Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage will Adriana erst einmal in Bulgarien bleiben. „Wenn sich die Lage nicht bessert, wäre das EU-Ausland für mich attraktiv.” Foto: Victoria Scherff

Bulgarien ist das ärmste Land der Europäischen Union. Schekker-Autorin Victoria hat mit zwei jungen Bulgarinnen gesprochen, wo sie ihre Zukunft sehen. Für Victoria steht fest: Auch nach ihrem Auslandssemester in Sofia wird sie in die bulgarische Hauptstadt zurückkehren – trotz kleiner Verständigungsprobleme.

Ich stehe in der Schlange im Supermarkt und freue mich, die Frage nach einer Tüte richtig verstanden zu haben. Seit ein paar Wochen lerne ich Bulgarisch und fühle mich wie eine Erstklässlerin. Ein bisschen stolz antworte ich „Da, molja!“, „Ja, bitte!“. Dummerweise nicke ich dabei freudestrahlend die Verkäuferin an. Die guckt erst verdutzt, sagt etwas, was ich nicht verstehe, und packt dann die Tüte weg. Merke: Nicken bedeutet in Bulgarien Nein, ein Kopfschütteln Ja. Einmal bekam ich auch Treuepunkte statt einer Tüte, da habe ich wohl Totschka (Punkt) und Torbitschka (Tüte) verwechselt.

Drang gen Osten

Warum ich ein Auslandssemester an der St. Kliment Ohridski Universität mache? Das haben mich viele meiner Bekannten und Freunde gefragt, bevor es vor knapp vier Monaten losging nach Sofia. Zum einen ist das Studium in Bulgarien Teil meines trinationalen Studienganges „Medien – Kommunikation – Kultur“ in Frankfurt an der Oder. Zum anderen hat mich Südosteuropa als Kulturregion immer gereizt. Zunächst habe ich ein Praktikum in der Deutschen Botschaft in Budapest gemacht und mich dann weiter „ostwärts“ bewegt: Hier bin ich nun in Sofia. Eine tolle Stadt! Sie bietet Studenten eine kleine, aber feine Kultur- und Partyszene. In der Innenstadt gibt es viele Cafés, Bars und Restaurants, die es mit denen in Berlin aufnehmen können.

Für Deutsche ist das Leben hier preiswert, doch für Bulgaren sieht das anders aus. „Das Leben in Sofia ist teuer“, hat mir Adriana erklärt, die bei mir im Haus wohnt. „Die Leute verdienen hier wenig und die Preise sind vergleichsweise hoch. Viele Studenten müssen von ihren Eltern finanziell unterstützt werden oder viel nebenbei arbeiten – mit einem ‘richtigen’ Studentenleben hat das nichts zu tun.“ Die 23-Jährige kam zum Studieren aus Veliko Tarnovo nach Sofia. Seit fast einem Jahr arbeitet sie neben der Uni 40 Stunden die Woche in einem Callcenter.

Deutschland als „Vorzeigewirtschaft“


Straßenschild in Plovdiv: “Schütze das Gemeinschaftliche, als ob es deines wäre.”Foto: Victoria Scherff

Im Vergleich zu Deutschland empfinde ich die Menschen hier als warmherziger, offener und hilfsbereiter. Wenn ein Freund in Not ist, zögern die Bulgaren nicht, ihm sofort zu helfen. Als Ausländer wird man zwar auf der Straße manchmal neugierig beäugt, doch das Interesse ist immer sehr freundlich. Denn Sofia ist zwar die Hauptstadt, aber Touristenmengen bzw. viele Ausländer ist man hier doch noch nicht gewohnt.

Viele der jungen Leute sprechen sehr gut Englisch und oft auch noch weitere Fremdsprachen. Sogar die Älteren beherrschen oft ein paar Brocken Deutsch. Überrascht hat mich, dass die Menschen offenbar wenig Nationalstolz haben – und eher erstaunt sind, wenn ich ihnen erzähle, dass mir Bulgarien bzw. Sofia so gut gefällt.

Ramona kommt aus Sofia. Die 29-Jährige hat in Bulgarien ein deutsches Gymnasium besucht, später in Deutschland studiert und arbeitet nun bei einer großen Firma in Berlin. Über ihr neues Zuhause sagt sie: „Die meisten Bulgaren verbinden mit Deutschland Wohlstand und die hohe Qualität diverser Produkte ‘made in Germany’.“ Sie sähen Deutschland als „das Vorzeigemodell einer Wirtschaft“ und halten die Deutschen für fleißig und geradlinig, wie Ramona erzählt. „Dass sie die Dinge aber auch manchmal sehr eng sehen, wird man ebenfalls hören.“

Der Heimat den Rücken kehren?

Wirtschaftlich steht Bulgarien nicht gut da, das Land ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt das ärmste in der EU. Deshalb zieht es viele junge Leute ins Ausland, um zu studieren – und manchmal auch zu bleiben. Das Bulgarische Wirtschaftsblatt berichtete vor Kurzem, nie hätte es mehr bulgarische Bewerber an ausländischen Hochschulen gegeben. Jedes Jahr verlassen demnach um die 23.000 Studenten ihr Heimatland.


Schekker-Autorin Victoria will später nach Sofia zurückkehren. Den vielen Schlaglöcher weicht sie mittlerweile schon spielend leicht aus.Foto: Victoria Scherff

„Für ein Studium ist das EU-Ausland für Bulgaren, die ein Sprachgymnasium besucht haben, auf jeden Fall interessant. Sie bekommen die Möglichkeit einer guten Ausbildung und eines neuen Netzwerks“, sagt auch Ramona. Doch den gut ausgebildeten Rückkehrern bleiben dann in Bulgarien oft nur Jobs in Callcentern oder beim Telemarketing.

Adriana, die ein Jahr an der Uni Potsdam studiert hat, sieht die aktuelle Situation ebenfalls kritisch. Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändert und beispielsweise Lehrer mehr verdienen, sodass sich diese Arbeit lohnt“. Lehrerin wäre ihr Traumberuf, „auch um die Qualität im Unterricht positiv zu beeinflussen“.

Erst mal will Adriana in Bulgarien bleiben, „aber wenn sich die Lage nicht bessert, wäre das EU-Ausland für mich attraktiv“. Auswanderung ist unter den gut ausgebildeten Studenten und Absolventen ein Thema, denn „die Bulgaren sind selbstbewusst und wissen um ihre Qualitäten wie etwa sehr gute Fremdsprachenkenntnisse“, so Adriana. Ramona kann sich ebenfalls „gut vorstellen, noch länger in Deutschland zu bleiben“.

Dowischdane, Bulgaria – auf Wiedersehen!

In wenigen Wochen werde ich Sofia mit einem weinenden Auge verlassen. Ich habe in meinen Monaten hier fast nur gute Erfahrungen gemacht. Nur beim Taxifahren musste ich einmal den „Touristenpreis“ zahlen, aber im Vergleich zu den deutschen Taxipreisen war das immer noch moderat. Ich werde bestimmt zurückkehren nach Bulgarien. Die schlechten Gehwege werde ich allerdings nicht vermissen. Obwohl ich mittlerweile schon fast tänzelnd den Löchern ausweiche.

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