„Geht es jetzt los?“, fragt Frau Winter und blickt ein wenig nervös hin und her. Noch nie wurde sie für einen Artikel interviewt, das ist neu. Sie sitzt mit geradem Rücken auf dem gepolsterten Hocker im ehemaligen Kinderzimmer ihrer Söhne. Der Raum dient inzwischen als zweites Wohnzimmer, denn ihre Söhne sind schon lange ausgezogen. Die ersten Fragen verlaufen etwas holprig, dann ebnet sich das Gespräch. Frau Winter faltet die Hände im Schoß und beginnt zu plaudern.
Vor der Rente kommt die Arbeit
Um Rente zu beziehen, muss man gearbeitet haben. Also, was hat Frau Winter vor der Rente gemacht? Nach der Schule beginnt sie eine Ausbildung zur Fachverkäuferin für Lebensmittel. „Aber ich wollte immer ins Büro“, erklärt sie und so kommt es auch. Nach vier Jahren als Verkäuferin wird sie bei einer Firma angestellt, die Klimaanlagen produziert. Dort arbeitet sie im Büro als Buchhalterin. Ihre Arbeit beschreibt sie lachend so: „Immer Zahlen, Zahlen, Zahlen.“
Während dieser Zeit macht Frau Winter eine weitere Ausbildung zur Industriekauffrau. Schließlich wechselt sie den Arbeitgeber und nimmt einen Job in einem Versorgungskontor für Schreibwaren an. Damit geht für sie ein Traum in Erfüllung. Freudig berichtet sie: „Das war das Highlight für mich! Es war nicht nur Schreibtischarbeit, nein, ich hatte auch Kontakt zu den Kunden. Ein sehr vielseitiger Job – einfach wunderbar!“
Die meiste Zeit arbeitet Frau Winter in Teilzeit. „Die Familie ging einfach vor“, so begründet sie das. Ein paar Jahre vor dem Rentenalter wird sie arbeitslos und findet keine neue Anstellung.
Die 73-Jährige Rentnerin hat sich an den neuen Alltag gewöhnt.
Foto: Sabrina Winter
Andere Verpflichtungen
Im Jahr 2001 ist so weit: Frau Winter geht in Rente. „Dann habe ich tief durchgeatmet und war froh, nicht mehr zeitig aufstehen zu müssen“, sagt sie und ein Hauch von Erleichterung huscht über ihr Gesicht. Inzwischen ist sie 73 Jahre alt und hat sich an das Rentnerleben gewöhnt. Doch wie sieht das so aus? Fernsehen und Langeweile? Nein, nicht bei Frau Winter.
Ihr Rentnerdasein hat Struktur: Am Morgen setzt sie sich an den gedeckten Frühstückstisch und isst in aller Ruhe gemeinsam mit ihrem Mann. Danach stehen Hausarbeiten auf dem Plan. „Ordnung ist das A und O“, betont Frau Winter. „Schließlich geht alles nicht mehr so schnell, da muss man jeden Tag ein bisschen was tun.“ Und außer dem Haushalt? Da gibt es eine Menge: den Garten pflegen, sich mit Freunden treffen, Enkelkinder betreuen, Urlaubsreisen, Arzttermine, Radtouren und Einkaufen gehen. Ganz wichtig ist Frau Winter, jeden Tag die Regionalzeitung zu lesen und Nachrichten zu schauen. „Ich will unbedingt wissen, was in der Politik und in meinem Umfeld passiert. Ich muss informiert sein!“, erklärt sie mit ernster Miene.
Was hält Frau Winter von der Rentenreform?
Seit einigen Monaten geistert das Wort „Rentenreform“ durch die Medien. Die Bundesregierung hat beschlossen, die Renten zu erhöhen und das Renteneintrittsalter unter bestimmten Voraussetzungen zu senken. Das heißt, viele Leute können eher in Rente gehen und bekommen mehr Geld. Auch Frau Winter ist davon betroffen: Fast 20 Euro mehr purzeln nun jeden Monat auf ihr Konto. Trotzdem hat sie nicht viel Geld zur Verfügung. Da sie fast nur in Teilzeit angestellt war, fällt ihre Rente nicht besonders üppig aus. „Man muss sich das Geld eben einteilen“, meint sie achselzuckend. „Wir waren immer zufrieden, mit dem was wir hatten.“
Doch ist das gerecht? Die alte Generation bekommt mehr Geld und die junge Generation zahlt dafür. Dabei steht noch in den Sternen, wie hoch unsere Rente einmal ausfallen wird. Nur das sie niedriger sein wird, als heute, soviel scheint klar. Frau Winter freut sich über die Rentenreform. Sie meint: „Die Lebenshaltungskosten steigen, deswegen war eine Erhöhung nötig. Aber ich mache mir auch Gedanken um die Jugend, schließlich betrifft es meine Kinder und Enkel. Das muss die Politik irgendwie hinbiegen. Man kann die jungen Leute im Alter nicht verhungern lassen!“
Die Rente wird von den jetzigen Beitragszahlern und dem Bund finanziert.
Foto: Uwe Schlick, pixelio.de
Die gesamte Rentenreform kostet bis zum Jahr 2020 insgesamt 60 Milliarden Euro. Es ist jedoch fraglich, ob das Umlageverfahren noch funktioniert, wenn wir in einigen Jahrzehnten in Rente gehen. Denn dafür werden derzeit viel zu wenige Kinder geboren, wohingegen die Menschen viel älter werden. Sogar heute reichen die Beiträge der Arbeitnehmer nicht mehr aus und die Renten werden aus dem Bundeshaushalt mitfinanziert.
Aber gibt es eine gerechte Lösung? Sollte man die Renten senken oder die Leute länger arbeiten lassen? Auf diese Fragen weiß Frau Winter keine Antwort. Bedenklich schüttelt sie den Kopf und überlegt: „Vielleicht ist es egoistisch, sich über die Rentenerhöhung zu freuen. Ohne die Erhöhung wäre der Jugend eventuell mehr geholfen. Doch es gibt ja so viele Experten im Land. Die müssen sich einfach an einen Tisch setzen und eine gerechte Lösung aushandeln!“



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