Vor Vorurteilen ist wohl niemand geschützt. Unter Umständen können sie aber Entscheidungen beeinflussen, wie beispielsweise die, wer einen Job erhält. Um dies zu verhindern, taucht immer wieder die Idee von anonymisierten Bewerbungen auf, in denen der Name, das Geschlecht und das Alter der Bewerber geschwärzt sind. Daniela findet die Idee gut, Vicky nicht.
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Pro: Daniela So offen und vorurteilsfrei wir doch sein wollen – kein Mensch ist frei von vorgeprägten Meinungen. Bei der anonymen Bewerbung sollen bestimmte Daten in der Bewerbung, wie der Name schon sagt, anonymisiert werden. Kein Foto, kein Name, kein Alter. So soll der Blick objektiver auf die Fertigkeiten und Qualitäten des Bewerbers gelenkt werden. Ich halte das für sinnvoll, denn ob wir wollen oder nicht: Ein Foto oder auch ein fremd klingender Nachname hinterlassen einen Eindruck, ein Bild. Das sind periphere Reize, die aber zu einer Meinung führen, ohne dass uns das in diesem Moment bewusst sein muss. Ich merke an mir selbst, wie schnell sich nicht unbedingt Vorurteile, aber doch Menschenbilder in einem festsetzen. Oft reicht womöglich ein Schlagwort wie z. B. ein türkisch klingender Name aus, der den Personaler die Bewerbung schnell beiseitelegen lässt – und dem Bewerber so alle Chancen nimmt, sich persönlich vorzustellen und so das vorgefertigte Bild zu korrigieren. Die anonymisierte Bewerbung ist eine Chance für Gerechtigkeit und Gleichstellung. Eine Besinnung auf Ausbildung und Fertigkeiten von Bewerbern. Natürlich wird im persönlichen Gespräch all das, was vorher verdeckt war, sichtbar werden. Durch die anonymisierten Bewerbungen wird aber zumindest Chancengleichheit im Wettstreit um ein Vorstellungsgespräch hergestellt. Und dieses ist auch aussagefähiger als irgendein Bogen Papier und kann gänzlich andere Ergebnisse hervorbringen als die Auslese von Papierdaten. Anonymisierten Bewerbungen sind ein wichtiger Schritt in Richtung Toleranz und Gleichberechtigung. Sie können den Einfluss von Vorurteilen auf Bewerbungsrunden vermindern und so zu einer aufgeklärteren, toleranteren Gesellschaft beitragen. Hinzu kommt noch ein ganz praktischer Aspekt: Bei meiner Bewerbung zum Studium ist mir die anonysierte Bewerbung erstmals begegnet. Und das fand ich gut. So blieb mir erspart, zum Fotografen zu rennen, um viel Geld für ein Bild zu zahlen, auf dem man oft nicht einmal besonders gut aussieht. |
Contra: Vicky 2011 startete die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ein Pilotprojekt, für das fünf große Unternehmen und drei Verwaltungen ein neues Verfahren testeten, um Mitarbeiter zu gewinnen: Vor der Weitergabe der Bewerbungen an die Personalabteilung wurden Daten wie Alter, Geschlecht, Name und Foto geschwärzt. „Wir haben im anonymisierten Bewerbungsverfahren Chancengleichheit hergestellt “, so Christine Lüders, die Leiterin der ADS. Aber stimmt das wirklich? Wird die Welt jetzt gerechter? Ich bezweifle es. Dass sich Personaler ein Bild von ihren Bewerbern machen wollen, ist weder böse noch ungerecht – es ist menschlich. Denn bevor ich jemanden zum Vorstellungsgespräch einlade, möchte ich mir einen ersten Eindruck verschaffen, schließlich müssen wir miteinander arbeiten. Drehen wir den Spieß mal um: Das Hauptargument der Befürworter ist, dass Chancengleichheit beim Bewerbungsverfahren gilt. Aber wer will freiwillig für eine Firma arbeiten, die mich ohne Anonymisierung wegen meiner Herkunft, meines Alters oder Aussehens nicht eingestellt hätte? Ich nicht. Und um wirklich gerecht zu sein, müssten wir im Umkehrschluss beispielsweise vor politischen Wahlen auch jegliche Namen und Gesichter von den Plakaten nehmen, damit jeder Kandidat dieselben Chancen hat. Ohnehin verhindern anonymisierte Bewerbungen nicht die Diskriminierung, sie verschieben sie nur auf das Bewerbungsgespräch. Denn hat ein Personaler Vorbehalte gegenüber jungen Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, älteren Arbeitnehmern oder wen auch immer, so werden sie seine Entscheidung beeinflussen, auch wenn ihm der Bewerber gegenüber sitzt. Wichtiger wäre, gegen die Ursachen solcher Vorbehalte vorzugehen, z. B. durch Fortbildungen und Schulungen. Dass Diskriminierung nicht sein darf, darin sind wir uns einig. Aber „Gesicht zeigen“ soll mir trotzdem erlaubt sein. Ich bin der Meinung, die Personalchefs sollten es den Bewerbern überlassen, ob sie ein Foto oder den Namen angeben wollen. Das ist für mich wirkliche Chancengleichheit. |



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