So hat der Künstler Kani Alavi zum Beispiel damals den Mauerfall erlebt. Foto: Melanie Fuchs

Sirko Hanisch erlebte den Mauerfall mit 18 Jahren von der östlichen Seite. Wie das Leben eines Jugendlichen in der DDR vor der Wiedervereinigung aussah, erzählt er hier.

Meine gesamte Kindheit und Jugend verbrachte ich in der Deutschen Demokratischen Republik. Nach einem anderen Leben jenseits der Mauer sehnte ich mich nie, ich kannte ja kein anderes. Natürlich bekamen wir durch westdeutsche Fernsehsender mit, wie es in der Bundesrepublik Deutschland aussah, aber wie es war, dort zu leben, konnten wir uns nicht vorstellen.

Morgens Wehrdienst und Russisch, auch samstags

Die Schule begann manchmal schon um sieben Uhr und endete meistens gegen vier. Auch samstags gab es Unterricht. Morgens gab es Milch und mittags haben wir in der Schulkantine gegessen. Eine Mahlzeit kostete 25 oder 35 Pfennig. Der niedrige Preis wurde vom Staat festgelegt.


Sirko Hanisch ist heute 38 Jahre alt.
Foto: Anna Lang

Im Unterricht hatten wir das Fach “Wehrdienst”. Es gab einen theoretischen Teil, um das Verteidigungssystem der “sozialistischen Bruderstaaten” zu verstehen. Ab der neunten Klasse gab es aber auch praktische Übungen zur Zivilverteidigung. Dazu fuhren wir in eine Art Ferienlager, um eine sogenannte “vormilitärische Ausbildung” zu bekommen. Schon in der neunten Klasse lernten wir schießen und machten ABC-Übungen mit Gasmasken. Die Teilnahme an der Ausbildung war Pflicht. Außerdem hatten wir natürlich Russisch. Ich fand das Fach schrecklich.

Nach der zehnklassigen, allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule (POS), die jeder Jugendliche besuchte, ging ich zwei Jahre auf die erweiterte Oberschule (EOS), um dort mein Abitur zu machen. Um zum Abitur zugelassen zu werden, brauchte man einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0. In den Naturwissenschaften brauchte man sogar mindestens eine 2. Ich kam auf die Oberschule „Karl Marx“, eine Vorzeigeschule, die für ihre Parteitreue bekannt war. Deshalb war es sehr ungewöhnlich, dass wir die erste Schule waren, in der das „Neue Forum“, die Bürgerbewegung, die die Montagsdemonstrationen angeführt hat, auftreten durfte. Die Bürgerinitiative war zu diesem Zeitpunkt noch verboten und wurde von der Stasi verfolgt.

Nach der Schule trainierten die meisten in einem Sportverein. Außerdem gab es noch sogenannte Arbeitsgruppen wie Modellbau oder Musik direkt an den Schulen. Ich war in der Arbeitsgruppe Mikroelektronik. Wenn man drüber nachdenkt, hatten wir gar nicht die Möglichkeiten und Materialien, um wirklich etwas zu bauen. Heute geht man in das nächste Elektrogeschäft und bekommt gleich einen ganzen Bausatz für ein Radio. Zu DDR-Zeiten undenkbar.

Ost- und Westkultur in der DDR

DDR-Zeitungen für junge Leute gab es natürlich auch, westdeutsche waren verboten. Doch ich bekam immer mal die BRAVO zu lesen, da ein Mitbewohner meines Hauses die Zeitschrift erhielt. Wir vervielfältigten die BRAVO, indem wir die Seiten abfotografierten.

In Clubs und Discos gab es sowohl west- als auch ostdeutsche Musik. Bei öffentlichen Veranstaltungen existierte aber eine Quotenregelung, dass mindestens 60 Prozent der Musik aus der DDR kommen musste. Die restlichen 40 Prozent wurde als „ausländische Musik“ bezeichnet.
Die Diskotheken waren altersbegrenzt, so durften zum Beispiel Jugendliche ab 14 Jahren jeden Sonntag von 16 bis 20 Uhr in die Disko tanzen gehen. Die 16-Jährigen waren freitags dran und die 18-Jährigen samstags. Heute zieht man eigentlich erst los, wenn damals schon nichts mehr auf den Straßen los war. Auch meine Eltern kamen nie später als 16 Uhr von der Arbeit nach Hause. Der nächste Tag startete früh.

