Sirko Hanisch erlebte den Mauerfall mit 18 Jahren von der östlichen Seite. Wie das Leben eines Jugendlichen in der DDR vor der Wiedervereinigung aussah, erzählt er hier.
Meine gesamte Kindheit und Jugend verbrachte ich in der Deutschen Demokratischen Republik. Nach einem anderen Leben jenseits der Mauer sehnte ich mich nie, ich kannte ja kein anderes. Natürlich bekamen wir durch westdeutsche Fernsehsender mit, wie es in der Bundesrepublik Deutschland aussah, aber wie es war, dort zu leben, konnten wir uns nicht vorstellen.
Morgens Wehrdienst und Russisch, auch samstags
Die Schule begann manchmal schon um sieben Uhr und endete meistens gegen vier. Auch samstags gab es Unterricht. Morgens gab es Milch und mittags haben wir in der Schulkantine gegessen. Eine Mahlzeit kostete 25 oder 35 Pfennig. Der niedrige Preis wurde vom Staat festgelegt.
Im Unterricht hatten wir das Fach “Wehrdienst”. Es gab einen theoretischen Teil, um das Verteidigungssystem der “sozialistischen Bruderstaaten” zu verstehen. Ab der neunten Klasse gab es aber auch praktische Übungen zur Zivilverteidigung. Dazu fuhren wir in eine Art Ferienlager, um eine sogenannte “vormilitärische Ausbildung” zu bekommen. Schon in der neunten Klasse lernten wir schießen und machten ABC-Übungen mit Gasmasken. Die Teilnahme an der Ausbildung war Pflicht. Außerdem hatten wir natürlich Russisch. Ich fand das Fach schrecklich.
Nach der zehnklassigen, allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule (POS), die jeder Jugendliche besuchte, ging ich zwei Jahre auf die erweiterte Oberschule (EOS), um dort mein Abitur zu machen. Um zum Abitur zugelassen zu werden, brauchte man einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0. In den Naturwissenschaften brauchte man sogar mindestens eine 2. Ich kam auf die Oberschule „Karl Marx“, eine Vorzeigeschule, die für ihre Parteitreue bekannt war. Deshalb war es sehr ungewöhnlich, dass wir die erste Schule waren, in der das „Neue Forum“, die Bürgerbewegung, die die Montagsdemonstrationen angeführt hat, auftreten durfte. Die Bürgerinitiative war zu diesem Zeitpunkt noch verboten und wurde von der Stasi verfolgt.
Nach der Schule trainierten die meisten in einem Sportverein. Außerdem gab es noch sogenannte Arbeitsgruppen wie Modellbau oder Musik direkt an den Schulen. Ich war in der Arbeitsgruppe Mikroelektronik. Wenn man drüber nachdenkt, hatten wir gar nicht die Möglichkeiten und Materialien, um wirklich etwas zu bauen. Heute geht man in das nächste Elektrogeschäft und bekommt gleich einen ganzen Bausatz für ein Radio. Zu DDR-Zeiten undenkbar.
Ost- und Westkultur in der DDR
DDR-Zeitungen für junge Leute gab es natürlich auch, westdeutsche waren verboten. Doch ich bekam immer mal die BRAVO zu lesen, da ein Mitbewohner meines Hauses die Zeitschrift erhielt. Wir vervielfältigten die BRAVO, indem wir die Seiten abfotografierten.
In Clubs und Discos gab es sowohl west- als auch ostdeutsche Musik. Bei öffentlichen Veranstaltungen existierte aber eine Quotenregelung, dass mindestens 60 Prozent der Musik aus der DDR kommen musste. Die restlichen 40 Prozent wurde als „ausländische Musik“ bezeichnet.
Die Diskotheken waren altersbegrenzt, so durften zum Beispiel Jugendliche ab 14 Jahren jeden Sonntag von 16 bis 20 Uhr in die Disko tanzen gehen. Die 16-Jährigen waren freitags dran und die 18-Jährigen samstags. Heute zieht man eigentlich erst los, wenn damals schon nichts mehr auf den Straßen los war. Auch meine Eltern kamen nie später als 16 Uhr von der Arbeit nach Hause. Der nächste Tag startete früh.
Freie Deutsche Jugend
Fast jeder Jugendliche – auch ich – war Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Wir trafen uns in Jugendstunden und machten Ausflüge, zum Beispiel in das Konzentrationslager Oranienburg. Außerdem schauten wir uns politische Filme an oder nahmen an Informationsnachmittagen über Arbeit und Industrie teil.
Während eines Schuljahrs wurde ein FDJ-Studienjahr durchgeführt. Der Kurs, in dem es um politische Bildung ging, in dem es aber auch Ausflüge ins Kino gab, war für alle FDJ-Mitglieder Pflicht.
Wer nicht in der FDJ war, hatte eine Menge Probleme: Nur sehr wenige Nichtmitglieder wurden zum Abi zugelassen und natürlich durften auch nur die studieren.
Fall der Mauer
Da ich in der Nähe von Leipzig wohnte, habe ich die Montagsdemonstrationen selbst mitbekommen. Die Zeit um die Wende war für uns kurios und nach dem Fall der Mauer stand uns sozusagen die Welt offen. In der Woche darauf gingen wir nach Westberlin, um uns alles live anzuschauen, was wir vielleicht mal im Fernsehen gesehen haben. Es bedeutete für uns eine Menge Freiheit, ohne spezielle Anträge reisen zu können.
Nach dem Abitur war ich ein Jahr bei der Bundeswehr. Nach dem Studium arbeitete ich noch fünf Jahre im Osten, bevor ich 2002 dann endgültig in den Westen zog, um in Hessen als Versorgungs- und Umwelttechniker zu arbeiten.


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