Alle Welt schaut besorgt auf den Nahen Osten. Bild: ScreenShot Googlemaps

Täglich erhalten wir neue Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten. Besorgt blickt die westliche Welt vor allem auf Syrien und Irak. Dort will eine radikalislamische Terrororganisation, die sich IS (Islamischer Staat) nennt, ein Kalifat erschaffen, also eine weltlich-religiöse Herrschaft errichten. Um das zu erreichen, scheut sie keine noch so brutale Gewalt. Um die jüngsten Ereignisse nachvollziehen zu können, lohnt es sich, einmal in die Vergangenheit zu blicken.

Wirft man einen oberflächlichen Blick auf die Entwicklungen in Irak, so entsteht schnell der Eindruck, IS sei ein neues Phänomen. Denn mit den immer vielfältigeren Möglichkeiten des Internet erfährt die Verbreitung der radikal-islamischen Propaganda ein ganz neues Tempo – weit über den Nahostraum hinaus. Schnell vergisst man dabei jedoch, dass der Konflikt, der die jüngsten Auseinandersetzungen verursacht, kein neuer ist. Die Wurzeln liegen vielmehr in einem jahrhundertealten Glaubenskrieg, der auf Unterdrückung und Willkür gründet.

Mehr Informationen zur Problematik im Irak bekommt ihr auf den Seiten des Auswärtigen Amtes.

Wie kam der Krieg nach Irak?

In seiner Vergangenheit wurde Irak immer wieder von schweren innerstaatlichen Auseinandersetzungen erfasst. Meist bestanden diese Spannungen zwischen den zwei größten Glaubensrichtungen innerhalb des Islam, den Sunniten und den Schiiten. Mit Unterstützung westlicher Staaten gelang es den Sunniten jahrelang, die Macht in Irak zu halten. Sowohl die mehrheitlich schiitische Bevölkerung als auch Minderheiten wie Christen und Kurdensahen sich dadurch immer wieder teils brutalen Repressalien ausgesetzt. Mit der Herrschaft Saddam Husseins erreichte die Unterdrückung durch einen sunnitischen Diktator ihren Höhepunkt. 2003 wurde Saddam Hussein – unter maßgeblicher Mitwirkung der USA – gestürzt und wegen Massenmordes an Kurden und Schiiten hingerichtet. Dies sorgte jedoch für wenig Abkühlung im Konflikt. Über Jahre hinweg sorgten Gewalt und Unterdrückung für Misstrauen – auch zwischen den Minderheiten, sodass die Errichtung eines politisch stabilen Irak unmöglich war.
ISIS, ISI und IS

Der Islam lässt sich in diverse Strömungen unterteilen. Dabei stellen die Sunniten mit 90 Prozent die größte muslimische Glaubensgemeinschaft. Die meisten Sunniten leben in Saudi-Arabien. Nur ein Drittel der irakischen Bevölkerung sind Sunniten. Die Salafisten sind streng konservative Sunniten. Die zweitgrößte Strömung innerhalb des Islam sind die Schiiten. Große Teile der iranischen, syrischen, libanesischen und jemenitischen Bevölkerung sind Schiiten. Die beiden Glaubensrichtungen unterscheiden sich grundlegend in der legitimierten Nachfolge des Propheten Mohammeds – dem Begründer des Islam. Während die Schiiten den Vetter Mohammeds, Ali, und dessen direkten Nachkommen als gesetzmäßigen Nachfolger und somit Anführer der islamischen Gemeinde erachten, setzte sich für die Sunniten der Brauch durch, den Führer unabhängig von seiner Abstammung zu wählen.

Mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung wurde nach dem Sturz Husseins eine schiitische Zentralregierung in Bagdad installiert, geführt von Präsident Nuri Al-Maliki.
Zu diesem Zeitpunkt tritt die Terrororganisation ISIS (Islamischer Staat in Irak und Syrien) erstmals in Erscheinung. Der Jordanier Abu Musab az-Zarqawi hatte die Organisation 2000 gegründet mit dem Ziel, das jordanische Königshaus zu stürzen. 2003 schloss sich Zarqawi in Irak den sunnitischen Aufständen gegen Maliki und die irakische Regierung an. So gelang es ISIS, viele Iraker in die zu diesem Zeitpunkt noch „Einheitsbekenntnis und Heiliger Krieg“ genannte Gruppe zu integrieren. Obwohl die Organisation nicht als Teil der dschihadistischen al-Qaida fungierte, kämpften beide Terrororganisationen jahrelang Seite an Seite.

