Carolin muss jetzt permanent sparen. Foto: Frank Grätz

Carolin*, 25, aus Berlin-Neukölln saß auf einem Schuldenberg von 16.000 Euro. Nach hartem Kampf blickt sie heute wieder hoffnungsfroh in die Zukunft. Auch dank Schuldnerberatung.

Als Kind und Jugendliche hatte ich nie Probleme mit Geld. In einer sächsischen Kreisstadt aufgewachsen, machte ich nach meinem Hauptschulabschluss eine dreijährige Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Alles verlief in geregelten Bahnen. Doch die Umstände änderten sich. Meine Eltern ließen sich scheiden. Mein Vater, Alkoholiker, schlug mich und meine Mutter.

Ausbruch


Dann kam der Absturz. Ich geriet an die falschen Leute und begann, Drogen zu nehmen. Mit 19 packte ich meinen Koffer und riss von Zuhause aus. Es zog mich zu meinem damaligen Freund. Meine Situation spitzte sich zu. Mit der Arbeit hatte ich aufgehört, während ich immer stärker drogenabhängig wurde. Aus dieser Zeit stammen die ersten Schulden. Zusätzlich bestellte mein Freund im Internet – ohne mein Wissen – im großen Stil Artikel auf meinen Namen. Bei ebay, beim viking-Versand. Ich hatte ihm blind vertraut.

Atempause? Fehlanzeige.


Das ist Carolin heute.
Foto: Stephan Rihs

Schließlich holten mich meine Eltern da raus. Körperlich und psychisch war ich komplett am Ende. Nun suchte ich eine Perspektive, und das bedeutete für mich vor allem: einen Job.

Da ich bei der normalen Jobsuche nichts fand, ließ ich mich von einer Drückerkolonne (Anmerkung der Redaktion: Drückerkolonnen machen illegale Geschäfte, indem sie dubiose Abos, Telefonanschlüsse oder Ähnliches auf der Straße oder an der Haustür verkaufen) anwerben. Drei Jahre lang lebte ich mit 40 Männern und Frauen in einem Haus in Brandenburg. Ich lief vor meinen Schulden davon. Bescheide und Rechnungen begannen sich zu stapeln.

Vom Regen in die Traufe


Als ich das erste Mal in Berlin war, wusste ich: Das ist meine Stadt. Dort will ich leben. Also verließ ich nach drei Jahren die Drückerkolonne in Richtung Hauptstadt. Wieder war es ein Freund, mit dem ich einen solch radikalen Schritt unternahm und dem ich mich anvertraute. Wir konnten mehr schlecht als recht die Miete und laufenden Kosten bezahlen. Natürlich mit Geld aus Schwarzarbeit – einen ordentlichen, geregelten Job hatte ich nicht. Das Szenario von vor drei Jahren wiederholte sich: Auch mein neuer Freund nutzte mich schamlos aus. Vor allem für Sportwetten bediente er sich an meinem Geld. Bis eines Tages die Polizei vor der Haustür stand und ihn mitnahm. Sie meinten, er hätte gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Bis heute weiß ich nicht, wofür er verurteilt worden war.

Die Entscheidung


Mehrere Umstände drängten mich dazu, endlich gegen meine Schulden anzukämpfen: Ich suchte eine Wohnung und musste dafür meine Papiere durchsehen. Meine Mutter half mir dabei, doch es war so viel, dass ich eigentlich schon damals professionelle Hilfe gebraucht hätte. Und: Ich stand wegen nicht bezahlter Rechnungen vor Gericht. Mehrmals. In diesem Moment wurde mir klar, dass sich die Schlinge um meinen Hals immer enger zog. Dass es Zeit wurde, aktiv zu werden. Höchste Zeit.

Der Ausweg


Nachdem ich meine Scham überwunden hatte, wandte ich mich an die Schuldnerberatung des Arbeitskreises Neue Armut Neukölln e.V. Dort half man mir. Meine Beraterin und ich verschafften uns den nötigen Überblick über meine finanzielle Lage und erstellten einen Haushaltsplan. Ungefähr zur selben Zeit fand ich Arbeit im Textilhandel. Zwar eine Aushilfsstelle, 20 Stunden die Woche à 400 Euro im Monat, aber immerhin. Das war vor zwei Jahren. Meine Schulden beliefen sich damals auf 16.000 Euro. Seitdem zahle ich sie in Raten ab. Schritt für Schritt, Monat für Monat. Den Job habe ich immer noch. Tag für Tag gehe ich zur Arbeit, konsequent. Wenn alles gut geht, kann ich in einem Jahr in Privatinsolvenz gehen. Dann habe ich es geschafft. Ein neues Leben erwartet mich. Ich kann es selbst kaum fassen.

*Name von der Redaktion geändert

Neuen Kommentar schreiben

O_igi_al: