Mehr als drei Jahre nach der erklärten Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien gibt es noch große Spannungen zwischen beiden Ländern. Schekker-Autorin Katja arbeitet für sechs Monate im Norden Serbiens. Wie stellt sich die Situation für die serbischen Jugendlichen dar? Ein Stimmungsbericht.
Seit September diesen Jahres leiste ich meinen Freiwilligendienst an einer Schule in einer kleinen Stadt nahe der serbischen Hauptstadt Belgrad. Schwierigkeiten, mich zu verständigen, habe ich keine. Viele Menschen lernen Deutsch oder hatten es zumindest als Unterrichtsfach in der Schule. Über das Thema Kosovo wird allerdings nicht viel gesprochen, erst recht nicht mit mir. Die Menschen scheinen politikverdrossen. Und außerdem hat Deutschland den Kosovo 2008 als unabhängige Republik anerkannt. Serbien tut das nach wie vor nicht.
Zur Vorgeschichte: Der Kosovo war serbische Provinz, gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, genau wie die Gebiete der heutigen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und der Republik Mazedonien. 1989 beendete Serbien die zuvor gewährte Autonomie der Provinz. Die Kosovo-Albaner reagierten mit der Ausrufung eines eigenen Staates Kosovo.
Ende der 1990er Jahre kam es zu Kämpfen zwischen der serbischen Armee und der Rebellenorganisation UCK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës, Albanisch für: die Befreiungsarmee des Kosovo), die sich für die Unabhängigkeit des Kosovo einsetzte. Erst Luftangriffe der NATO beendeten 1999 den Konflikt und der Kosovo wurde unter internationale Verwaltung gestellt. Am 17. Februar 2008 erklärte der Kosovo gegen den Widerstand Serbiens seine Unabhängigkeit. Völkerrechtlich ist der Status des Kosovo umstritten: Zahlreiche Staaten haben die Unabhängigkeit anerkannt, viele andere aber betrachten den Kosovo noch immer als einen Teil Serbiens. Bis heute unterhält die kosovo-serbische Bevölkerung, die hauptsächlich im Norden des Kosovo beheimatet ist, eigene Schulen, Gerichte und Behörden.
Ich habe mich mit zwei Jugendlichen aus Serbien, Anna (18) und Theodor (18), und Branka (17) aus Montenegro getroffen.Die drei stehen kurz vor dem Abitur, lernen seit mehreren Jahren Deutsch und sind ganz normale Jugendliche, die sich bisher allerdings noch nicht viel mit ihrer Landespolitik beschäftigt haben. Dennoch beantworten sie mir bereitwillig Fragen.
Autorin Katja arbeitet für ein halbes
Jahr in Serbien. Foto: Carola Dierich
Katja: Welche Rolle spielt für euch der Kosovo-Konflikt?
Anna: Wir reden nicht viel darüber, aber wir sehen viel im Fernsehen. Es gibt auch Jugendliche, hauptsächlich Jungs, die viel über das Thema wissen und der Meinung sind, dass der Kosovo zu Serbien gehört.
Theodor: Ich weiß nicht genau, was ich dazu sagen soll, das ist Politik. Ich mag Politik nicht sonderlich. Amerika ist stark genug, um die Situation zu kontrollieren.
Redet ihr mit euren Eltern über das Thema?
Anna: Nicht so viel. Meine Eltern erklären mir manchmal Verschiedenes. Ich denke aber, wir alle wollen, dass der Kosovo zu Serbien gehört.
Branka: Manchmal, aber nicht so oft.
Wenn ihr „Kosovo“ hört, was fällt euch spontan dazu ein?
Theodor: Töten. Arme Menschen. Unschuldige Menschen sterben da wegen nichts.
Branka: Arme Leute, zerstörte Häuser. (längere Pause) Die Menschen nennen es auch „das Herz Serbiens“.
Wie findet ihr die gegenwärtige Situation im Kosovo?
Anna: Ich finde es sehr schlimm. Die Menschen dort haben keine Medikamente und ihnen geht es sehr schlecht. Ein Mädchen aus dem Kosovo war letztes Jahr als Siegerin eines Schreibwettbewerbs hier. Darüber war sie sehr glücklich. Aber sie konnte nicht einmal ihre Eltern anrufen, weil die kein Telefon und keinen Strom hatten.
Branka: Ich bin traurig über die Situation dort. Wenn ich könnte, würde ich etwas tun. Wir haben keine guten Organisationen. Man kann nur Geld schicken und ich glaube nicht, dass das ankommt.
Habt ihr Angst, es könnte zu einem neuen Kosovo-Krieg kommen?
Anna: Ja, schon. Ich denke es wird Probleme mit Europa geben. Die wollen, dass wir den Kosovo abgeben, sonst dürfen wir nicht in die EU.
Theodor: Ich habe keine Angst davor. Vielleicht würde ein neuer Krieg die Sache klären, Menschenleben retten. Ein neuer Krieg könnte darüber entscheiden, ob der Kosovo zu Albanien oder Amerika gehört, oder wohin auch immer.
Wie steht ihr zu der aktuellen Regierung Serbiens?
Anna: Ich weiß nicht genug über Politik, um mir wirklich eine Meinung bilden zu können. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wählen gehe.
Theodor: Gar nicht. Ich mag sie nicht.
Branka: Ich glaube, sie ist schlecht und furchtbar. Die
Leute nennen den Präsidenten Boris Tadic’ auch ‚George Clooney‘ – er sieht gut aus, sonst nichts.
Habt ihr das Gefühl, dass die Politiker eure Interessen vertreten?
Anna: Nicht wirklich. Letztes Jahr haben sie das Schulsystem geändert und uns sehr viele Freiheiten eingeräumt, aber niemand ist zu Schule gegangen. Jetzt haben wir wieder das alte System und das ist auch nicht gut.
Branka: Nein, sie vertreten die Interessen anderer Leute. Die von Amerika vielleicht.
Wenn es nach euch ginge: Wie würdet ihr den Kosovo-Konflikt lösen?
Anna: Das ist schwierig. Ich weiß, dass es dort wenige Serben gibt. (Anmerkung der Redaktion: Mit der jugoslawischen Armee verließen auch viele Serben ihre Heimat. Auf rund 100.000 ist die Zahl der Serben im Kosovo inzwischen geschrumpft, auf nicht einmal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.) Ich versteh auch die Albaner, die ihren Platz und die Unabhängigkeit des Kosovo wollen, aber ich denke, dass der Kosovo doch zu Serbien gehört. Die Vojvodina, eine autonome Provinz Serbiens, wäre zum Beispiel auch gern unabhängig. Aber dann wäre Serbien nur noch ganz klein und kaum etwas wäre übrig.
Theodor: Ich würde den Kosovo abgeben, die Serben aus dem Kosovo in Serbien integrieren und die ganze Sache dann vergessen. Keine weitere Gewalt!
Branka: Ich denke, das Problem kann man nur mit Krieg lösen. Es gibt keinen anderen Weg, alle reden immer nur und nichts passiert. Ich würde den Kosovo zurück nach Serbien bringen. Die Albaner müssten zurück in ihr Land gehen.
„Die da oben, die machen eh, was sie wollen“ ist die gängigste Meinung unter den Menschen in Serbien über Politiker. Über Politik wird nicht gerne geredet. Die Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, waren gelassen bis gleichgültig, fanden harte Worte für die Situation. Ein Gefühl wurde ich allerdings nicht los: Wenn von den „Menschen im Kosovo“ die Rede ist, meinten die drei Serben nur ihre Landsleute, nicht die Kosovo-Albaner oder andere ethnische Minderheiten.


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