Freie Deutsche Jugend


Schulbücher der DDR. Foto: Frank Grätz

Fast jeder Jugendliche – auch ich – war Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Wir trafen uns in Jugendstunden und machten Ausflüge, zum Beispiel in das Konzentrationslager Oranienburg. Außerdem schauten wir uns politische Filme an oder nahmen an Informationsnachmittagen über Arbeit und Industrie teil.
Während eines Schuljahrs wurde ein FDJ-Studienjahr durchgeführt. Der Kurs, in dem es um politische Bildung ging, in dem es aber auch Ausflüge ins Kino gab, war für alle FDJ-Mitglieder Pflicht.
Wer nicht in der FDJ war, hatte eine Menge Probleme: Nur sehr wenige Nichtmitglieder wurden zum Abi zugelassen und natürlich durften auch nur die studieren.

Fall der Mauer

Da ich in der Nähe von Leipzig wohnte, habe ich die Montagsdemonstrationen selbst mitbekommen. Die Zeit um die Wende war für uns kurios und nach dem Fall der Mauer stand uns sozusagen die Welt offen. In der Woche darauf gingen wir nach Westberlin, um uns alles live anzuschauen, was wir vielleicht mal im Fernsehen gesehen haben. Es bedeutete für uns eine Menge Freiheit, ohne spezielle Anträge reisen zu können.
Nach dem Abitur war ich ein Jahr bei der Bundeswehr. Nach dem Studium arbeitete ich noch fünf Jahre im Osten, bevor ich 2002 dann endgültig in den Westen zog, um in Hessen als Versorgungs- und Umwelttechniker zu arbeiten.

