vierer-Abitur ein? Da sieht eine gute Fachhochschulreife einfach besser aus.“ So lautete damals seine Devise.

Den Weg des geringsten Widerstands. Zumindest auf schulischer Seite, den wollte er gehen. „Warum anstrengen, wenn man auch ohne viel Mühe und Aufwand an gute Noten kommt?“Von seinen Freunden wusste er schließlich bereits, dass es auch anders geht. „Mathe, Deutsch und Englisch waren ja ohnehin nie mein Problem. Chemie, Physik und solche Fächer, die haben mir das Genick gebrochen“, echauffiert sich Sebastian auch Jahre später noch. Er gestikuliert für einen kurzen Moment wild und verliert dabei etwas Asche über seinen ausgelatschten Turnschuhen. Wie beschämt über diesen Ausbruch schweigt er ein paar Minuten. Nimmt dann zwei tiefe Schlucke aus der Kaffeetasse und sagt, fast in sich gekehrt: „Ich mag meinen Job, aber ich bin Mitte 20 und bereits in einer beruflichen Sackgasse angelangt.“

„Vielleicht bekomme ich sogar wieder eine Schultüte…“


Für Beförderungen in den höheren Dienst, Führungsaufgaben und das damit verbundene bessere Gehalt fehlt ihm die Beamtenlaufbahn, beziehungsweise ein Studium. „Als mir dieser Umstand bewusst wurde, war ich erst einmal plan- und orientierungslos.“, erklärt Sebastian, während er leicht nervös an seinen Festivalbändchen am Handgelenk zippelt. „Irgendwann reifte aber dann die Erkenntnis: dann eben ein Neuanfang!“

Zweiter Bildungsweg

Nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung ist es möglich, auf dem sogenannten „Zweiten Bildungsweg“ einen weiterführenden allgemeinbildenden Schulabschluss zu machen.

Sowohl für diesen Abschluss als auch für ein eventuell folgendes Studium kann man „elternunabhängige Förderung“ beantragen. Diese kommt für alle in Betracht, die beispielsweise ein Abendgymnasium oder Kolleg besuchen. Sie müssen vorher aber mindestens fünf Jahre gearbeitet haben oder eine Ausbildung plus drei Jahre Erwerbstätigkeit vorweisen können.

Infos zu Abendgymnasien oder anderen Möglichkeiten geben die Berufsinformationszentren der Arbeitsagenturen in eurer Nähe.

Auf das Abendgymnasium in Kiel machte ihn schließlich einer der Hilfskräfte in der Studienberatungsabteilung aufmerksam. Eine Internetsuche, zwei Bewerbungstermine und drei Monate später ist es soweit. Die „Einschulungsfeier“ am Abendgymnasium am Ravensberg steht kurz bevor. Bei dem Gedanken daran, in Kürze wieder die Schulbank zu drücken, lässt sich unter seinen Bartstoppeln ein leichtes Lächeln erkennen. Vorfreude, Zuversicht und das Gefühl „ich tue da jetzt was für mich und meine Zukunft“ spiegeln sich darin wider. „Vielleicht bekomme ich ja sogar eine Schultüte“, scherzt Sebastian.

Das Abendgymnasium ist nur eine von vielen Weiterbildungsmöglichkeiten. Bei der Frage, ob ein wirtschaftsspezifischer Studiengang an einer Fachhochschule oder „normales“ Abitur an einer Schule nicht in Frage gekommen wären, winkt Sebastian nur ab. „Ich habe zwar damals meine Fachhochschulreife in einem wirtschaftlichen Zweig gemacht, aber übertreiben muss ich es in der Richtung auch nicht und meinen Job würde ich derzeit auch nur ungern aufgeben. Irgendwie hat man sich doch an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt.“

Ein Leben zwischen Lernerei und Festivalarmbändern


Viel Zeit, diesem Lebensstandard zu frönen wird Sebastian in Zukunft nicht bleiben. Dass die Doppelbelastung an seinen Kräften zehren wird, darüber ist er sich durchaus im Klaren. Nach über drei Jahren im Berufsleben, fernab von jeglicher schulischer Institution ist das Ein- und Umstellen auf die Lernerei nicht zu unterschätzen, das weiß auch er. „Dieses Mal drücke ich jedoch freiwillig die Schulbank. Da ist die Motivation gleich eine ganz andere, auch wenn ich die Befürchtung habe, dass meine Sozialkontakte etwas verkümmern werden über die nächsten drei Jahre.“ Für seine Freundin, seine Freunde und ihn selbst wird die Zeit eine Herausforderung. Tagsüber wird er weiter hinter seinem großen Schreibtisch sitzen und aus dem Hochhaus der Universitätsverwaltung die Studenten kommen und gehen sehen.

