Marco war 5 Jahre alt, als seine Eltern sich scheiden ließen. Heute ist er 22 und lebt mit seiner Mutter zusammen. Was das für ihn bedeutet und was er über klassische Familienformen denkt, erzählt er hier.
Die Scheidung meiner Eltern war von beiden gewollt, soviel kann ich sagen. Aber ob sie sich einfach auseinander gelebt haben, oder ob es andere Gründe für die Scheidung gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ganz verstehen konnte ich das als Fünfjähriger sowieso noch nicht. Irgendwann ist mein Vater halt ausgezogen. Bis ich zwölf war, war ich dann noch jedes zweite Wochenende bei ihm. Das war dann immer was Besonderes, wir haben zusammen verschiedene Sachen unternommen, auch Ausflüge gemacht.
Wir hatten ein gutes Verhältnis. Man streitet sich ja doch meistens wegen Alltagsdingen mit seinen Eltern, und die haben bei uns ja komplett gefehlt. Es gab dann keinen Streit, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt hatte oder meine Hausaufgaben nicht gemacht hab, das gab es nur mit meiner Mutter. Das ging so lange gut, bis mein Vater eine neue Freundin hatte, mit der ich mich gar nicht verstanden habe. Irgendwann hat mein Vater diese Frau geheiratet und eine neue Familie mit ihr und ihren beiden Kindern gegründet. Er hat es dann einfach so hingenommen, dass wir uns seitdem nicht mehr gesehen haben. Das verstehe ich bis heute nicht wirklich.
In der Pubertät wurde es komplizierter
Das Zusammenleben mit meiner Mutter war immer ganz schön. Erst als ich in die Puberät gekommen bin, wurde es komplizierter. Über Themen wie „Verliebt-sein“ konnte ich mit meiner Mutter zum Beispiel gar nicht reden. Sie konnte auch gar nicht verstehen, warum ich mich mit meinen Kumpels manchmal bis zum Umfallen betrinken wollte. Dabei sind das halt so Sachen, die Jungen eben in dem Alter machen. Da hat eine Vater-Figur gefehlt, die einem väterlich auf die Schulter klopft und dazu Anekdoten von seiner eigenen Jugend preis gibt. Früher haben mein Vater und ich uns zum Beispiel geschworen, dass ich mein erstes Bier mit ihm zusammen trinken werde, als symbolischer Akt sozusagen.
Mein erstes Bier habe ich dann mit 13 getrunken – allein. Und bei dem einen Bier ist es an dem Abend auch nicht geblieben, im Gegenteil – ich habe mich sogar total betrunken. Ich glaube, wenn ich einen Vater dabei gehabt hätte, der mit mir zusammen ein oder zwei Gläser Bier in einer Kneipe getrunken hätte, hätte der mir auch gleich sagen können, wann Schluss ist. Das wäre dann in Ordnung gewesen. So hatte ich am nächsten Morgen schrecklichen Streit mit meiner Mutter, weil sie mir vorgeworfen hat, ich würde ihr nur Ärger machen. Einem Freund von mir, der mit seinem Vater und seiner Mutter zusammenlebt, ist eine ähnliche Situation passiert: Er hatte sich betrunken und musste von seinen Freunden nach Hause gebracht werden. Seine Mutter war total hysterisch und hat sich Sorgen gemacht, sein Vater dagegen ist total gelassen geblieben und hat seinen Sohn nur mit einem Augenzwinkern ins Zimmer gebracht.
Ich glaube es gibt einige Sachen, die einfach anders ablaufen, wenn man nur mit einem Elternteil aufwächst. Ich habe zum Beispiel sehr früh mit meiner Mutter über ihre Probleme geredet. Wenn sie einen neuen Mann kennen gelernt hatte, hat sie da zum Beispiel mit mir drüber geredet. Ich glaube man setzt sich als Scheidungskind viel früher mit Themen wie Partnerschaft auseinander.
Klar hat mir oft das klassische Familienbild gefehlt: Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen man über Probleme und andere Dinge redet, gab und gibt es bei uns zum Beispiel nie, weil meine Mutter meistens später als ich nach Hause kommt. Um so etwas beneide ich meine Freunde schon manchmal. Andererseits kenne ich es ja auch gar nicht anders und kann nicht beurteilen, wie ich über solche Dinge denken würde, wenn ich in einer intakten Familie leben würde. Grundsätzlich kann ich schon sagen, dass ich gerne mit meiner Mutter zusammenlebe, aber oft frage ich mich auch, wie mein Leben wäre, wenn meine Eltern sich nicht getrennt hätten.


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