
Nach zehn Jahren teils zäher Verhandlungen ist Kroatien der Europäischen Union beigetreten. Das erste Mitglied des Balkans sollte Vorreiter sein, doch Korruption und Arbeitslosigkeit lassen die Nachkriegsgeneration des Landes an der eigenen Beitrittsreife zweifeln.
Ein geeintes Europa, Garant für Frieden und Freiheit seit vielen Jahrzehnten – für Mitteleuropäer, wie die Deutschen, ist das schon beinahe zu selbstverständlich geworden. In Kroatien ist die Wahrnehmung zwangsläufig anders. Zwischen 1991 und 1995 kämpfte die kroatische Armee gegen serbische und jugoslawische Truppen für die Loslösung von Jugoslawien. Tausende starben auf beiden Seiten.
Die Folgen sind bis heute spürbar, nicht nur in Form der vielen Landminen, die noch immer im Boden liegen. Gerade ältere Menschen sind geprägt vom Kampf um die Eigenständigkeit. Sie haben die diffuse Sorge, durch den EU-Beitritt zu sehr bevormundet zu werden. Zumindest die Beziehungen zu Serbien sind heute halbwegs stabil. Aber eben nicht herzlich, was auch eine Rolle bei den langwierigen Beitrittsverhandlungen spielte.
Der Drang zu Reformen
18 Jahre nach dem Krieg wird jetzt die erste kroatische Generation erwachsen, die selbst keine Kriegsgräuel mehr miterleben musste. Dafür tun sich neue Probleme auf: Die Wirtschaft schrumpft von Jahr zu Jahr. 18,1 Prozent der Kroaten sind arbeitslos, was nebenbei bemerkt aber nur sieben Prozentpunkte mehr sind als im EU-Schnitt. Unter den 15- bis 25-Jährigen lag die Quote im April dagegen bei erschreckenden 51,8 Prozent. Nur in Griechenland und Spanien sind noch mehr junge Leute arbeitslos.
Der anfängliche Enthusiasmus für den anstehenden EU-Beitritt Kroatiens hat sich auch deshalb bei allen Beteiligten abgekühlt. „Ich glaube nicht, dass Kroatien bereit für die EU ist”, meint Silvija Perić. Die 23-jährige Kroatin ist in Zagreb Vorsitzende der Studentenorganisation AEGEE. „Wir bräuchten noch Jahre, um fit zu werden. Aber es war gut, dass die EU unsere Regierung zu Reformen gedrängt hat.”
Solche Skepsis möchte die EU-Kommission zerstreuen. In der vergangenen Woche ließ sie 200 Jugendliche aus 36 Ländern in die kroatische Hauptstadt einfliegen. Während einer dreitägigen Konferenz diskutierten sie über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des Beitritts. Sie bekamen Besuch von Politikern, Unternehmern und Vorsitzenden von Jugendorganisationen, die nachdrücklich für Optimismus warben.
„Die EU-Erweiterung ist Teil der Lösung und nicht Teil des Problems”, sagte etwa Axel Sotiris Walldén, Leiter der Abteilung für die Erweiterungsstrategie in der EU-Kommission. Jetzt die Verhandlungen mit Beitrittskandidaten wegen der Krise abzubrechen, sei keine Option. Es gehe um ein größeren Wandel, der Teil eines größeren Projekts zur Verbesserung Europas sei.
Von neuem Geld und eigenem Glück

Politikerin Sandra Petrović Jakovina, 28, sitzt jetzt für Kroatien im Europäischen Parlament. Foto: Theo Müller
Zur Konferenz ist auch Sandra Petrović Jakovina gekommen. Glaubt man einer Boulevard-Zeitung, zählt sie mit ihren 28 Jahren zu „Europas glücklichsten Kroaten”: Sie ist eine der zwölf neuen Abgeordneten Kroatiens im Europäischen Parlament. Bei der Wahl im April reichten ihr, wegen der extrem niedrigen Beteiligung von nur knapp 21 Prozent, ganze 3.806 Stimmen. Sie gehört einer neuen Generation an, die in die Politik gegangen ist, um etwas gegen die – bis vor einigen Jahren allgegenwärtige – Korruption zu unternehmen.
Was die Arbeitslosenzahlen angeht, so hofft Petrović Jakovina auf Geld aus Brüssel. Sie sieht aber auch Kroatien selbst in der Verantwortung. „Die Europäische Union ist nicht hier, um unsere Probleme zu lösen, die Lösung liegt in unserem eigenen Land”, sagt sie. „Wenn es nicht funktioniert, ist allein Kroatien daran schuld, nicht die EU.” Sie könne deshalb auch keinen der vielen Absolventen verurteilen, die auf der Suche nach besseren Chancen ins Ausland abwandern.
… oder doch eine kalte Dusche?

Das „Peron 8″ ist eine Mischung aus kroatischer Künstlerbar und Jugendzentrum. Foto: Theo Müller
Ein paar Kilometer weiter, abseits der offiziellen Konferenz, ärgert sich Kresimir, 35, Jurist und Autor, über diese Worte. Er sitzt mit seinem Hund, auf der Veranda des „Peron 8″, einer Mischung aus Künstlerbar und Jugendzentrum. Seinen Ärger über die Haltung der Politikerin Petrović Jakovina kann er kaum verbergen. Er nennt sie nur beim Vornamen und hält sie für opportunistisch. “Das ist typisch Sandra. Ihre Partei ist doch in der Regierung, sie kann doch selbst etwas ändern!” Er erhofft sich nicht viel von der EU. Kroatien produziere nichts, sondern habe nur seine Strände. Das sei keine Grundlage für einen gemeinsamen Markt. Auch sorgt er sich wegen der Brüsseler Bürokratie. Für seine Projekte EU-Gelder zu beantragen, könnte er sich aber grundsätzlich vorstellen.
Für die kommenden zwei Wochen lädt er europäische Künstler ein, etwas zu einem Pop-up-Festival unter dem Titel „EU-Beitritt – wie eine kalte Dusche?” beizutragen. Das Fragezeichen im Titel ist ihm wichtig: „Ich habe nicht gesagt, dass die EU wie eine kalte Dusche sein wird”, erklärt er.
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Wird der EU-Beitritt für Kroatien zur kalten Dusche? Die Vorrichtung dafür wurde schon gebaut. Foto: Theo Müller
Nur rein vorsorglich haben er und seine Mitstreiter im großen Garten schon einmal eine Holzkonstruktion aufgestellt. Aus der ließe sich mit einem Flaschenzug, einem Eimer und etwas Fantasie eine Dusche machen. Man weiß ja nie, was kommen wird. Und dennoch: Wäre Kresimir zum Zeitpunkt des Referendums zum Beitritt in der Stadt gewesen (Briefwahl ist kompliziert in Kroatien), hätte auch er für „Ja” gestimmt. „Es ist unsere einzige Chance”, räumt er ein.
Die einzige Chance?
Diese einzige Chance ist jetzt Realität geworden und zumindest die Handelskonzerne in Deutschland freuen sich ganz offensichtlich darüber. An der Straße zum Flughafen verheißen Plakatwände billigste Preise. Natürlich immer mit Hinweis auf den EU-Beitritt. Ein deutscher Discounter wirbt sogar mit einer Konzertreihe anlässlich des Beitritts. Kein Wunder: Geflügelwurst, Wandfarbe und Orangensaft sollen günstiger werden, weil jetzt die Zölle im Handel mit den anderen EU-Staaten wegfallen. Dies ist einer der vielen Schritte, die Kroatien schon bewältigt hat. Es müssen noch viele weitere folgen.





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