„Ich bereue nichts.“


Inzwischen verschwindet Sebastians Gesicht fast völlig hinter dem blauen Dunst. In wenigen Wochen hat er für so viel Muße keine Zeit mehr. Von 18 – 22 Uhr wird er wieder Texte übersetzen, Stochastische Formeln aufstellen und Shakespeare lesen. Für einen kurzen Moment lehnt er sich zurück und starrt völlig ruhig vom Balkon auf die ins Licht der Laternen gehüllte Straße. Unbewusst nimmt er dabei die berühmte Denkerpose ein. Nickt dann, wie nach einem inneren Zwiegespräch: “Ich würde definitiv nochmal so handeln. Wie ich im Endeffekt abschneide, weiß ich nicht. Aber der Zwang ist weg, die Grundstimmung gut und die Motivation vorhanden. Daher bereue ich meine Entscheidungen von damals nicht. “

Die Überzeugung, die aus dieser Aussage spricht, lässt erahnen, was er damit meint, wenn er sagt, dass er in den letzten Jahren reifer geworden ist und endlich den Ansporn und den Ehrgeiz entwickelt hat, den er für die Allgemeine Hochschulreife braucht.

Was denkt ihr? Hättet ihr auch den Mut und genügend Ehrgeiz, mit 24 Jahren nochmal die Schulbank zu drücken? Schreibt uns eure Meinung in den Kommentaren!

