Künstler bemalten das längste Mauerstück in Berlin zur East Side Gallery um.Foto: REGIERUNGOnline / Kühler

Kunst beschränkt sich längst nicht mehr auf Museen und Galerien, sondern erobert auch den öffentlichen Raum. Street-Art kommt in den verschiedensten Formen vor. Schekker-Autorin Laura hat sich auf einen Streifzug durch die bunte Welt der Straßenkunst begeben.

Eine Friedenstaube auf Beton

Ein kleines Mädchen wird von Luftballons über die Mauer getragen. Eine Friedenstaube flattert in schusssicherer Weste umher. Die Werke der Streetart-Legende Banksy auf der Grenzmauer zwischen Israel und Palästina sind Symbole für Freiheit, wo es keine gibt. Banksy, der Künstler aus Bristol, über dessen wahre Identität wenig bekannt ist, sagte in einem Interview, dass die Mauer Palästina „zum größten Freiluftgefängnis der Welt“ mache. Auch andere bekannte Street-Art-Künstler wie BLU und Ron English beteiligten sich an der Aktion. Ziel ist es, Aufmerksamkeit auf die Mauer zu lenken. Denn der 25 Kilometer lange und acht Meter hohe Betonwall macht das Miteinander beider Völker nicht gerade leichter.

Der Stoff, aus dem der Reichstag ist

Die altehrwürdige Fassade des Reichstagsgebäudes war im Sommer 1995 für zwei Wochen unsichtbar. Stattdessen bedeckten 100.000 Quadratmeter silbern schimmernder Stoffbahnen das Gebäude. Hinter der Aktion steckten die Künstler Christo und Jean-Claude. Das Ehepaar äußerte schon 1961 den Wunsch, ein öffentliches Gebäude, vorzugsweise ein Parlament oder ein Gefängnis, zu verhüllen. Denn das Element Stoff hat für sie einen besonderen Reiz. Es steht für Empfindlichkeit und zugleich Vergänglichkeit. Christo, ein gebürtiger Bulgare, der später in den Westen floh, faszinierte die besondere Ost-West-Vergangenheit des Reichstagsgebäudes. Für seine umstrittene Aktion kämpfte er 23 lange Jahre. Viel Gegenwind schlug ihm entgegen. Er musste sich gegen kritische Stimmen wehren, die warnten, das Reichstagsgebäude als politisches Symbol nicht für Experimente zu missbrauchen. Christos langes Ringen zahlte sich schließlich aus – fünf Millionen Besucher strömten im Laufe der zwei Wochen zum verhüllten Reichstag. Und staunten über das faszinierende Kunstwerk.

Vor die Füße geworfen



Foto: Just.Ekosystem.org

Ob Graffiti an der Häuserwand oder wildes Plakatieren – Streetart passiert oft im Schatten der Illegalität. Während das für manche den entscheidenden Kick ausmacht, fand die junge Streetart-Künstlerin Aisha Ronniger einen Weg, Kunst legal im öffentlichen Raum zu verteilen. Dafür sammelt sie Werke von Künstlern aus aller Welt, stellt sie zunächst zum Anfassen in einer Galerie aus und schwingt sich dann zusammen mit Freiwilligen aufs Fahrrad. Die Kolonne der „Papergirls“ rast durch Berlin und wirft Passanten Papierrollen vor die Füße. Darin finden sich Collagen, Fotografien, Skizzen, Drucke und und und. Es zählt der Überraschungseffekt – bis der Beschenkte reagieren kann, sind die Papergirls meist schon hinter der nächsten Straßenecke verschwunden.

Von der tristen Betonmauer zum Symbol für Versöhnung


Foto: privat

Nach dem Fall der Mauer zieht es 118 Künstler aus aller Welt nach Berlin. Sie alle kommen an der Mühlenstraße nahe der Spree zusammen, um das längste erhaltene Mauerstück zu bemalen. Sie schaffen die East Side Gallery, die wohl größte Openair-Galerie der Welt. Politische Aussagen stehen dort neben poetische Wandmalereien. Der Bruderkuss von Erich Honecker und Leonid Breschnew findet sich auf den 1,3 Kilometer Mauern ebenso wie der hoffnungsvolle Spruch: „I painted over the wall of shame, so freedom is ashamed no more. (…) I put my faith in you, Berlin, and give to you my colours bright.“ So wurde aus der einst tristen Betonmauer mit trauriger Vergangenheit ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung.

Von der Betonwand zur Leinwand

Wohnen und arbeiten, diese Formel gilt immer seltener für Innenstädte. Wohnraum verschwindet, in den Innenstädten dominieren Büros und Geschäfte. Wo tagsüber Betriebsamkeit herrscht, herrscht abends gähnende Leere. Was dann? Mach Kunst draus! Bei „A Wall is a Screen“ wandelt eine Gruppe von Menschen in der Innenstadt umher, stoppt an kahlen, hellen Wänden und schaut Kurzfilme unterschiedlichster Couleur. Die Umgebung verleiht den Filmen eine ganz neue Wirkung, etwa wenn eine echte Polizeisirene aufheult oder es plötzlich zu regnen beginnt.

Der Kick des Legalen


Foto: David Jackmanson / flickr.com

Klarer Fall. Wer fremdes Eigentum mit Farbe besprüht, begeht Sachbeschädigung – ihm droht eine Geldbuße oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. Heute ist die Kunst mit der Sprühdose aber auch immer öfter im Legalen zu finden. Jugendzentren laden zum Verschönern ihrer Wände ein, Großstädte stellen freie Flächen zur Verfügung und Museen lassen ihre Fassaden besprühen. Immer mehr Graffiti-Sprayer lassen sich für ihre Kunst sogar bezahlen. Letztlich ist es so: Solange der Eigentümer damit einverstanden ist, kann jede Wand bemalt werden.

Street-Art auf die grüne Weise

Ein Streetartkünstler muss nicht mit Spraydosen oder Kleistereimer bewaffnet sein. Er kann auch mit Vergiss-mein-Nicht und Gartenharke durch den nächtlichen Großstadtdschungel laufen. Die Rede ist von Guerilla-Gärtnern, die seit den Achtziger-Jahren des 20. Jahrhunderts auf eigene Kosten ungenutzten Raum in der Stadt bepflanzen. Ob nun die trostlose Verkehrsinsel oder den Blumenkübel vor dem Hochhaus. Die Guerilla-Gärtner ziehen aus verschiedensten Gründen los. Manche handeln aus ökologischer Überzeugung oder politischem Anliegen, manche verfolgen ein ganz simples Ziel: Sie wollen ihre Stadt grüner und schöner machen.

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