
Bio-Fleisch ist nicht mehr nur was für ein paar „Ökos“, sondern mittlerweile Standard in Supermärkten. Doch wo kommt es her? Schekker-Autorin Julia hat einen Öko-Bauern aus ihrer Nachbarschaft besucht und bei der Arbeit begleitet.
Der Morgen ist frisch. Regen liegt in der Luft. Den Kühen von Bauer Karl-Martin Jost macht das nichts aus. Sie stehen zufrieden unter einem Dach, fressen Silage, also gegorenes Gras, und lassen es sich gutgehen. Im Hohen Vogelsberg in Mittelhessen betreibt Karl-Martin Jost einen Bauernhof mit etwa 100 Bio-Rindern. Die Kühe, Bullen und Kälber wachsen unter strengen Auflagen auf. Bauer Jost hält sein Vieh nach der EG-Öko-Verordnung und produziert somit ökologisches Rindfleisch.
Auf Bio hat er seit 2007 umgesattelt und ist damit einer von rund 23.000 ökologischen Landwirtschaftsbetrieben Deutschlands. Die machen inzwischen acht Prozent der gesamten deutschen Landwirtschaft aus. „Ich war schon immer für Natürlichkeit“, erzählt er. „Vorfälle wie der BSE-Skandal Anfang 2000 bestätigen mich da in meiner Ansicht.“ Viel verändern, um den Richtlinien zu entsprechen, musste er daher nicht: „Ich darf keine Chemikalien verwenden, sondern nur natürliche Düngemittel wie Gülle“, sagt Bauer Jost. „Meine Rinder bekommen auch lediglich Gras. Frisch von der Wiese im Frühjahr und Sommer und als Heu und Silage, wenn es kälter wird.“
Nach der Verordnung brauchen die Rinder unter anderem eine separate Fress- und Liegestelle, außerdem genügend Platz pro Tier. Einmal jährlich wird Karl-Martin Jost von der Zertifizierungsstelle kontrolliert. Die Kontrolleure können aber auch immer unangemeldet hereinschauen. Vom Veterinäramt wird ebenfalls jährlich eine Blutuntersuchung durchgeführt, um die Qualität des Fleisches sicherzustellen.
Mit der „Kuhbox“ gestartet
Die Bio-Rinder sollen ein Leben führen, das so natürlich wie möglich ist. Keine Massentierhaltung auf wenigen Quadratmetern, kein Maismehl versetzt mit Antibiotika, um die Tiere schnell zu mästen. Karl-Martin Jost hat da ganz klein angefangen. „Alles begann mit einer einzigen Kuh“, erzählt der Bio-Bauer. „Im Jahr 1988 brannte es bei uns und sowohl Stall als auch Scheune fielen den Flammen zum Opfer. Mein Vater hörte danach mit der Landwirtschaft auf, doch ich konnte mich nicht von seiner letzten Kuh trennen.“ Er schmunzelt und fährt fort: „Wir haben sie dann kurzerhand in eine Pferdebox gestellt, die dann unsere ‘Kuhbox’ wurde.“

Immer mit dabei: Der Hund von Bio-Bauer Jost. Foto: Julia Klaus
Da er keine Milchwirtschaft aufbauen wollte, begann Bauer Jost mit dem Züchten von Kälbern. „Schon bald wurde der Viehbestand zu groß und ich konnte sie nicht mehr im Winter zu den Pferden stellen“, erzählt er. „Da habe ich einen neuen Stall gebaut und mich nach und nach vergrößert.“
Rinder-ABC
Heute züchtet Bauer Jost Kälber. So nennt man die weiblichen und männlichen Jungtiere bis zum Erreichen der Geschlechtsreife. Die tritt nach etwa einem Jahr ein. Weibliche geschlechtsreife Tiere heißen bis zur ersten Kalbung Färsen. Erst nach der Geburt des ersten Rinds ist die Bezeichnung „Kuh“ also korrekt. Die männlichen Tiere bezeichnet man ab der Geschlechtsreife als Stier oder Bulle.
In dem Bestand von Bio-Bauer Jost gibt es nur die Rasse Deutscher Angus. Bullen dieser Art werden durchschnittlich unglaubliche 1,1 Tonnen schwer. Obwohl diese Rinder-Rasse gutmütig sein soll, flößt die Größe doch ordentlich Respekt ein. Jost ist daran gewöhnt. Ihm macht seine Arbeit Spaß. „Ich muss gar nicht extra Urlaub machen. Wenn ich mit dem Traktor durch die wunderbare Landschaft hier fahre, ist mir das genug“, erzählt er.
Zu lange Wege
In den umliegenden Gemeinden gibt es einige Höfe, die ökologisch wirtschaften. Für ihre Kennzeichnung existieren verschiedene Bio-Siegel. Das deutsche sechseckige weiß-schwarz-grüne mit der Aufschrift „Bio“ gibt es seit 2001. Es ist hierzulande relativ bekannt. Produkte mit diesem Logo entsprechen der EG-Öko-Verordnung. Daneben wurde im Juli 2010 ein europäisches Logo eingeführt, das ein Blatt auf hellgrünem Grund zeigt. Es wird auch als EU-Bio-Logo bezeichnet. Beide haben in etwa dieselben Standards. Außerdem existieren in Deutschland mehrere Verbandslabel, deren Mitglieder in der Regel strengeren Vorschriften folgen müssen. Beispiele sind Demeter, Bioland und Naturland.

Diese Kälber sehen regelmäßig frisches Gras. Foto: Julia Klaus
Das Fleisch von Jost darf mit dem EU-Bio-Logo ausgezeichnet werden. Doch was passiert mit seinen Kälbern nach der Aufzucht auf seinem Hof? „Den Schlachtbullen winkt mit etwa eineinhalb Jahren das Schicksal des Schlachthauses“, erklärt er. „In einem Viehtransporter werden meine Tiere dann abgeholt. Dabei dürfen sie nicht zu lange gefahren werden, brauchen genügend Luft und Wasser – alles nach Auflage.“ Doch es gibt ein Problem: Die Zahl der Schlachthäuser sinkt stetig. „Die Tiere müssen dadurch unnötig lange transportiert werden“, sagt Jost. „Das müsste nicht sein, wenn es wieder mehr Schlachthöfe in der Nähe gäbe.“
Weniger ist mehr
Wasserfässer umherfahren, Weidezäune umstecken, Stall ausmisten: Der Alltag eines Bauern ist körperlich extrem anstrengend. Doch das macht Jost nichts aus. „Mich nervt nur, dass man so sehr vom Wetter abhängig ist. Wenn ich das ändern könnte, wäre alles perfekt“, sagt er und lacht. Der Bio-Bauer sieht in der ökologischen Landwirtschaft die Zukunft.
Doch was ist mit Menschen, die sich die teureren biologischen Produkte nicht leisten können? „Beim Fleisch sage ich: weniger ist mehr. Lieber einmal pro Woche ein richtiges Stück essen, als dreimal Billig-Steaks aus unbekannter Herkunft“, rät Karl-Martin Jost.
Seine Rinder liegen nach dem Silage-Snack im Stroh und schauen dem Regen zu. Sein Hund beschnuppert eine Mutterkuh – man kennt sich. Hoffentlich wird die Prognose von Bio-Bauer Jost wahr. Denn irgendwie möchten wir doch alle lieber das Fleisch glücklicher Kühe essen.