Kommentare

du des ist en top beitrag
das stimmt
Ja genau!
Einfallsreicher geht’s nicht. XD
jo des isch de wahnsinn
ich fand den artikel zu tiefst berührend sowas habe ich ja noch nie gelesen, es ist erschütternd und zu gleich faszinierend. die deutsche geschichte ist geprägt von narben, die selbst in 100 jahren nicht verblassen werden, es ist gut das menschen die das erlebt haben, sogenannte zeitzeugen darüber berichten und es der welt mitteilen.
ich weine gerade! Rührend!
Das Fach hieß nicht "Wehrdienst", sondern "Wehrkunde" Wir – die wir schon in der DDR Opposition versucht haben, kämpften vergeblich gegen die Einführung. Wer mutig war, konnte die vormillitärische Ausbildung verweigern, das Unterrichtsfach nicht.
Der Text war sehr informativ und hat uns eine 1+ eingebracht!!:)) Dankeschön
Ach Hans Peter, Schummeln kann ja jeder
das ist nicht schummeln, dass ist quellen und informationen suchen -.-
Dann such doch das nächste mal auch nach der richtigen Schreibweise! Zwischen ,dass und ,das ist ein kleiner Unterschied. Was sagen deine Quellen da?!
Der Artikel kratzt so ein bissel an der Oberfläche. Unterricht am Samstag wurde später abgeschafft und bis 16.00 Uhr war man eher selten in der Schule. Ich wurde 18 als die Mauer fiel.
Sehr interessanter Text, hat uns bei unserem Referat sehr geholfen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Text ist sehr hilfreich und interessant. Danke, das hat uns für unsere Kompetenzprüung sehr geholfen!
Der text ist sehr hilfreich. Endlich eine gute primärquelle die man für den geschichtsunterricht gebrauchen kann. Top ! <3
sehr hilfreiche seite, ist sehr interessant!!!
Es gibt viele Beiträge die sind KLasse aber ihrer hat Weltklasse.
Ihren Kommentar hab ich als sehr gut empfunden. Ich freue mich schon auf ihre nächste Einschätzung der Sachlage. BELIEVE!
Danke fuer die Info, es hat wohl jeder die DDR auf seine eigene Art und Weise mit erlebt. Manche hier hatten sich ihre Antwort sparen können, denn statt an diesem Artikel rum zu nörgeln hatten diejenigen auch ihren eigenen Artikel verfassen können.
Nachvollziehbarer Inhalt: Sirko Hanisch hat´s erlebt – wohl interessant für jene, die das Leben in der DDR nicht kannten. Als die Mauer fiel, war ich 42 Jahre alt … Mit 16 lernte ich Maurer – Bauberufe waren in der DDR gefragt. Wohnungs- und Industriebau musste forciert werden. Gerade hier hat es Perspektiven gegeben. Vormilitärische Ausbildung: Kaum jemand hat sie verweigert. In unserer Berufsschulklasse erfolgte die Teilnahme an der KK-Schießausbildung zu 100%. Wer wollte nicht gern mal mit einer „richtigen“ Waffe ballern! Mit der vormilitärischen Ausbildung sollten Jugendliche auf eine künftige Tätigkeit in der NVA vorbreitet werden. Beruf mit Perspektive? Für viele ein Ja in sogenannten Friedenszeiten. Hätte es z. B. für meinen Jahrgang(1947) gegeben, doch dann das große Aber: dienen auf Dauer bei „VEB Gleichschritt?“ War nicht jedermanns Sache, meine auch nicht. Wer zog schon gern von da nach da. Ich war nun mal nicht im Zirkus geboren. Außerdem wollte ich meine zuweilen selbstgeschneiderte u. im Staat geduldete Freiheit genießen. Wer an der Grenze dienen wollte, konnte es mit 17 Jahren schon registrieren lassen, und zwar während der Erfassung – Etappe vor der Musterung. Die Staatssicherheit war natürlich überall am Ball – wer zur Grenze wollte, war verdächtig. Literatur: „Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“. Die Mitgliedschaft in der FDJ (Freie Deutsche Jugend) war schon erforderlich, allerdings wurde auf die Mitglieder nicht nur Druck ausgeübt. Man zahlte seinen Beitrag und organisierte Veranstaltungen nach eigenen Neigungen und Wünschen, um sich das Dasein etwas zu versüßen. Im Mittelpunkt stand hier die Musik aus dem Westen, während das Tanzbein geschwungen wurde. Das Verhältnis 60/40 stand zur Debatte – 60% DDR-Klang und 40% aus dem Westen. Stones u. Beatles waren damals in. Also drehte man das Verhältnis um, was oft unentdeckt blieb. Manche der „Politkader“ drückten beide Augen zu – wenn man sonst politisch unauffällig war. Die Jugend konnte sich in Laienspielgruppen beteiligen. Es wurde Theater gespielt und Musik gemacht. Auch Camping quer durch die DDR war im Kommen. Perspektiven für die „ältere Jugend“: Es existierten viele Studieneinrichtungen, schließlich gab es Engpässe in puncto Arbeitskräfte oder Leitungspersonal. Letzteres war z. B. die Strecke Meister oder Ingenieur. Großbaustellen, vor allem Strukturbestimmende waren oft unterbesetzt. Probleme bei der Entwicklung der Industrie der DDR entstanden dann durch die hegemoniale Vertragsbeziehung zur ehemaligen Sowjetunion – LVO hatte Priorität. (Verordnung über Lieferungen und Leistungen an die bewaffneten Organe) Gerade in den 70er und 80er Jahren wurde dies deutlich. Leistungen für Landesverteidigung und innerdeutsche Grenze waren ein Schlag in das Kontor der DDR-Wirtschaft – ein Grund des Niedergangs der DDR. Literatur: „Im Auftrag des Großen Bruders“, AAVAA-Verlag, Berlin.
warum
Bitte nur ernst gemeinte Beiträge geben, Danke! @Inge
isch ja ok, bin ja scho ruhig
der beitrag ist sehr hilfreich danke:)
Hat mich echt umgehauen. Wirklich. Echt. Wow. Das finde ich klasse. Oh mein Gott. Wirklich. Toll! ALter Falter. Etepetete. Mann, ist das cool! Ich lüge nicht! Wahnsinn! Das ist beste, was ich je gelesen hab! Bazinga!
Danke Hat mir geholfen für mein Vortrag 🙂
Komisch, ich wuchs auch in der DDR auf, hatte aber nie das Fach "Wehrdienst" in der Schule. Ich kenne keine Schule, wo es das gab. Es gab "UTP", also Unterricht der technischen Produktion, da musste man 1 Tag in der Woche in einen Betrieb gehen, aber "Wehrdienst"….sorry, nein, das Fach gab es wirklich nicht!!! Während des Studiums (1980) musssten wir ganz am Anfang für 10 Tage in ein GST-Lager, mit Gasmaske rennen und ABC-Waffen kennenlernen…aber sonst nichts! Und die EOS (Erweiterte Oberschule) fing ab Klasse 7 an, nicht nach der 10. Klasse. Der Notendurchschinitt musste wirklich sehr gut sein, und man sollte der Arbeiterklasse angehören. Wenn man der "Klasse der Intelligenz" angehörte, wie ich z.B. (Eltern hatten ein Studium), dann hatte man es wirklich schwerer, an die EOS zu kommen. Ich hatte nur einen Druchschnitt von 1,6, also nie die Chance an die EOS zu kommen. Man konnte aber einen Beruf mit Abitur erlernen, also statt 2 Jahre 3 Jahre lernen und später studieren. Das ging.
sehr sehr toller beitrag*-* habe noch nie so einen wunderbaren beitrag gesehen
hat mir sehr geholfen im unterricht
Ich freue mich das euch mein Beitrag gefallen hat
Wow! Einfach nur WOW! Dieser Beitrag hat mein Leben verändert. Ich kann nicht ermesse, wie sich mein Leben im Nachspiel noch weiter wandeln wird!!!!!! <3 thihih Küsse und so.
danke macher dieser seite. die informationen haben mir bei meiner projektarbeit sehr geholfen
der beitrag hat mir sehr geholfen und ich hoffe es hat euch auch geholfen. Mir hat es auch geholfen yeah das ist echt gut. boom
wir müssen das für die schule lesen -.-