Eine Litas- und eine Euromünze
Die Litas haben in Litauen ausgedient. Das Land hat seit diesem Jahr den Euro. Foto: Annemarie Walter

  Als der Euro in Deutschland eingeführt wurde, war Annemarie zehn Jahre alt. Sie kann sich noch gut daran erinnern – ihr „Starter-Kit“, wie alle wild anfingen, Münzen zu sammeln und wie ungewöhnlich es war, dass sich auf ihrem Sparbuch plötzlich nur noch die Hälfte befand. Jetzt hat sie die Euro-Einführung ein zweites Mal erlebt – in Litauen. Nach zwei Monaten zieht sie eine erste Bilanz.

„Großer Jubel, nicht nur in Vilnius: Litauen hat gestern den Euro eingeführt“, verkündete die Europäische Kommission am zweiten Januar dieses Jahres. Das dazugehörige Foto sorgte für Heiterkeit unter meinen Freunden – denn zumindest wir standen vor allem wegen des Feuerwerks auf dem Kathedralenplatz der litauischen Hauptstadt und nicht wegen des Euros. Seit letztem Jahr bin ich in Litauen. Gekommen bin ich für ein Praktikum und nun plane ich einen Europäischen Freiwilligendienst in Vilnius.

Von Jubel nach der Euro-Umstellung war recht wenig zu bemerken. Den gab es höchstens bei meiner deutschen Mitbewohnerin und mir, als wir „unseren“ Supermarkt in der Tagesschau entdeckten. Wie dreizehn Jahre zuvor in Deutschland waren die Menschen in diesen Tagen vor allem eines: verwirrt.


Annemarie ist seit letztem Jahr in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Foto: Annemarie Walter

Die Einstellung zur Umstellung

Eigentlich wollte Litauen den Euro schon 2007 einführen. Doch dann überschritt das Land die erlaubte Inflationsrate um 0,1 % – und danach kam erst mal die Wirtschaftskrise. Im Herbst 2014 erfolgte dann die endgültige Bestätigung von EZB und EU-Kommission: Der Euro konnte kommen. Kurz darauf schickte die Litauische Bank über alle Telefonanbieter SMS an die Bürger. Darin wurden dringende Fragen geklärt: Wann wird der Euro umgestellt, wo liegt der Kurs, wie lange kann man noch mit der alten Währung bezahlen?

Mit etwas haben sie in Litauen jedoch nicht gerechnet: Der Run auf den Euro war viel größer als erwartet. In langen Schlangen standen die Menschen vor Banken und Postschaltern. Viele packten aus großen Tüten ihre ehemalige Währung Litas aus, um sie gegen nagelneue Euros umzutauschen. Wer weiß, wie viele Sparschweine in den vergangenen Wochen ihr Leben lassen mussten? Selbst in Zeitungsartikeln amüsierte man sich über dieses „Hortungsverhalten“ der Litauer.

Währungs- und Preis-Kuddelmuddel

Auch in den Supermärkten sind die Schlangen lang, weil die Scheine einzeln gescannt werden müssen. Denn es ist wohl auch viel Falschgeld im Umlauf. Die Verkäuferinnen zählen langsam ab, die Kunden zählen mühsam nach. Als ich mich an der Supermarktkasse über das Scannen der Scheine amüsiere, weil selbst Fünf-Euro-Scheine das Prozedere durchmachen müssen, bekomme ich einen strengen Blick der Kassiererin: „Wie viel sind denn fünf Euro?“ „Knapp 17 Litas“, antworte ich ohne zu zögern. Als Antwort erhalte ich nur einen weiteren strafenden Blick. Reich sind die Litauer nicht. Der Mindestlohn liegt bei 300 Euro. Da müssen 17 Litas für eine Woche Obst und Gemüse reichen.

Darauf scheinen auch die Supermärkte zu setzen. Jemand erzählte mir, dass in einem bestimmten Zeitraum keine Preise erhöht werden dürfen. Nur seltsam, dass Produkte, die in Litas und Euro ausgeschrieben waren, hinterher etwas teuer sind: Aus 1,41 Euro vor Silvester wurden 1,45 Euro nach Silvester. Das ist auch Sevi aufgefallen. Sie kommt aus Usbekistan und lebt seit vier Jahren in Litauen: „Ich kenne meine wöchentlichen Ausgaben genau. Mein erster Einkauf im neuen Jahr war rund drei Euro teurer als sonst.“ Sie ist daraufhin zu einem anderen Supermarkt gewechselt, der billiger ist. Jetzt stimmt die Rechnung wieder.


Die jungen Litauen sind beim Euro hin- und hergerissen. Foto: Annemarie Walter

Sorgen und Hoffnungen der Litauer

Höhere Preise – das ist auch eine Befürchtung von Mindaugas, Student aus Vilnius. Der Euro ist aus seiner Sicht vor allem das Eintauchen in ein fehlerbehaftetes System, der Verlust eines Nationalsymbols und damit ein Stück Verlust von Unabhängigkeit für das kleine Land: „Die Umstellung soll meine Ausgaben reduzieren. Ich bin mir nicht sicher, dass das klappt. Ich hoffe einfach, dass die Litauer das jetzt als Chance sehen und ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen.“

Studentin Justina macht sich keine Sorgen. Sie glaubt, dass der Euro gut für die litauische Wirtschaft ist, insbesondere für Unternehmen. Den Übergangsprozess von Litas zu Euro fand sie toll organisiert: „Es gab genügend Informationen, sogar meine Oma wusste, wann und wie sie was machen musste. Jetzt hoffe ich einfach, dass es der ganzen Eurozone bald besser geht und dass sich die Wirtschaft endlich komplett erholt.“

Auch zweite Euro-Einführung verwirrend

Mein zweites Mal ist wie mein erstes Mal: Verwirrend, aufregend, mit Ärger, Ängsten und Hoffnungen verbunden. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich total gelassen sein würde, schließlich zahle ich schon den größten Teil meines Lebens mit Euro. Aber nix da: Ich habe den schönen Litasmünzen nachgetrauert, mit den überforderten Verkäuferinnen mitgelitten und sammle für meine Freunde Euromünzen aus anderen Ländern.

Und die Litauer? Aus meiner Sicht ist es für sie genauso wie „damals“ für die Deutschen: Sie haben vor allem Angst vor Teuerungen (und das ist hier oft essentieller als in Deutschland), wissen nicht recht, ob sie wirklich so tief in das Projekt Europa eintauchen wollen. Aber sie freuen sich auch, dass sie endlich „richtig“ dazugehören und dass sich ihnen mit der neuen Währung auch neue Chancen eröffnen.