Katharina Rothe ist Professorin für Gender Studies an der Universität Leipzig. Foto: privat

Männer als Kindergärtner, Frauen als Automechanikerinnen – in der Arbeitsverteilung zwischen Mann und Frau hat sich einiges getan. Warum Frauen und Männer nicht gleich, aber auch nicht grundsätzlich verschieden sind, erklärt Katharina Rothe, Professorin für Gender Studies an der Universität Leipzig.

Schekker.de: Frauen können heute in Deutschland Karriere machen. Das war aber nicht immer so. Wie haben sich die Rollenbilder von Mann und Frau verändert?

Katharina Rothe: Vor allem das Rollenbild der Frau hat sich in den letzten 100 Jahren enorm gewandelt. Zum Beispiel besitzen Frauen erst seit 1919 das Wahlrecht. Bis in die 70er-Jahre unterstand in der Bundesrepublik die Frau ihrem Ehemann. Wenn er wollte, konnte er sogar ihren Job kündigen. Frauen durften vor 100 Jahren nicht studieren. Deswegen ist für sie auch beruflich heute natürlich viel mehr möglich. Gleichzeitig wird aber auch viel mehr erwartet: Die Frau ist immer noch für Erziehung und Familie zuständig, zusätzlich soll sie möglichst Karriere machen. Eine Supermanagerin quasi. Die Rollenerwartung an den Mann ist da noch traditioneller. In vielen Köpfen ist er noch immer der „starke Mann“, von dem erwartet wird, beruflich erfolgreich zu sein. Natürlich gibt es auch die sogenannten neuen Väter in Elternzeit. Das ist aber nicht die Regel.

Frauen haben keinen Orientierungssinn, Männer können nicht multitasken. Was sagen Sie zu solchen geschlechterspezifischen Vorurteilen?

Generell kann ich bei solchen Klischees nur den Kopf schütteln. Es gibt viele Studien, die darauf aus sind, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu finden. Es hat sich aber gezeigt, dass die Ergebnisse sich über die Jahrzehnte verändert haben – die Unterschiede haben immer mehr abgenommen. Frauen und Männer sind nun einmal keine homogenen Gruppen. Deswegen kann man auch keine endgültigen Aussagen dazu treffen, was Männer und Frauen können oder eben nicht können. Trotzdem gibt es bestimmte Bereiche, wo Unterschiede bleiben: Männer sind zum Beispiel im Durchschnitt kräftiger als Frauen. Das heißt aber auch, dass es einzelne Frauen gibt, die körperlich kräftiger sind als einzelne Männer. Allgemeine Aussagen über "die Frauen" und "die Männer" sind immer falsch.

Männliche Erzieher, weibliche Physikerinnen. Ist es sinnvoll, wenn Männer in Frauendomänen arbeiten und umgekehrt?

Ja, sehr. Wenn Geschlechterrollen in der Berufspraxis durchbrochen werden, wenn Männer einen Frauenberuf ausüben und umgekehrt, hilft das, veraltete Rollenbilder im Kopf aufzulösen.

Professorin Katharina Rothe am PCGender Studies Professorin Katharina Rothe beschäftigt sich mit den Rollenbildern von Männern und Frauen.
Foto: privat

Warum gibt es überhaupt Frauen- und Männerdomänen?

Das ist geschichtlich begründet. In der Medizin beispielsweise gibt es immer noch wesentlich mehr Männer als Frauen in Führungspositionen. Das liegt auch daran, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein nur Männer Medizin studieren durften. Der Beruf steht also in männlicher Tradition und es dauert sehr lange, bis sich solche Machtstrukturen verändern. Das ist im Moment der Fall, denn mittlerweile ist der Großteil der Medizinstudierenden weiblich.

Woran liegt es denn, dass so viele Führungspositionen mit Männern besetzt sind?

Von Frauen wird nach wie vor erwartet, dass sie irgendwann Mutter werden und mindestens eine Zeitlang zu Hause bleiben. Das ist eine Karrierebremse, die auch bei Personalentscheidungen eine Rolle spielt, wenn auch ganz subtil. Bei einem Mann ist die "Gefahr", dass er wegen Vaterschaft ausfällt, immer noch geringer. Zumindest ist so die Erwartung.

Was muss passieren, damit mehr Frauen Führungspositionen in Unternehmen bekommen?

Wir brauchen zum Beispiel bessere Möglichkeiten zur Kinderbetreuung. Aber das reicht nicht. Vor allem müssen die veralteten, hartnäckigen Rollenerwartungen an Mann und Frau aus unseren Köpfen verschwinden. Dazu halte ich eine Frauenquote in Unternehmen im Moment für sinnvoll. Festgefahrene Strukturen ändern sich eben nicht von heute auf morgen, da muss man nachhelfen.

Werden Frauen dann nicht automatisch als „Quotenfrauen“ abgestempelt?

Diese Gefahr würde ich zugunsten eines Strukturwandels eingehen. Es geht ja darum, dass Frauen bei gleicher Qualifikation im Moment schlechtere Chancen als ihre männlichen Kollegen haben. Da muss ein Gleichgewicht hergestellt werden. Es spricht überhaupt nichts dagegen, Männer und Frauen im Beruf gleich zu behandeln.

In welchen Berufsbereichen fehlen Frauen in Deutschland besonders?

Ganz allgemein ist der Anteil von Frauen in leitenden Positionen viel zu gering. Vor allem fehlen weibliche Arbeitskräfte in Managementunternehmen, in der Politik, in der Wissenschaft und in der Medizin.


Am 1. Boys' Day konnten Jungs unter anderem in Pflegeberufe reinschnuppern.
Foto: www.boys-day.de

Umgekehrt: In welchen Berufen fehlen Männer in Deutschland besonders und warum?

Nach wie vor in Pflegeberufen und im sozialen Bereich im Allgemeinen. Auch dies liegt wieder begründet in den Bildern von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit", die wir verinnerlicht haben: Frauen haben traditionell die Erziehung von Kindern und Pflege der Alten in der Familie übernommen und sind dabei mit dem Emotionalen und Sozialen verknüpft. Im Selbstbild vieler Jungen und Männer gelten diese Berufe nach wie vor als "unmännlich". Damit einhergehend haben diese Berufe auch nach wie vor ein geringeres Prestige und Einkommen.

Was könnte man tun, damit mehr Männer sich für soziale Berufe entscheiden?

Auf diese Frage wird häufig geantwortet: Wäre das Einkommen höher, würden sich auch mehr Männer für soziale Berufe entscheiden. Aber das greift noch zu kurz. Wie gesagt, die Bilder, die wir von Mädchen, Jungen, Frauen und Männern vermittelt bekommen, müssen sich langfristig weiter öffnen. Die Sozialisation in Geschlechterrollen beginnt schon in der frühen Kindheit. Kindergarten und Schule sind dabei wichtige Instanzen, in denen keine starren Rollen und Vorbilder vermittelt werden sollten.

Sie haben Psychologie studiert. Was hat Sie an der Geschlechterforschung gereizt?

Das Interesse kann ich bis in meine Kindheit zurückverfolgen. Ich erinnere mich, dass ich auf Klischees gestoßen bin, denen ich selbst nicht entsprochen habe. Ein Beispiel: Von mir wurde, wie von jedem kleinen Mädchen, erwartet, dass ich gerne mit Barbies spiele und Puppen liebe. Das interessierte mich aber nicht. Dementsprechend habe ich mich schon früh mit der Problematik auseinandergesetzt. Und auch im Studium haben mich Geschlechterrollen sehr interessiert.

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