Zur Familienberatung gehen. Das klingt für viele Eltern nach Kapitulation. Dass sie aber helfen kann, und wie sich der Berater dabei fühlt, erzählt Sozialpädagogin Jeannine Rose.
„Man muss viel Zuversicht ausstrahlen. Dann sind Eltern und Kinder auch motivierter, besprochene Schritte umzusetzen“, antwortet die Sozialpädagogin Jeannine Rose auf die Frage, welche Fähigkeiten man als Familienberaterin mitbringen muss. Zuversicht und Empathie, beides kann man sich bei der 35-Jährigen gut vorstellen. Die grün-braunen Augen funkeln beim Sprechen, und fast jeder Satz endet mit einem Lächeln.
In ihrem Büro herrscht eine sympathische Unordnung. Die Handpuppe einer Hexe sitzt in der einen Ecke, und vor dem Schreibtisch steht eine große Puppenstube. Fast könnte man denken, man stünde in einem Kinderzimmer. Dass es hier auch anders zugehen kann, darauf deutet eine Taschentuchbox auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers hin. „Ja, das ist unsere Tempo-Box. Stimmt, vor Konflikten sollte man sich nicht scheuen. Konflikte gehören auch zur täglichen Arbeit.“
Mit viel Scham zur Beratung
Der Gesetzgeber ermöglicht den Eltern, Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen. Darunter fällt auch die kostenlose Familienberatung. Trotzdem kommen viele Eltern mit einer großen Portion Scham in die Beratung. „Für alles holt man sich eine Beratung. Nur bei den eigenen Kindern hat man große Scheu“, erklärt Rose. Deshalb kommt auch nicht jeder freiwillig oder nur auf Drängen von Lehrern und Erzieherin. „Die aufgedrückte Beratung ist natürlich kein Idealfall. Am besten kann man mit Familien arbeiten, die freiwillig hier sind.”
Die großen Themen sind Konsequenz und Grenzen. Viele Eltern sind damit überfordert und sind zu wenig Modell für ihre Kinder. „Inzwischen geht es auch immer mehr um Leistungsdruck, und auch die neuen Medien haben einen hohen Einfluss auf die Kinder“, so Rose.
Machen sie mal mein Kind heile
Deutschlands berühmteste „Familienberaterin“ ist wohl die Super-Nanny Katja Saalfrank. Auf RTL hilft sie Familien, verdreht damit aber auch das Bild der Familienberatung. Von der „stillen Treppe“ und ähnlichen Maßnahmen ist die tägliche Arbeit von Beratungsstellen meilenweit entfernt. „Wir setzen ressourcenorientiert an und stellen in den Vordergrund, was in den Familien schon gut läuft. Klar gibt es Eltern, die kommen und sagen: „Machen sie mal mein Kind heile.“ Das geht natürlich nicht.“ schmunzelt Rose. Es geht hier eher darum, die Eltern zu motivieren und manchmal auch nur zu vermitteln, dass ein Nein auch ein Nein sein muss.
Neben Überforderung und Problemen mit Konsequenz sind auch Gewalt, Missbrauch und Bindungsprobleme ein tägliches Thema. Die Schicksale der Menschen können einem da schon sehr nahe gehen. „Man muss einen Ausgleich finden, und wichtig ist es, die Verantwortung an die Eltern zurückzugeben“, beschreibt die 35-Jährige ihre Verarbeitungsstrategien. Außerdem gibt es regelmäßig Gesprächsrunden mit den Kollegen, in denen man sich über seine Arbeit austauschen kann, so genannte Supervisionen. Besteht sogar eine Gefährdung fürs Kind, sind die Berater verpflichtet, das Jugendamt einzuschalten.
Eigentlich kommen alle
Zur Familienberatung kommen sehr unterschiedliche Menschen. „Wir haben auch viele alleinerziehende Väter und natürlich Patchworkfamilien. Diese bunte Mischung ist auch der große Reiz für Jeannine Rose. „Manchmal arbeite ich zum Beispiel an den Verhandlungsstrategien der Kinder. Wie setze ich zum Beispiel meine Taschengelderhöhung durch“, schmunzelt die Sozialpädagogin und man sieht ihr die Freude am Beruf sofort an. „Man merkt eigentlich immer, dass die Eltern und Kinder sich wirklich mögen, nur manchmal läuft einfach etwas schief.“ Es sind dann die kleinen Schritte, die den Eltern die Zuversicht zurückgeben. Wenn die Eltern sich bewegen, überträgt sich das auch auf die Kinder, und der erste Schritt zu Verbesserung ist getan.
Vielfältiger Weg durch die Beratungslandschaft
Auf der Seite „Studienwahl“ findet ihr alles über das Studium Sozialpädagogik
Bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung findet ihr ein Verzeichnis aller Familienberatungs- stellen
Auf den Seiten des Bundesfamilien- ministeriums findet ihr weitere Infos zum Thema Familienberatung
Ursprünglich hat Jeannine Rose Erzieherin gelernt. Weil sie aber eher mit Jugendlichen arbeiten wollte, begann sie ein Sozialpädagogikstudium und arbeitete dabei schon mit Straßenkindern sowie in einem Jugendzentrum. Ihr Anerkennungsjahr machte sie in einer Notaufnahme für Kinder und Jugendliche, die dringend aus ihren Familien geholt werden müssen.
Die Grundlage für die Familientherapie schaffte sie sich mit einer Weiterbildung zur „Systemischen Paar- und Familientherapeutin“. „Diese Zusatzausbildung hat mir geholfen, das System „Familie“ besser zu verstehen“, erklärt Rose und ermutigt alle Berufsinteressierten. „Sozialpädagogikstellen wird es immer geben und gerade junge Männer haben gute Chancen.“ Viele Universitäten bieten auch schon im Studium spezielle Beratungsseminare an. Da in vielen Beratungsstellen in nächster Zeit Mitarbeiter in Ruhestand gehen werden, haben gerade junge Pädagogen gute Chancen. Die Berufseinsteiger und Einsteigerinnen bringen frischen Wind in die Beratung und kennen sich gerade mit neuen Problemen wie Internetsucht oder anderen Medienphänomenen besser aus. Gleichzeitig profitieren sie von der Erfahrung und Persönlichkeit der älteren Pädagogen.


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