1969 als Volontär in einer Lokalredaktion die Journalistenkarriere gestartet, arbeitet Josef-Otto Freudenreich heute als verantwortlicher Redakteur bei der Stuttgarter „Kontext: Wochenzeitung“. Was sich im Laufe der Zeit verändert hat und welche Möglichkeiten junge Journalisten heute haben, hat er Schekker-Autorin Silke erzählt.
„Mit dem Journalismus kann ich die Welt verbessern“ – diese Einstellung war von Anfang an Freudenreichs Mission. Sie hat sich zwar im Lauf der Jahre leicht verändert, die Grundposition ist dennoch geblieben: Journalismus ist seine Möglichkeit sich einzumischen. Nicht nur mit klassischen Kommentaren, sondern auch mit Reportagen, Analysen und anderen Stilformen.
Denen eine Stimme geben, die sonst keine haben
Die Reichen und Mächtigen finden in den Medien Gehör. Deshalb hat er sich besonders gerne jenen Menschen zugewandt, die selbst keine Stimme haben und hat diesen eine gegeben. Wobei es nicht immer einfach war, seine Ideale mit der redaktionellen und wirtschaftlichen Realität in einer Zeitung in Einklang zu bringen. „Über die Jahre bin ich schlauer geworden, ich habe gelernt, dass nicht alles so einfach ist und dass die äußeren Bedingungen, also zum Beispiel Abhängigkeiten von einer Redaktion, die Freiheiten einschränken.“
Kritische Veränderungen
Nicht nur die Ideale, sondern auch die objektiven Rahmenbedingungen unterliegen der Veränderung. Man denke nur an die Sparmaßnahmen in den Redaktionen. Jahrzehnte haben Zeitungen davon gelebt, dass bei ihnen inseriert wurde, mittlerweile sind die Werbeerlöse drastisch zurückgegangen. Viele Menschen, die sich informieren wollen, kaufen keine Zeitungen mehr, sondern lesen kostenlos im Internet.
Nach Einschätzung von Freudenreich hat außerdem im Laufe der Jahre die Zivilcourage von Journalisten abgenommen. Dabei sollte gerade diese Aufgabe der Presse, „Wächter und Kontrollfunktion gegenüber den Mächtigen“ zu sein, aus der Sicht von Freudenreich unbedingt umgesetzt werden.
Gründung der eigenen Zeitung
Freudenreich: Erst Chefreporter, dann Gründer einer wöchentlich erscheinenden Online-Zeitung. Foto: Silke Steinbrenner
Dieses Ziel verfolgt Freudenreich auch mit der „Kontext: Wochenzeitung“, die er mit anderen renommierten Journalisten im Frühjahr 2011 gegründet hat. „Wir wollen zur Meinungs- und Pressevielfalt beitragen, das hat das Land dringend nötig“, so Freudenreich zum Start des Projekts.
Ursprünglich ausschließlich als wöchentlich erscheinendes Online-Medium geplant, liegen einige Artikel Teilen der Samstagausgabe der „tageszeitung“ (taz) bei. Inhaltlich liegt der Fokus der sechsköpfigen Redaktion auf Stuttgart, je nach Thema wird aber auch über die Stadtgrenzen hinaus geblickt.
Lokaljournalismus als Einstieg
Wie viele andere Journalisten hat auch Josef-Otto Freudenreich nach Ende seines Politik- und Soziologiestudiums seine Karriere mit einem Volontariat in einer Lokalredaktion gestartet. Anschließend arbeitete er als freier Journalist unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Zeit“, bis er 1986 bei der Stuttgarter Zeitung landete. Mittlerweile zum Chefreporter aufgestiegen, verließ er sie Ende 2009.
Mit dem Lokaljournalismus sei man immer vor Ort und sehr nah an den Menschen und deren Problemen. Als Journalist kann man problematische und verbesserungswürdige Dinge beschreiben und dadurch eine Veränderung hervorrufen. Das gibt dem Lokaljournalisten häufig mehr Möglichkeiten als seinen Kollegen, die über das Weltgeschehen berichten. So kann er die Macht der Worte in seinem lokalen Umfeld effektiv und öffentlichkeitswirksam nutzen, meint Freudenreich.
Im Sinne der Menschen
Ein aktuelles Beispiel hierfür ist Stuttgart 21, das zentrale Thema der „Kontext: Wochenzeitung“. Freudenreich ist überzeugt, dass nicht zuletzt ein Beitrag über den geplanten Einsatz von 9000 Polizisten zur Räumung des Stuttgarter Schlossgartens die Polizei dazu gebracht hat, sehr transparent mit dem Einsatz umzugehen. Das sei eine Möglichkeit eine Behörde dazu zu bringen, ihre Vorhaben öffentlich zu kommunizieren.
„Wenn ich Menschen mit Macht dazu gebracht habe, nicht nur über Machtausübung nachzudenken, sondern sie auch zu verändern und zwar im Sinne der Menschen, dann finde ich das sinnvoll. Das macht dann für unseren Job einen Sinn und ich kann rückblickend sagen, dass ich dies oder jenes bewirkt habe“.
Wie Journalist werden?
Journalistenschulen:
– Henri-Nannen-Schule
– Deutsche Journalistenschule München (DJS)
– Axel Springer Akademie Berlin
– B.A. Journalistik an der Technischen Universität Dortmund
Volontariat z.B. bei der
– Deutschen Presse-Agentur (dpa)
oder erkundigt euch einfach bei eurer Lokalzeitung vor Ort nach Volontariats- und Praktikumsstellen
Wichtig ist ihm dabei, dass Entscheidungen demokratischer und für die Betroffenen transparenter werden und dass sie sich gegebenenfalls dagegen wehren können. „Für mich ist es entscheidend, dass Betroffene mich ermutigen: Dieser Journalist hat es geschrieben und mir hat es geholfen. Und so haben diejenigen, die sonst keine Stimme haben, durch mich eine Stimme bekommen.“
Journalisten von morgen
Soll ein junger Mensch heute noch Journalist werden? Freudenreich hat hohe Ansprüche an seine werdenden Kollegen: „Es ist nicht einfach, heute Journalist zu werden. Man braucht ein starkes Durchhaltevermögen und man muss davon überzeugt sein, dass man es wirklich will. Hartnäckigkeit, Beharrlichkeit und eine eigene Meinung zu haben ist essentiell und dann heißt es sich durchzubeißen.“



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