Niedergeschlagen und hoffnungslos, müde und kraftlos – so fühlen sich viele depressive Menschen. Doch ab wann spricht man von einer Depression und woher kommt sie? Schekker-Autorin Christiane hat den Psychologen Dr. Ulrich Goldmann gefragt.
Fast jeder Mensch hat sich schon mal „depri“ gefühlt: konnte sich zu gar nichts aufraffen, war niedergeschlagen, weil die Klausur oder das Date nicht so gut lief, war traurig, weil ein Angehöriger gestorben ist. Doch das hat mit einer richtigen Depression nichts zu tun. Ab wann also geht man soweit und spricht von einer Depression?
Depression ist eine ernst zu nehmende, häufig noch tabuisierte Krankheit. Dabei ist die Depression eine der häufigsten Volkskrankheiten und kann jeden treffen. Nach Schätzungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sind etwa vier Millionen Menschen in Deutschland an Depression erkrankt. Im Laufe des Lebens erkrankt fast jeder Fünfte. Etwa zehn Prozent der schwer Erkrankten nimmt sich sogar das Leben.
Bis die richtige Diagnose gestellt wird, vergehen oft Monate. Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich Hilfe zu holen. „Die Betroffenen erkennen es oft bei sich selbst nicht als Erkrankung, sondern halten es für Unfähigkeit“, sagt Dr. Ulrich Goldmann.
Der Psychologe lehrt und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitet als Psychologischer Psychotherapeut in einer Münchener Praxis. Depression geht mit pessimistischem, selbstkritischem bis selbstbestrafendem Denken einher. Betroffene denken häufig: „Jetzt reiß’ dich doch zusammen. Das zwingt andere doch auch nicht in die Knie.“ Was als persönliches Versagen empfunden wird, ist Quelle von neuem Stress und Abwertung.
Was sind Symptome einer Depression?
Depression ist eine umfassende Störung, die sich in Gefühlen, Gedanken, Verhalten und körperlichen Beschwerden zeigt. Foto: Amy Messere / Flickr.com, CC-Lizenz (by-nc-nd)
Das ICD-10, das gegenwärtig verwendete Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation für psychische und andere Erkrankungen, definiert, welche Symptome und Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Psychologe oder Arzt eine Krankheit oder Störung diagnostizieren kann. Für die Depression listet das Manual als Hauptsymptome depressive Stimmung, Interesse- beziehungsweise Freudlosigkeit und erhöhte Ermüdbarkeit auf. Weitere häufige Symptome sind Verlust von Selbstwertgefühl, Selbstvorwürfe, übertriebene Schuldgefühle, Todes- oder Suizidgedanken, Denk- und Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Appetitverlust, körperliche Unruhe oder Hemmung. Vorliegen müssen die Symptome mindestens zwei Wochen lang. Die Depression ist eine umfassende Störung, die sich in Gefühlen, Gedanken, Verhalten und körperlichen Beschwerden zeigt.
„Der kriegt nichts auf die Reihe“
„Jemand der sich traurig fühlt, denkt selten optimistisch“, sagt Goldmann. Neben den Gefühlen und Gedanken ist meist auch das Handeln betroffen. „Menschen mit Depression haben ganz oft eine Antriebsstörung“, erklärt Goldmann. Das bedeutet, dass es den Betroffenen äußerst schwerfällt, eine Handlung anzustoßen. Außenstehende denken dann oft: „Der kriegt nichts auf die Reihe“ oder „Die macht nichts“.
Goldmann hat im Therapiealltag oft beobachtet, dass es Patienten sehr viel Überwindung kostet, beispielsweise einen Brief an die Krankenkasse aufzusetzen. Oder dass Patienten berichten, dass sie schon wissen, dass ihnen Laufen guttun würde, sie es aber einfach nicht schaffen, die Schuhe anzuziehen oder die Sportsachen herzurichten. „Das ist ein Zeichen der Krankheit, nicht ein Zeichen von Unfähigkeit“, sagt Goldmann.
Bündel von Ursachen
– www.deutsche-depressionshilfe.de/
– www.depressionen-depression.net/
– www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2013/block-f30-f39.htm
Aber wie entsteht eine Depression überhaupt? „Der Depression liegt nicht eine Ursache zugrunde, sondern ein Bündel von Ursachen“, sagt Goldmann. Dazu gehören genetische Faktoren, frühkindliche Ereignisse, Umweltbedingungen, die Verletzlichkeit des Betroffenen und erworbene Überzeugungen.
Zum einen können psycho-soziale Ereignisse wie Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung, Scheidung, Tod eines Angehörigen mit hineinspielen. Wie sich diese äußeren Ereignisse auswirken, hängt von der inneren Struktur ab. „Je stärker jemand auf nur ein Pferd setzt, desto problematischer“, sagt Goldmann. Jemandem mit einem perfektionistischen Anspruch, der beispielsweise die Arbeit über alles stellt, setzt ein Misserfolg bei der Arbeit also viel mehr zu, als jemandem, der seinen Selbstwert neben der Arbeit auch aus der Familie, dem Sport oder seinem ehrenamtlichen Engagement zieht.
Eine angemessene Behandlung hilft, mit der Depression umzugehen. Wie die Therapie aussieht und aus welchen Elementen sie besteht ist abhängig vom Schweregrad und anderen individuellen Faktoren. Wichtig ist, sich Hilfe zu holen!



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