Nirgendwo in Europa leben – bezogen auf ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung – weniger Menschen unter 15 Jahren als in Deutschland. Und unsere Gesellschaft altert weiter. Dies lässt auch die Nachfrage nach Altenpflegerinnen und Altenpflegern steigen. Doch wer will heute Altenpfleger werden? Nina, 22, aus Hamburg zum Beispiel. Ein Jobporträt von Schekker-Autorin Annika.
Montagmorgen, sieben Uhr. Während andere Berufstätige gerade aufgestanden oder auf dem Weg zur Arbeit sind, ist die angehende Altenpflegerin Nina schon auf ihrer Station im Seniorenheim. Nina ist im zweiten Lehrjahr. Hatten beide Seiten noch Berührungsängste, als Nina mit ihrer Ausbildung anfing, hat sich das mittlerweile gelegt. Die Bewohner haben Nina als Pflegekraft akzeptiert. Und für sie ist es inzwischen selbstverständlich, den Senioren beim Waschen und Anziehen zu helfen.
Nach dem Abitur hatte sie sich nicht für einen Studiengang entscheiden können und erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einer Seniorenwohnanlage absolviert. „Die Arbeit hat mir auf Anhieb gefallen. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es eine schöne und sehr abwechslungsreiche Tätigkeit ist“, berichtet Nina.
Geduld und Hilfsbereitschaft
Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr hat sich Nina entschieden, sich zu Altenpflegerin ausbilden zu lassen. Foto: Annika Puschmann
Die Arbeit ist anspruchsvoll, schließlich muss sie sich täglich mit den Interessen der Senioren auseinandersetzen und ständig hilfsbereit und geduldig sein. Immer wieder muss sich Nina neu auf die Bewohner einstellen. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie oft zurück.
Zwar empfindet sie ihren Job als körperlich und teilweise auch psychisch belastend und der Verdienst ist nicht besonders hoch, aber für sie steht etwas Anderes im Vordergrund: Sie empfindet Glück, wenn sie die Senioren, die sie betreut, durch Kleinigkeiten zum Lachen bringt und merkt, dass sie ihnen Gutes tut. Ein Erlebnis ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Zu einer Bewohnerin habe ich ein sehr persönliches Verhältnis und sie freut sich immer, mich zu sehen. Ich bin mit einem Kollegen zu ihr gegangen und er ist vor Freude in die Höhe gesprungen. Die 90-jährige imitierte dies, sprang ebenfalls in die Luft und hat dabei herzhaft gelacht.”
Pflegekräfte dringend gesucht!
Auch wenn Nina noch in der Ausbildung ist, unterscheidet sich ihre praktische Arbeit kaum von der eines ausgebildeten Pflegers. Sie arbeitet genauso am Wochenende und im Schichtdienst wie die ausgebildeten Pflegekräfte und übernimmt viele der anfallenden Arbeiten auf ihrer Station. Der wesentliche Unterschied gegenüber den erfahreneren Kolleginnen und Kollegen liegt darin, dass Nina sich durch den Besuch der Berufsschule noch medizinisches Wissen aneignen muss. Am Ende der dreijährigen Ausbildung wird sie dann Prüfungen ablegen. Wenn sie diese besteht, ist sie im nächsten Jahr examinierte Altenpflegerin.
Wenn sie sich nicht um die Senioren kümmert, erledigt sie kleinere organisatorische Aufgaben oder räumt die Station auf. Foto: Annika Puschmann
Wie wichtig deren Arbeit ist, verdeutlichen die nackten Zahlen: 2011 betrug die Zahl der Pflegebedürftigen 2,5 Millionen, Tendenz steigend. Pflegekräfte werden vielerorts händeringend gesucht. Der Bedarf kann oft nur durch Fachkräfte aus dem Ausland gedeckt werden. Die Bundesregierung hat Ende vergangenen Jahres auf den Pflegenotstand reagiert und ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem die Ausbildung bei bestimmten Vorkenntnissen verkürzt werden kann. Außerdem sollen berufserfahrene Menschen die Möglichkeit haben, sich zum Altenpfleger umschulen zu lassen.
Belastender Arbeitsalltag
Nina begleitet die Bewohner des Pflegeheims durch den Tag. Vor dem Mittagessen liest sie mit „ihren” Senioren Zeitungen oder Bücher, geht mit ihnen spazieren oder musiziert mit ihnen. „Mittags verteile ich das Essen an alle Bewohner und helfe denjenigen, die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme haben”, erzählt Nina. Sie setzt sich immer zu den Bewohnern an den Tisch, da es ihr persönlich sehr wichtig ist, dass die Senioren in Gesellschaft essen. Anschließend begleitet sie die Bewohner zur Toilette und legt sie zum Mittagsschlaf in ihr Bett.
Zu Beginn ihrer Ausbildung war es für Nina ungewohnt und belastend mitzuerleben, dass ältere Menschen solch simple Alltagssituationen nicht mehr allein bewältigen können. Es fiel ihr schwer, die Erlebnisse nach Feierabend zu vergessen, insbesondere weil sie persönliche Beziehungen zu den Senioren aufgebaut hat. „Vor allem wenn ein Bewohner gestorben ist, hat mich das sehr mitgenommen”, erinnert sie sich. Mit ihrer jetzigen Erfahrung kann sie mit solchen Extremsituationen besser umgehen, obwohl es nach wie vor belastend ist.
Ihre Berufswahl hat Nina jedenfalls nicht bereut, ganz im Gegenteil. „Ich habe genau die richtige Entscheidung getroffen“, ist sich die Auszubildende sicher. Die Kombination aus medizinischem Wissen, das sie täglich anwendet, und der praktischen Arbeit mit Menschen liegt ihr. „Es macht mich glücklich, die Bewohner zu sehen, den Tag mit ihnen zu verbringen, mit ihnen zu lachen und ihnen das Leben Tag für Tag angenehmer und einfacher zu gestalten.”


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