Der Weg durch das Museum Villa Global in Berlin führt durch viele Lebenswelten. In 14 fiktiven Wohnungen leben Bewohner aus verschiedensten Ländern. Schekker Autorin Nele hat sich durch das Labyrinth gekämpft.
Der kleine Flur ist dämmrig, über der Tür ein rot leuchtendes Schild: „Yücel“. Es ist Sevgi Yücel, gebürtige Türkin, die hinter dieser Tür lebt. Oder besser, ihre Geschichte. Die Geschichte einer Frau, die mit sechs Jahren nach Deutschland zog, die eine 15jährige Tochter und einen 10jährigen Sohn hat. Für ihn bereitet sie gerade das Fest der Beschneidung vor.
All das erzählt eine kleine Tafel neben dem Eingang. Sichtbar machen es die Möbel, die Accessoires in dem winzigen Raum. Ein Tagebuch, ein für die Zeremonie bereitetes Bett. Das gesamte Zimmer ist gleichsam eine Metapher für die Geschichte der „echten“ Yücel. Eine Geschichte, die so überall in Berlin passieren könnte.
Genau wie die anderen 14 Begebenheiten, die das Jugendmuseum Schöneberg in Berlin erzählt. 14 Personen mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen sind Nachbarn in der „Villa Global“.
Auf der Suche nach Geschichten
Die Ausstellung „Villa Global“ existiert seit 2003. „Wir wollten die Vielfalt deutlich machen, ohne zu typisieren – exemplarische Geschichten erzählen, die sich so überall abspielen könnten.“, erklärt die Museumsleiterin Petra Zwaka.
Zum Beispiel die Geschichte des US-Amerikaners Frank „Kinky“ Miller. Er ist 1996 nach Berlin gereist und dann geblieben. Hat hier studiert, ist nun Lehrer und Grand-Prix-Fan – vermisst jedoch die New York Yankees. Oder die Erlebnisse von Elke Plischke, die 1979 aus der DDR nach Dänemark floh und jetzt in Schöneberg wohnt.
In jedem Raum erwarten den Besucher neue Persönlichkeiten, neue Details, neue Eindrücke. Ein Querschnitt durch Schöneberg, durch Berlin.
50 Personen waren an der Erstellung der Villa Global beteiligt. „Wir haben uns auf die Suche nach Menschen gemacht, die uns ihre Geschichte erzählen“, erinnert sich Zwaka. „Nicht alle haben gleich zugesagt, weil sie nicht wussten, was auf sie zukommt“, berichtet die damalige Projektleiterin. „Es gab Zurückhaltung, aber keine Skepsis.“
Und Zurückhaltung ist nicht verwunderlich, sind die Zimmer doch erstaunlich privat, fast intim. Grundlage dafür sind zahlreiche intensive Gespräche und ein Vertrauen, das erst wachsen musste.
Ein Jahr hat die Vorbereitung der Ausstellung gedauert.
Entstanden sind Räume mit fiktiven Bewohnern, die alle einen realen Paten haben. „Die Künstler, die die Ausstellung gestaltet haben, hatten den Freiraum, Personen zu verändern“, erzählt Zwaka, „die meisten sind allerdings eng am wahren Leben geblieben.“
Kulturen im Dialog
Das merkt man den Räumen an. Bei Aleksandra, deren Eltern aus Polen stammen, liegen die Dankesbriefe für die Geschenke zur Erstkommunion, auf dem Tisch. Auf der Kommode ein Familienfoto. Es wirkt, als hätte Aleksandra das Zimmer gerade erst verlassen.
Hauptstr. 40/42, 10827 Berlin
Öffnungszeiten:
Mittwoch, Donnerstag 15-18 Uhr
Samstag, Sonntag 14-18 Uhr
Eintritt frei
Tel. 030 – 90277 6163
„Es gibt Besucher, die tatsächlich denken, hier wohnen Leute“, lacht Zwaka. Es gab auch einen Besucher, der dachte, die Ausstellung wäre ein neues Asylantenheim. „Man spürt, dass es nicht einfach konstruiert ist, sondern dass daran Menschen beteiligt sind, die wissen, wovon sie reden“, meint die Leiterin.
Recht hat sie. Und von diesem Wissen profitieren Besucher, ob sie nun allein oder im Rahmen eines Projekttags durch die Räume streifen. In der Villa kann und muss man alles anfassen, muss Schubladen und Schränke öffnen, um den Bewohner kennen zu lernen. Den Schülern scheint das zu gefallen. Die Nachfrage ist so groß, dass die Villa Global, die eigentlich nur für ein Jahr gedacht war, nun auf unbestimmte Zeit bestehen bleibt. „Bis sie irgendwann nicht mehr gebraucht wird“, sagt die Museumsleiterin.
Wichtig ist das Zusammenführen der unterschiedlichen Kulturen. Daher begleiten regelmäßige Feste das Projekt. Gemeinsames Kochen zum Beispiel oder Lesungen, bei denen die echten Bewohner Texte in ihrer Muttersprache präsentieren.
Neue Wege im kulturellen Wirrwarr
„Im Labyrinth der Kulturen“ – der Untertitel der Ausstellung spielt nicht nur auf die verschlungene Anordnung der Zimmer an. „Es geht auch um die Schwierigkeit, sich zwischen verschiedenen Kulturen zurecht zu finden“, meint Zwaka. Das sei heute noch schwerer als 2003, da sich alles immer mehr vermische.
Das Labyrinth als Metapher für Identitätsfindung, für ein Leben in und zwischen Kulturen. Etwas, das sich auch in den Räumen wieder findet: Vehbi Bayrakoglu, gebürtiger Türke, lebt seit 34 Jahren in Berlin und will nun zurück in die Türkei – doch dort ist er Deutscher.
„Heute vermischen sich immer mehr Lebensformen“, erklärt Zwaka. Die Zuweisung in „Du bist das und du das“ sei kaum noch möglich. Nun gibt es Überlegungen, auch die Villa Global zu verändern. „Das Projekt ist mehr als nur eine Ausstellung“, meint Zwaka, und das reale Labyrinth der Kulturen wird immer größer. Das muss sich auch in der Villa Global zeigen.


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