Kommentare

Hallo, ich stehe momentan ähnlich der Situation von Sebastian gegenüber. Ab Mai beginnt für mich der Vorkurs für das Abitur am Abendgymnasium in Kiel. Ich habe auch bereits eine Achterbahnfahrt an beruflichen Erfahrungen hinter mir, die mich nun zu diesem Entschluss kommen ließen, dass es die einzig richtige Wahl ist, das Abendgymnasium zu besuchen. Der Grund dieser bisherigen Irrfahrt durch das Berufsleben ist, denke ich, der tiefe Wunsch der Selbstverwirklichung, welche zum größten Teil nur mit einem Studium zu realisieren ist. Das habe ich bereits in meiner Lehre zum Maler und Lackierer bemerkt, jedoch war für mich damals das Abitur, gefühlt zumindest, in unerreichbarer Ferne. Nach drei langen Jahren hatte ich den Realschulabschluss und den Gesellenbrief in der Tasche. Für mich war damals klar, dass ich nicht weiter in diesem Beruf arbeiten wollte. Ich wurde noch zwei Monate von meinem Chef übernommen, doch dann kam der Winter, und die Junggesellen waren die Ersten die stempeln gehen durften. Da ich in meiner Freizeit seit einigen Jahren beim Deutschen Roten Kreuz und bei der freiwilligen Feuerwehr ehrenamtlich tätig war, entschied ich mich, mein Hobby zum Beruf zu machen und eine Karriere bei der Berufsfeuerwehr anzustreben. Um die Wartezeit zu verkürzen und meine Einstellungschancen zu erhöhen, begann ich zeitnah ein eine schulische Ausbildung zum Rettungssanitäter und schloss diese auch sehr erfolgreich ab. Eine wichtige Entscheidung, wie sich später bestätigen sollte. Als die lange Wartezeit bis zum Einstellungstest endlich vorüber war, wurde ich gleich mit der Realität konfrontiert und musste schmerzlich feststellen, dass meine Vorbereitungen nicht ausreichend waren. Die Sporttests, das Diktat und die Matheaufgaben hatten mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Schule doch schon einige Zeit hinter mir lag. Nach einem Jahr erneuter, intensiver Vorbereitung ließ mich das Einstellungskomitee im Vorstellungsgespräch am ausgestreckten Arm verhungern. Meine Nervosität und die Tatsache, dass ich über kein "Vitamin B" verfügte, ließ mich dann auch im zweiten Anlauf kurz vor dem Ziel scheitern. Anschließend fühlte ich mich völlig überflüssig, ziemlich deprimiert und war einige Zeit arbeitslos. Ich hatte mich dem Zivildienst und der Wehrpflicht mit etlichen Freistellungen entzogen, sodass sie mich bis heute, mittlerweile wurde sie abgeschafft, in Ruhe ließen. Ich half mir aus diesem Loch wieder herauszukommen, in dem ich nebenbei auf meiner alten Rettungswache, ein paar Schichten in der Woche mit auf dem Rettungswagen fuhr. Ich hatte mir dort einen recht guten Ruf erarbeitet, da mir diese Tätigkeit auch wirklich Freude bereitete. Auch die Kollegen, unter ihnen einige zukünftige Medizinstudenten, die ebenfalls eine Ausbildung im Rettungsdienst gemacht hatten, um ihre Wartesemester sinnvoll zu nutzen, motivierten und inspirierten mich, eventuell doch irgendwann mein Abitur nachzuholen. Doch noch war ich nicht soweit, erstmal musste Geld her, dachte ich. Ich bekam unerwartet einen Job bei einem Pizzalieferanten. Dort fing ich zuerst eine Lehre an, um doch später festzustellen, dass andere die gleiche Arbeit erledigen, aber dafür (mehr) Geld verdienten. Ich wandelte also meinen Ausbildungsvertrag in einen Arbeitsvertrag um und schon verdiente ich Geld. Hört sich einfach an, war es auch, da ich immer ordentlich mitgearbeitet hatte, war der Chef gut auf mich zu sprechen und gab mir die Stelle in der Vorbereitungsschicht in der Küche. Eine sehr begehrte Schicht, da man von neun bis siebzehn Uhr arbeitete, was bekanntlich in der Gastronomie seltene Arbeitszeiten sind, zumindest für die meisten Arbeitnehmer in der Branche. Ich erarbeitete mir auch dort einen guten Ruf und bekam interessantes Wissen von meiner Kollegen beigebracht, die eine sehr gute ausgebildete Köchin war. Nach einem Jahr jobben war die Zeit in diesem „Steinbruch“ vorbei. Die doch immer wechselnden Arbeitszeiten, die Arbeit am Wochenende und die miserable Bezahlung bewegten mich, mal wieder nach etwas Neuen zu suchen. Ich bekam zufälligerweise von meinem ehemaligen Wachleiter der Rettungswache einen Anruf, „Ich hätte einen Job, ich glaube das wäre was für dich, kannst ja mal ne Nacht drüber schlafen?!“ Gesagt, getan! Einen Monat später hatte ich einen Job als Rettungssanitäter bei einem großen Industrieunternehmen, die einen Rettungssanitäter suchten, der nebenbei auch Sachbearbeitende Dinge erledigt und organisiert. Ich hatte plötzlich ein eigens Büro, sehr nette Kollegen und alles war auf einmal super. Mehr Geld, angenehme Arbeit ( im Gegensatz zu vorher) und interessante Aufgaben. Eine völlig neue Welt erschloss sich für mich und damit verbunden auch neue Chancen. Da ich den ständigen Drang nach Weiterentwicklung und Weiterbildung habe, sah ich die Ingenieure und BWL´er in meiner Abteilung und dachte mir, nun wird es Zeit für mich! Da ich meine Arbeit in meinem Job frei einteilen kann und ich zwischenzeitlich auch Zeit zum lernen hätte, meldete ich mich am Abendgymnasium in Kiel an. Es dauerte fast genau zwei Wochen bis ich die Direktzusage im Briefkasten hatte. In der Weihnachtszeit gingen wir mit der Abteilung auf den Weihnachtsmarkt. Dort sprach mich der Chef von meinem Chef an und fragte mich nach meinen beruflichen Plänen. Ich erzählte ihm vom Abendgymnasium und das ich auch an einem Studium im Ingenieurs-wissenschaftlichen Bereich interessiert wäre. Unerwartet sprach er mir seine Unterstützung aus und meinte: “Wenn ich dir in der Hinsicht behilflich sein kann in der Firma, sag Bescheid. Ich habe mich sowie so schon gefragt warum du da unten sitzt!“ und bot mir ein gemeinsames Gespräch mit der Personalentwicklung an. Dieses Gespräch werden wir in nächster Zeit führen und ich bin sehr gespannt, was dabei rauskommen wird. Ich könnte mir nach dem Abitur ein duales Studium in diesem Betrieb vorstellen und ich denke, dass es sicherlich auch Chancen dazu gibt. Ich bin letzten Monat fünfundzwanzig geworden und sehe der Zukunft mit Vorfreude entgegen. Während dieser Zeit habe ich eine tolle Frau kennengelernt, wir haben einen kleinen Sohn zusammen und wohnen in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt. Die Zeit war sicher nicht so leicht wie es sich hier ließt und ich kann nur jedem raten, nicht solange durch die Gegend zu irren wie ich es getan habe. Trotzdem bereue ich nichts und bin über meine Erfahrungen stolz und möchte damit auch anderen Mut machen. Es gibt immer einen Weg, auch wenn man es oft nicht mehr für möglich hält. Der wichtigste Punkt war bei mir immer: Durchhalten, gut mitarbeiten und zur richtigen Zeit den Mund aufmachen. Und für alle Kritiker und Pessimisten unter uns, die jetzt sagen, „Ja ja, stell dir das mal nicht so einfach vor!“ Ich habe mir immer alles einfacher vorgestellt und als ich dann das Gegenteil bemerkte, die Zähne zusammen gebissen. Denn wer immer vom schlimmsten ausgeht und es sich deswegen nicht traut zu tun, der macht den größten Fehler. Wenn man etwas will dann schafft man es auch. Also, seht zu!

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