Schekker-Autorin Olivia arbeitet ehrenamtlich für das Kinderhospiz Bärenherz Leipzig e.V. Foto: Olivia Sardinas

Schekker-Autorin Olivia verbringt ihre Ferien als ehrenamtliche Helferin in einem Kinderhospiz. Und sie ist nicht allein. Sie spricht mit Robert, der sich entschieden hat, in einem Krankenhaus zu helfen.

„Fünf Finger, fünf Zehen… Alles dran.“ Dann ein erleichterter Seufzer und die Welt ist in Ordnung. So oder so ähnlich muss es wohl auf einer Entbindungsstation ablaufen. Meistens jedenfalls. Was aber, wenn das Kind nicht gesund ist? Dann gibt es keinen Seufzer und die Welt steht plötzlich auf dem Kopf. Ich habe mich früher oft gefragt, wie Familien in einer solchen Situation ihr Leben meistern. Heute weiß ich es.

Seit sieben Monaten bin ich ehrenamtlich als aktives Mitglied beim Kinderhospiz Bärenherz Leipzig e.V. tätig. Der gemeinnützige Verein setzt sich seit 2002 für schwerstkranke Kinder und ihre Familien ein. Das Kinderhospiz ist auf Spenden und freiwillige Hilfe angewiesen. Denn die Krankenkassen decken nicht alle Kosten einer solchen Einrichtung: Hinzu kommen beispielsweise die Aufwendungen für die psychologische Betreuung der Angehörigen. Ohne ehrenamtliches Engagement ist das nicht machbar.

Freiwilligendienst – eine sinnvolle Alternative


Zivi Robert, 22, engagiert sich im Krankenhaus und hilft Patienten.


Glücklicherweise haben heutzutage schon viele junge Menschen erkannt, wie dringend engagierte Helfer – insbesondere im Gesundheitswesen – benötigt werden. Robert zum Beispiel. Der 22-Jährige hat sich nach seinem Abitur ganz bewusst für den Zivildienst (ab dem Sommer durch den Bundesfreiwilligendienst ersetzt) entschieden: „Ich wollte mich in einem Krankenhaus um die Patienten kümmern.“ Dafür sind eigentlich die Krankenschwestern zuständig, könnte man meinen. Aber wer schon einmal in einem Krankenhaus war, der weiß, wie turbulent es dort oft zugeht und wie viel es zu tun gibt. Für Geborgenheit und persönliche Gespräche ist – aus Rationalitätsgründen – oft kaum noch Platz. „Dieser Platz kann aber durch soziales Engagement geschaffen werden“, sagt Robert.

Meine, deine, unsere Zeit

Auch ich habe mich aus einem ganz ähnlichen Grund für ein Ehrenamt entschieden. Dass ich gesund bin und ein normales Leben führen kann, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern pures Glück. Deshalb ist es in meinen Augen nicht mein Recht, dieses Glück und die Zeit, die ich in meinem Leben noch habe, einfach so für mich zu behalten. Darum teile ich meine Zeit mit Kindern, deren Lebenserwartung stark begrenzt ist.


Und wie sieht Robert das? „Während meines Zivildienstes habe ich zum ersten Mal so richtig gemerkt, wie wichtig Zeit für kranke Menschen eigentlich ist“, sagt er. Als Helfer auf der HNO-Station der Leipziger Universitätsklinik stand er oft in engem Kontakt zu Krebspatienten. „Ich habe gespürt, wie gut es diesen Menschen tat, jemanden zum Reden zu haben und nicht allein zu sein, wenn die Besuchszeit für die Angehörigen vorbei war. Für mich waren das nur einige wenige Stunden meines Lebens, für diese
Menschen vielleicht die letzten.“

Eine Erfahrung fürs Leben

Der enge Kontakt zu schwerstkranken Menschen hat sowohl Robert als auch mir geholfen, einen völlig neuen Zugang zu Themen wie dem Tod zu finden. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich im Kinderhospiz zum ersten Mal einem kranken Kind begegnet bin. Da waren Tränen im Spiel und irgendwie auch Ängste und Hemmungen, ausgelöst durch die Angst vor dem Tod. Wenn ich heute einen Tag im Hospiz verbringe, dann ist das fast schon normal für mich. Natürlich versetzt es mir nach wie vor einen Stich, dass die Kinder dort vielleicht niemals so alt werden wie ich es jetzt bin und dass sie vermutlich niemals die gleichen Erfahrungen sammeln werden, die Kinder in ihrem Alter für gewöhnlich sammeln.

Ich habe aber auch gelernt, dass ein Hospiz nicht nur ein Ort zum Sterben ist, sondern auch ein Ort, an dem viel gelacht und geliebt wird. „Welche Erwartungen hattest du an das Ehrenamt?“, will Robert von mir wissen. Ehrlich gesagt hatte ich keine. Ich wollte einfach nur helfen und bin sehr dankbar für die Erkenntnisse über das Leben und den Tod, die ich dadurch gewonnen habe.

Soziales Engagement ist nicht nur für unsere Gesellschaft wichtig, sondern trägt auch zu unserer persönlichen Entwicklung bei. Dass der Zivildienst nun bald gegen einen Bundesfreiwilligendienst ausgetauscht werden soll, sehe ich dabei durchaus positiv, denn auf diese Weise können dann auch Menschen, die älter als 27 sind, einen freiwilligen Dienst leisten. Außerdem ist es effizienter, soziales Engagement auf einer freiwilligen Basis zu fördern. Wer nicht mit Herz und Seele hilft, ist nämlich nicht wirklich hilfreich. Engagement kann nicht erzwungen werden. Wir müssen von ganz allein begreifen, wie wichtig unsere Zeit für andere Menschen sein kann.

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