Mit hemmungsloser Brutalität und der Zerstörung strategisch wichtiger Punkte setzte die Organisation alles daran, einen islamischen Staat in Irak zu errichten, der sich im Laufe der Zeit auf die gesamte Welt erstrecken sollte. Im Jahre 2006 wurde das Oberhaupt der ISIS von US-amerikanischen Truppen getötet. Auch wendeten sich Teile der Gefolgschaft von ISIS ab und schlossen Frieden mit den US-Truppen und der schiitischen Regierung. Obwohl sich nach Zarqawis Tod eine enge Kooperation mit der al-Qaida abzeichnete, die mit der Gründung von ISI (Islamischer Staat im Irak) ihre dschihadistischen Ziele auf den Irak fokussierte, war die Organisation geschwächt, weil sie im irakischen Bürgerkrieg nur geringe Erfolge erzielt hatte.

Bürgerkrieg in Syrien

Einen Wendepunkt markierte der syrische Bürgerkrieg, der seit dem Jahre 2011 erheblichen Einfluss auf die islamische Welt nahm. Als große Teile der syrischen Bevölkerung im Jahre 2011 den schiitischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen versuchten, schickte der Anführer der ISIS, Abu-Bakr al-Baghdadi, Truppen nach Syrien, um die dortige al-Nusra-Front in ihren Bestrebungen gegen Assad zu unterstützen. Diese Kooperation scheiterte jedoch aufgrund der Machtansprüche ihrer jeweiligen Anführer. Fortan versuchte ISIS jedoch, alleine weiterzukämpfen, was zu Problemen mit al-Qaida führte. Anfang 2014 sorgte dies letztlich für einen dauerhaften Ausschluss der ISIS aus dem Bund von al-Qaida. Da Teile der al-Nusra-Front zu ISIS überliefen, konnte diese in Syrien einen großen Anteil an den von Rebellen besetzten Gebieten übernehmen. An dieser Stelle kämpfte ISIS nicht nur gegen die syrische Regierung, ging auch außerordentlich brutal gegen gegen konkurrierende Gruppierungen vor. Immer wieder wurden auch kurdische Rebellen Ziel von Anschlägen der ISIS.

Die aktuelle Lage

Die gezielten Angriffe der ISIS auch auf strategisch wichtige Städte überraschten das irakische Militär. Obwohl es den Terroristen zahlenmäßig überlegen war, konnte das irakische Militär den Truppen der ISIS keinen Einhalt gebieten. ISIS plünderte wichtige militärische Stützpunkte und gelangte so auch an Waffen aus US-amerikanischer Herstellung. Eine erfolgreichere Offensive gelang den kurdischen Peschmerga. Diese konnte mit militärischen Mitteln die wichtige Stadt Erbil wieder erobern und ISIS teilweise eindämmen. Internationale Anerkennung bekamen die Peschmerga, weil sie der christlichen Minderheit der Jesiden halfen, sich zu befreien, nachdem diese in großer Zahl von ISIS verschleppt worden waren.

Westliche Kriegsbeteiligung?

Honoriert wurde dieser Einsatz von der internationalen Gemeinschaft, die die Peschmerga inzwischen mit Waffen unterstützt. Hinzu kommt Beistand aus der Luft, den die USA mittels Kampfjets bereitstellt. ISIS indessen hat sich klar zu ihrem weltweiten Kalifat bekannt – seit Oktober hat sie sich in IS (Islamischer Staat) umbenannt, um zu demonstrieren, dass ihr Staat sich nicht mehr nur auf irakisches Gebiet beschränkt.

Um die globale Bedrohung in den Griff zu bekommen, fordern sowohl Europa als auch die USA die Türkei zum Schutz der kurdischen Bevölkerung auf. Die Türkei hingegen stuft Teile der kurdischen Kämpfer derzeit noch als Terrororganisation ein und hält sich zurück. Zudem befürchtet sie, dass die Kurden die türkische Unterstützung zur Errichtung eines eigenen Staats nutzen könnten.

Flüchtlingsproblematik

Der Konflikt im Nahen Osten hat nicht zuletzt auch direkten Einfluss auf Deutschland. Über drei Millionen Syrer haben sich seit dem Bürgerkrieg in Nachbarstaaten geflüchtet, um der ständigen Todesgefahr zu entgehen. Über 40.000 Flüchtlinge hat Deutschland bisher aufgenommen und stellt somit das größte Kontingent Europas. Trotz der Unterstützung vieler Bürger und ehrenamtlicher Helfer sind die Flüchtlingslager teilweise überfüllt. Daher verlangen diverse Politiker mehr Engagement seitens anderer europäischer Staaten.

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