
Im Flugzeug nach New York, so heißt es, werde man zuerst durch die Freiheitsstatue, in Paris durch den Eiffelturm, in Rio aber durch den Verlust der Kamera auf die baldige Ankunft vorbereitet. „Das sind doch mal tolle Aussichten“, dachte ich, als ich diese Worte das erste Mal in meinem Reiseführer gelesen habe. Ebenso wie dieser, haben uns auch Freunde, Familie und vor allem die Nachrichten in den Wochen vor unserer Reise fast verrückt gemacht mit ihren Warnungen, Sicherheitshinweisen und gut gemeinten Ratschlägen.
Dass auch die Brasilianer selbst nicht besser sind, zeigte sich schon bei unserer Ankunft in Rio de Janeiro. Durch Zufall gerieten wir an einen Taxifahrer, der gebrochen Englisch sprach. Als er uns vom Flughafen zu unserem Hotel brachte, fuhren wir an Maré vorbei, einer Favela, in der die Polizei erst wenige Tage zuvor mit Panzern einmarschiert war, um im Vorfeld der WM für Frieden zu sorgen. Der Taxifahrer erzählte uns, dass die Slumbewohner oft auf die Stadtautobahn kommen, den Verkehr lahm legen und die Insassen der Autos mit Waffen bedrohen, um deren Geld zu stehlen.
Wir erzählten ihm, dass wir ein eigenes Auto mieten würden, um einen Teil des Landes auf eigene Faust zu erkunden. Er war schockiert und riet uns unter keinen Umständen nachts zu fahren, Fenster und Türen stets geschlossen zu halten und Favelas zu meiden. Am liebsten aber, so meinte er, sollten wir auf das Auto verzichten und zwischen den Großstädten fliegen. Zu spät – unser Mietwagen, ein kleiner Fiat Palio, war bereits bestellt.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Hoch oben auf dem Corcovado wacht eine 30 Meter hohe Christus-Statue über Rio de Janeiro, während an den Hängen des Berges die Favelas immer weiter wachsen. Foto: Luiz Gadelha Jr., flickr.com, CC-Lizenz (CC BY 2.0)
Nachdem wir ein paar typische Touristentage in Rio verbracht hatten, starteten wir unsere Rundreise. Circa 3.500 Kilometer legten wir in 20? Tagen zurück und wurden dabei weder beklaut noch bedroht. Und die einzigen Menschen mit Waffen, die wir gesehen haben, waren Polizisten. Klar, sollte man die Favelas meiden, immer auf seine Sachen aufpassen. Mit Kamera oder Smartphone in der Luft herumwedeln sollte man natürlich auch nicht. Wer aber auf sich und Zeug aufpasst, der ist auch sicher – jedenfalls in den touristischen Gegenden.
Wirklich problematisch war für uns allerdings die Sprachbarriere. Denn wir konnten kein Wort Portugiesisch und auch in Zeiten der Fußball-WM gleicht es der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, wenn man in Brasilien jemanden finden will, der Englisch verstehen oder gar sprechen kann.
Das Runde muss ins Eckige
Apropos Fußball-WM – ein absolutes Highlight unserer Reise war der 12. Juni in São Paulo. Die echten WM-Fans werden jetzt denken: Da war doch das Eröffnungsspiel Kroatien gegen Brasilien. Stimmt und wir waren dabei – auf der FIFA-Fanmeile.
An einem ganz normalen Tag sind die Straßen der Megacity São Paulo hoffnungslos überfüllt, der Verkehr kurz vorm Kollaps – aber nicht am 12. Juni 2014 um 17 Uhr (Ortszeit). Die Straßen waren wie leer gefegt. Nachdem wir einen Parkplatz gefunden hatten, folgten wir einer gelb-grün gekleideten Masse zum Vale do Anhagabaú, einem kleinen Park zu Füßen des Theatro Municipal. „Hier verstecken sich also alle“, dachte ich, als ich die tausenden Fußball-Fans auf dem Fanfest sah. Sie alle hatten bereits die feierliche Eröffnung der WM mitverfolgt. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt, die Menschen ausgelassen, der Alltagsstress vergessen. Überall wurde getanzt und gelacht. Im Hintergrund konnte man die typisch brasilianischen Sambarhythmen hören.
Die Stimmung auf den FIFA-Fanfesten ist ausgelassen. Foto: Paulisson Miura, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY 2.0)
Beim Anstoß des Spiels wurde um uns herum so hemmungslos gejubelt, als hätte die brasilianische Nationalmannschaft den WM-Titel bereits gewonnen. Die Menschen umarmten sich. Ähnliche Stimmung herrschte bei jedem Tor der Mannschaft – außer beim Eigentor von Marcelo natürlich. Es war ein unheimlich emotionales Spiel, wenn auch nicht der beste Fußball, den ich je gesehen habe. Alle Menschen um uns herum, egal ob Brasilianer, Tourist, jung oder alt waren mit Leib und Seele beim Spiel.
Von Aufstand keine Spur?
Gerade im Vorfeld der WM gab es viele Proteste in Brasilien. Grund dafür waren die Milliardenausgaben des Staates für neue Stadien, die schlechten Bedingungen der Arbeiter, die sie gebaut haben und das teilweise brutale Vorgehen der Polizei in den Armenvierteln brasilianischer Vorstädte, um die Kriminalität dort einzudämmen. Irgendwie froh darüber, solch einen Aufstand jetzt nicht erlebt zu haben, bin ich mir aber trotzdem nicht sicher, ob wirklich alles so Friede-Freude-Eierkuchen-mäßig abläuft, wie es den Anschein hat.
Nichts geht mehr
Unser Abenteuer Brasilien endete eine Woche später dort, wo es angefangen hatte: auf dem internationalen Flughafen in Rio de Janeiro. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die WM war in vollem Gange. Eigentlich sollten wir um 16:20 Uhr starten, doch da hat unsere Fluggesellschaft die Rechnung wohl ohne die Brasilianer gemacht. Denn um16:00 Uhr war der Anstoß für das Spiel Brasilien gegen Mexiko und von da an stand der Flughafen still. Die DutyFree-Shops wurden kurzerhand zu Public-Viewing-Schauplätzen umfunktioniert – ge- oder verkauft hat keiner mehr was. Am Ende hob unser Flieger zwar zwei Stunden später ab als geplant, wirklich sauer war aber keiner der Fluggäste. Wir auch nicht. Nach drei Wochen Brasilien weiß man einfach: Fußball geht vor.



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