Die Tische sind in Kniehöhe. Und die Garderobenhaken sind einen Meter über dem Boden. Der Kindergarten ist schließlich ein Garten für Kinder. Wie man ihnen Gerechtigkeit beibringt und dabei selbst immer gerecht bleibt, erzählt die Erzieherin Ursula Petersen (Name von der Redaktion geändert).
Ursula Petersen sitzt in ihrer Pinguingruppe und schält Apfelsinen. In dem hellen Raum essen gerade 20 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren Chili con Carne. Mario guckt missmutig auf seinen Teller. Chili con Carne ist nicht sein Ding. „Iss nur das, was du magst. Aber probieren könntest du es mal, du magst doch sonst auch Tomaten!“, sagt Ursula Petersen, die neben ihm sitzt. Petersen ist ausgebildete Erzieherin in einem evangelischen Integrationskindergarten in Bremen. Und das seit 22 Jahren.
Von der Großfamilie in den Kindergarten
Die freundliche Frau kommt aus einer Großfamilie. Als Älteste von sechs Kindern hat sie schon früh Verantwortung für ihre Geschwister übernommen. Für sie war völlig klar, dass sie später als Erzieherin arbeiten möchte. „Ich wollte nie etwas anderes machen.“ Ihre Augen leuchten, als sie das sagt. Man merkt, dass Ursula Petersen ihren Beruf liebt.
Bis zu vier Jahren dauert die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. In Deutschland ist die Ausbildung nicht einheitlich geregelt. Wer sich zum Beispiel für das Bundesland Bremen entscheidet, muss ein einjähriges Vorpraktikum absolvieren. Danach lernt man zwei Jahre an einer Berufsfachschule für Sozialpädagogik alles Wichtige rund um das Thema Erziehen. Zwei achtwöchige Praktika sind dabei Pflicht. Daraufhin folgt ein Anerkennungsjahr, in dem man bereits als Erzieherin arbeitet.
Dri Chinisin mit dim Kintribiß
Petersen hat das alles längst hinter sich. Sie hat schon mit hunderten Kindern im Kindergartenalter gespielt, gelernt, gelesen und gebastelt. Die Erzieherin nimmt ihren Lehr- und Bildungsauftrag sehr ernst. „Ich kenne jedes Kind genau und weiß über seinen jeweiligen Entwicklungsstand Bescheid“, erzählt sie. Das sei wichtig, um einen persönlichen Bezug zum Kind zu bekommen und es bestmöglich fördern zu können.
Wenn ein Kind beispielsweise kein „i“ sprechen kann, singt Petersen mit ihrer Kindergartengruppe im Morgenkreis „Dri Chinisin mit dim Kintribiß“. Dabei haben alle Kinder Spaß und dem förderbedürftigen Kind wird verdeckt die Möglichkeit geboten, die Aussprache des „i“ zu üben.
Ursula Petersen und ihre Kolleginnen orientieren sich am „Rahmenplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich“. Dort steht, was für ein heranwachsendes Kind besonders wichtig ist. „Wir wollen, dass die Kinder forschend die Welt entdecken“, erzählt Petersen. In dreimonatigen Projekten arbeitet sie mit den Kindern zu einem bestimmten Thema. So entstanden bereits Zirkusaufführungen oder die Kinder bepflanzten das Außengelände des Kindergartens.
Und wie bringt man Kindern Gerechtigkeitsempfinden bei? Ursula Petersen legt Wert darauf, dass ihre Schützlinge lernen, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn ein Kind ein anderes beleidigt, spricht sie mit ihm. „Wie würdest du dich fühlen, wenn du beleidigt wirst?“, fragt sie dann und das Kind versteht, dass es falsch gehandelt hat. Als Tjark Louisa bei der Lesestunde ärgert, schreitet Petersen ein. Ruhig und bestimmt erklärt sie Tjark, dass er sein Verhalten ändern muss. Sie ist Sprachrohr und Modell zu gleich. Was sie macht, macht das Kind auch.
Kotze sagt man nicht
Ursula Petersen muss Grenzen setzen und kann streng sein. Als Lara „Kotze“ sagt, wird gemeinsam nach einem gepflegten Wort gesucht. Als Malte vom Mittagstisch aufstehen will, während seine Tischnachbarn noch essen, erklärt die Erzieherin ihm, dass sein Verhalten unhöflich ist. Gerechtigkeit und Gleichheit sind für Petersen das A und O bei der Arbeit. Sie behandelt alle Kinder gleich. „Wenn ich 19 Kindern ein Gummibärchen geben und einem nicht, wäre das ungerecht“, sagt sie. Ausgesprochene Lieblingskinder hat sie nicht. Doch sie gibt zu, dass ihr einige Kinder besonders ans Herz gewachsen sind.
Allgemeine Informationen zum Beruf bei der Arbeitsagentur
Verband Bildung und Erziehung
Fachhomepage für Erzieherinnen und Erzieher
Maßnahmen der Bundesregierung zum Ausbau der Kinderbetreuung
Artikel auf spiegel-online.de:
„Deutschland braucht 40 000 zusätzliche Erzieher“
„Als Erzieherin hat man ein hohes Maß an Verantwortung“, erzählt Petersen. „Außerdem ist man Ansprechpartner für alles zu jeder Zeit.“ Das kann anstrengend sein. Vor allem, wenn der Lautstärkepegel hoch ist. Doch wer Ursula Petersen in Aktion sieht, weiß, dass die Erzieherin den richtigen Beruf gewählt hat. Was sie besonders an der Arbeit mit Kindern mag, ist für sie ganz klar: „Es ist toll zu sehen, wie sich Kinder weiterentwickeln und selbstständig werden.“ Außerdem könne auch sie von ihren Schützlingen lernen. „Kinder haben meistens ein Lachen im Gesicht. Man lernt, gut gelaunt zu sein.“
Doch dann knallt Steffen beim Mittagessen mit dem Kinn auf die Tischplatte. Das Lächeln auf Ursula Petersens Gesicht erlischt. Sie lässt die halbgeschälte Apfelsine auf den Tisch fallen und nimmt den kleinen Steffen mit den feuchten Kulleraugen sofort auf den Schoß. „So eine blöde Tischplatte, oder?“, schimpft die Erzieherin. Sie tupft Steffen zärtlich die Tränen aus dem Gesicht. Und als Steffen den Schock überwunden hat, und Mario das seltsam aussehende Tomatenstück auf seinem Teller doch aufisst, ist es auch schon wieder da: Das Lächeln auf Ursula Petersens Gesicht.


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