
Im Zentrum Quitos, der Hauptstadt Ecuadors, erhebt sich der Hügel „El Panecillo“. Auf diesem thront eine gigantische Madonna-Statue, die über die Altstadt und den Norden Quitos wacht. Dem Süden der Stadt dreht sie ihren Rücken zu.
Der Süden Quitos ist wahrlich nicht gesegnet – dort lebt die ärmere Bevölkerung, die trotzdem oder gerade deswegen hart arbeiten muss. Ich solle diesen Stadtteil meiden, sagte man mir bei meiner Ankunft in Quito. Seit neun Monaten unterstütze ich als „kulturweit“-Freiwillige den Deutschunterricht am Liceo Ferndandez Madrid, einer öffentlichen Schule.
Quito zwischen Arm und Reich
Immer viel los: San Roque. Foto: Anna Weigelt
An der Grenze zum Süden befindet sich der größte Markt der Stadt, „San Roque“. Dort herrschen schlimme hygienische Bedingungen: Die Kinder der Verkäufer spielen im Staub und die Sicherheitsleute laufen mit Macheten zwischen den Ständen umher.
Ganz anders sieht es im Norden aus. Dort gibt es viele gläserne Einkaufszentren, deren Schaufenster unter anderem mit Macs und Markenklamotten gefüllt sind. Bewohnt werden metallisch schimmernde Wolkenkratzer, umringt von angesagten Cafés und Clubs.
Doch wieso gibt es solch eine Ko-Existenz zweier völlig unterschiedlicher sozialer Klassen in ein und derselben Stadt? Natürlich gibt es auch in deutschen Städten deutliche soziale Unterschiede zwischen den Wohnvierteln. Stadtbilder entwickeln sich jedoch beständig und dynamisch. Die Wohnsituation in Quito scheint sich hingegen kaum zu verändern. Denn obwohl das BIP des Landes jährlich um 7,8 % steigt, bleibt die Armutsquote beständig bei 45 %.
Wurzeln des sozialen Ungleichgewichts
Die sozialen Ungleichheiten gehen bis auf die Zeit der Kolonisation zurück. Indigene Völker wurden samt ihren Kulturen und Religionen unterdrückt. Auf jedem Tempel erbauten die Eroberer symbolisch eine katholische Kirche und auch das Praktizieren der verschiedenen Eingeborenensprachen war verboten. Spanisch wurde als Amtssprache eingeführt. Die Spanier bildeten somit die oberste gesellschaftliche Schicht, der sich das indigene Volk unterzuordnen hatte.
Im heutigen Ecuador gibt es drei soziale Klassen: die Nachkommen der Spanier, die immer noch die oberste soziale Schicht bilden, die Mestizen, Nachkommen von Spaniern und Indigenen und die indigene Bevölkerung an sich.
Die Letzteren trifft das soziale Ungleichgewicht am stärksten, was unter anderem am ecuadorianischen Bildungssystem liegt. Immer noch gibt es hier viele öffentliche und private Schulen, die sich voneinander enorm unterscheiden. Private Schulen sind meist sehr gut ausgestattet, die Lehrer gut ausgebildet – ganz im Gegensatz zu den staatlichen Schulen.
„Objektiv gesehen haben wir alle die gleichen Chancen, da das Abitur überall dasselbe ist. Jedoch werden die Schüler jeweils abhängig von ihrer Schule unterschiedlich auf die Prüfungen vorbereitet – so bekommen meist die Schüler der Privatschulen die begrenzten Studienplätze der Unis“, meint ein Schüler des Liceo Fernandez Madrid. Er erzählt auch, dass viele Familien sich die Bildung ihrer Kinder selbst an gebührenfreien Schulen wegen der Kosten für Bücher und Uniformen nicht leisten können.
Das Potenzial des Bildungssystems
Anna diskutiert mit Schüler in Quito. Foto: Anna Weigelt
Die Hälfte der Indigenen sind Analphabeten und ihre Kinder besuchen im Schnitt nur zwei Jahre lang die Schule. Rund 40 % der Kinder im Land müssen ihre Eltern beim Arbeiten unterstützen und werden deswegen nicht zur Schule geschickt. Außerdem wird an fast allen Schulen nur auf Spanisch unterrichtet, obwohl viele Ureinwohner ihren Kindern nur die indigene Sprache „Quichua“ beibringen. Auf Grund dieses Bildungsdefizites entsteht ein unterschwelliger Rassismus gegen die indigene Bevölkerung, da diese als „ungebildet“ angesehen wird.
Um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern, muss das Bildungssystem verändert werden. Dabei gab es schon einige Fortschritte. Das Programm „DINEIB“ (Nationales Department für interkulturelle zweisprachige Erziehung) kämpft für ein Bildungssystem, das die indigene Kultur mit der Mestizenkultur vereint. Dafür wurde 1981 als erster Schritt das „Quichua“ schriftsprachlich vereinheitlicht, woraufhin auch eine Vielzahl von Alphabetisierungsprojekten für Jugendliche und Erwachsene folgte.
Was die Zukunft bringen muss
Vor allem der Staat muss die Situation verbessern, indem er zum Beispiel in die Weiterbildung von Lehrern investiert. Staatliche Schulen sollten das gleiche Niveau haben wie private, sodass Eltern aller Schichten ihre Kinder auf die gleiche Schule schicken. Nur so kann eine Annäherung zweier sich komplett fremder Welten ermöglicht werden.
Auch wir Freiwilligen helfen, indem wir die ecuadorianischen Lehrer unterstützen, ihnen von unseren schulischen Erfahrungen und dem deutschen Bildungssystem erzählen oder auch einfach mit ihnen in einer Fremdsprache reden. Das hilft beim Vertiefen von Sprachkenntnissen und erspart den Lehrern vielleicht sogar teure Weiterbildungen und Sprachkurse. Auch ein interkultureller Austausch entsteht, der zeigt, dass soziale Klassen aufgelöst werden können. Ich unternehme sehr gern was mit meinen Schülern und beantworte deren Fragen zu meinem Leben in Deutschland. Und sie zeigen mir ihr zu Hause im Süden, das mir auf diese Weise weniger gefährlich und umso lebendiger vorkommt. Das erzähle ich so auch meinen im Norden lebenden Freunden, die sich nun immer mehr für den Süden interessieren.
Es fällt leicht, Quitos Stadtteile in eine Schublade zu stecken und bestimmte Orte zu meiden, von denen man denkt, sie seien schmutzig und gefährlich. Doch es lohnt sich, die vermeintlichen Grenzen aufzubrechen, um sich von der Schönheit der ganzen Stadt verführen zu lassen.

