Personalwissenschaftlerin Jutta Rump ist Expertin für Work-Life-Balances verschiedener Generationen. Foto: privat

Sie sind „Digital Natives“, achten auf ihre „Work-Life-Balance“ und gelten als „Egotaktiker“: Auch Schekker-Autor Leonard gehört zur „Generation Y“. Was an den vermeintlichen Eigenschaften seiner Generation wirklich dran ist, hat er die Personalwissenschaftlerin Jutta Rump gefragt.

Frau Professor Rump, meine Freunde und ich werden in den Medien gerne als die Generation Y bezeichnet. Wer ist die Generation Y?

Es gibt unterschiedliche Definitionen der Generation Y. Ich verstehe darunter diejenigen, die etwa ab 1985 geboren sind und bereits ihre ersten Schritte im Berufsleben unternommen haben, beziehungsweise gerade einsteigen.

Was unterscheidet die Generation Y von anderen Generationen?

Gerade im Vergleich zu den „Baby-Boomern“ zeigen sich einige Unterschiede. Starre Organisationsformen mit einer hohen Anwesenheitsorientierung entsprechen nicht mehr dem Lebensstil der jüngeren Generation. Sie wünscht sich Flexibilität – sowohl in Bezug auf die Arbeitszeit, als auch auf den Arbeitsort. Auch wenn verschwimmende Grenzen zwischen beruflicher und privater Sphäre gefährlich sein können, arbeitet die Generation Y ergebnisorientiert und eben nicht anwesenheitsorientiert.

Hat es eine Bedeutung, dass die Generation Y englisch ausgesprochen Generation “Why”, also “Warum” heißt?

Das wird oft so interpretiert und ergibt auch einen gewissen Sinn, da die Generation Y dazu erzogen wurde, vieles zu hinterfragen, was ältere Generationen als selbstverständlich hingenommen haben. Tatsächlich stellt das „Y“ allerdings einfach die logische Fortsetzung einer Kategorisierung dar, die mit der „Generation X“ begann. Die ab dem Jahr 2000 Geborenen werden übrigens konsequenterweise als „Generation Z“ bezeichnet.

Stichwort „Work-Life-Balance“. Stimmt es, dass die Ypsiloner im Job weniger leistungsbereit sind als ihre Vorgänger-Generationen?

Viele Ypsiloner sind durchaus engagiert und leistungsstark, aber sie erwarten gleichzeitig, dass ihnen ihr Job Freude macht und sie einen Sinn in dem sehen, was sie tun. Karriere um jeden Preis möchten viele der jüngere Generation nicht mehr machen. Führungspositionen, die damit einhergehen, dem Unternehmen bedingungslos zur Verfügung zu stehen und das Privatleben völlig auszublenden, sind für sie nicht mehr attraktiv. Denn sie sind sich sehr wohl bewusst, dass sie eine sehr lange Lebensarbeitszeit vor sich haben und diese nur „durchhalten“ können, wenn sie ein gesundes Maß zwischen Be- und Entlastung finden.

Inwiefern wird sich diese Haltung der Generation Y auf unsere Gesellschaft auswirken?

Bereits heute findet sich in der Gesellschaft der Trend zur „Entschleunigung“ als Gegentrend zur fortwährenden Beschleunigung des Lebens und Arbeitens. Das äußert sich in den zahlreichen Angeboten an Seminaren und Coachings zur Lösung von persönlichen Krisen ebenso wie darin, dass Beschäftigte psychische Überlastungssituationen offener ansprechen und auch Unternehmen diese Probleme deutlich stärker angehen als noch vor zehn Jahren. Darüber hinaus wird das Streben nach Balance zwischen Berufs- und Privatleben sowie der Wunsch nach stärkerer politischer Mitbeteiligung Einfluss nehmen.

Die Ypsiloner gelten als “digital natives”, da sie mit dem Internet aufgewachsen sind. Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke wie Facebook für meine Generation?

Soziale Netzwerke sind für die Ypsiloner selbstverständlich. Durch sie erfolgt der Austausch mit anderen, wobei anzumerken ist, dass der persönliche Kontakt „face to face“ nicht an Bedeutung verloren hat. Soziale Netzwerke ermöglichen zudem, in einer mobilen Welt Kontakt zu halten und zu pflegen. Nicht zuletzt dienen Netzwerke auch dem schnellen Transfer von Informationen. Man scheut sich nicht zu fragen, wenn man etwas nicht weiß und teilt auch gerne sein Wissen mit anderen.

Irak-Krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise: Inwiefern spielen die vielen Krisen der letzten fünfzehn Jahre für die Generation Y eine Rolle?

Diese Generation ist in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass sich die Welt im permanenten Wandel befindet und Beziehungen sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene sehr schnell brüchig werden können. Daraus ziehen sie für sich die Erkenntnis, dass jeder seines Glückes Schmied ist, also die eigene Kompetenz und die Eigenverantwortung zu den entscheidenden „Sicherungsankern“ werden. Darüber hinaus ist die Generation Y die erste Generation, die Ereignisse, wo auch immer sie auf der Welt stattfinden, in Echtzeit wahrnehmen. Das hat zur Folge, dass das Bedürfnis nach Stabilität und Verlässlichkeit nicht abgenommen hat, sondern wahrscheinlich sogar zunimmt.

Der Generation Y wird häufig unterstellt, “Egotaktiker” und “Selbstoptimierer” zu sein. Finden sie das treffend?

Sicherlich haben die Ypsiloner mehr Aufmerksamkeit und Ermutigung erhalten als Vorgängergenerationen und dadurch auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelt. Nicht selten kommen sie zudem aus Ein-Kind- oder Zwei-Kinder-Familien. Gleichzeitig sehen sich viele in ihren Elternhäusern einer hohen Erwartung gegenüber, aus der Vielfalt an Chancen, die sich ihnen bieten, auch das Optimale zu machen. Sie werden dadurch zwangsläufig zu „Selbstoptimierern“, da sie wissen, dass es dabei auf sie ganz alleine ankommt. Das muss aber nicht zwangsläufig auf Kosten anderer gehen.

Gibt es vielleicht einen besonderen Vorteil und auch einen großen Nachteil der Generation Y?

Hier möchte ich ein Beispiel einer Führungskraft aus der Baby-Boomer-Generation herausgreifen, das beide Seiten wohl recht treffend beschreibt: Er sagte mir, er habe zwei Mitarbeiter der Generation Y im Team. Das sei einerseits sehr anstrengend, da diese jede Vorgehensweise, die er vorschlage und jede Entscheidung, die er bekannt gebe, zunächst einmal hinterfragen und mit ihm diskutieren möchten. Andererseits empfinde er gerade diese Diskussionen als sehr bereichernd und herausfordernd.

Und abschließend mal eine klassische Arbeitgeberfrage: Wo sehen Sie die Generation Y in 20 Jahren?

Ich sehe sie in verantwortungsvollen Positionen, die sich aber anders gestalten als heute. Dadurch, dass Fachkräfte immer stärker fehlen, werden die Ypsiloner ihre Vorstellungen von „sanfter Karriere“ durchsetzen können. Daher sehe ich sie sowohl in Führungspositionen in vollzeitähnlicher-Teilzeit, beziehungsweise mit mobilen Arbeitsformen als auch in einem Mix aus Experten-, Projekt- und Führungslaufbahnen, die je nach Lebensphase wie in einem Mosaik immer wieder neu zusammengesetzt werden können.

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