Wer einmal in die rechte Szene abgerutscht ist, hat es schwer, in ein Leben jenseits des Extremismus zurückzukehren. Bernd Wagner gründete im Jahr 2000 die Initiative EXIT, die Menschen beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene unterstützt. Mit Schekker-Autorin Annegret sprach er über die Probleme rechtsradikaler und islamistischer Aussteiger und darüber, was alle Arten von Extremismus gemeinsam haben.
Schekker.de: Herr Wagner, was fasziniert Ihrer Meinung nach vor allen Dingen junge Menschen an rechtsradikalen Gruppierungen?
Bernd Wagner: Ganz wichtig für junge Menschen ist es, dass sie innerhalb einer solchen Gruppe Kritik üben können. An der Gesellschaft und an Umständen, unter denen sie leben. Außerdem spricht sie an, dass gerade in der rechtsradikalen Szene eine Vision entworfen wird, wie eine bessere Gesellschaft auszusehen habe, es wird so etwas wie eine Gerechtigkeitsformel angeboten. Und ein drittes Element ist die eingebildete Kameradschaft, die zelebriert wird. Diese drei Elemente – freie Kritik, Visionen und Kameradschaft – spielen ineinander und führen zu der Illusion, dass Rechtsradikalismus die richtige Entscheidung sei. Und zwar nicht nur im politischen Sinne, sondern auch als Lebensweg.
Angenommen, eine Person hat jahrelang rechte Ideen in ihren Gedanken verwurzelt. Wie kann man so jemanden dazu bewegen, umzudenken?
Es gibt einen sogenannten „Zyklus der Radikalisierung“. Wenn die Leute anfangs in die neue Weltanschauung und die Szene hineinrutschen, erleben sie das euphorische Gefühl, im Besitz der unabänderlichen Wahrheit zu sein. Auch das Gruppenleben fühlt sich toll an und die Radikalisierung steigert sich langsam bis zum ideologischen Fanatismus hoch. Dann erst flaut die Euphorie ab. Das Gefühl ist einfach nicht mehr zu steigern und die Betroffenen fühlen sich, als würden sie in einer Sackgasse sitzen. Man merkt, dass diese Weltanschauung nicht richtig funktioniert. Depressionen können einsetzen, die ganze begeisterte Bewegung stockt und nichts funktioniert mehr. Die Betroffenen stellen fest, dass es auch in der eigenen Szene Lügen, Intrigen und Verrat gibt.
Und dann ist EXIT am Zug?
Wenn wir in so einer Situation mit einem Denkanstoß präsent sind, gibt das potentiellen Aussteigern die Möglichkeit zu realisieren, dass es einen Ausweg gibt. Sich klar zu werden: „Das muss nicht so sein. Es ist kein Naturgesetz, das ich in dieser Nummer drin bin, sondern es gibt auch eine Möglichkeit, mein Leben zu überdenken, neu anzufassen.“ In so eine Situation hineinzustoßen ist wichtig. Das kann man zwar von außen nicht immer genau sehen, aber man kann natürlich auch „ins Blaue?“ arbeiten. Irgendwas bleibt immer hängen.
Wie nehmen die Betroffenen denn Kontakt mit EXIT auf?
Betroffene können sich bei uns telefonisch, per Mail, SMS, Fax oder per Brief melden. Über die Jahre hat sich herauskristallisiert, dass inzwischen die E-Mail das beliebteste Mittel der Kontaktaufnahme ist, gefolgt von Telefongesprächen. Am Telefon haben die Anrufer meistens erst einmal mich an der Strippe. Und dann wird sortiert: Was genau ist die Situation, wer ist da am anderen Ende der Leitung? Zusammen mit dem Betreffenden wird überlegt, wie wir am besten helfen können.
Mit wie vielen potentiellen Aussteigern hatten Sie zu tun?
Innerhalb der letzten fast zwölf Jahre haben wir so über 440 Personen unterstützt. Lediglich neun Personen, mit denen wir gearbeitet haben, haben den Absprung aus der rechtsradikalen Szene nicht geschafft. Das ist eine Quote von zwei Prozent Ausfall, die üblichen Rückfallquoten bei Straftätern liegen weit höher. Das liegt daran, dass wir beste Voraussetzungen haben: Die Leute, die uns ansprechen, haben eine feste Absicht. Die kommen nicht zu uns, um zu zweifeln, sondern um ihr Leben zu ändern.
Mit welchen Problemen haben potentielle Aussteiger aus der rechten Szene konkret zu kämpfen?
Sobald die Ausstiegsabsicht einmal bekannt geworden ist, wenden sich Freunde und sogenannte „Kameradinnen und Kameraden“ meist ab. Da gibt es nicht nur Schimpfworte, von körperlichen Angriffen bis zur Tötung ist alles möglich. Die Betroffenen werden in allen Lebensbereichen gemobbt, es wird übel nachgeredet und in jeder Beziehung Schlechtigkeit organisiert. Es ist die Pflicht der Szenewelt, in solchen Fällen eine Bestrafung vorzunehmen.
Mittlerweile gibt es auch ein Aussteigerprogramm namens Hatif, das sich an Islamisten richtet und vom deutschen Verfassungsschutz betrieben wird. Haben Islamisten mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen als rechtsradikale Aussteiger?
Die Probleme ähneln sich, doch Islamisten haben noch eine zusätzliche Belastung: Trotz ihres Ausstiegs brauchen sie trotzdem noch die Religion als ihr Lebensfeld. Im Bereich Rechtsradikalismus ist das kaum ein Thema, denn der Glaube an germanische Götter hält sich außerhalb der rechten Szene meist nicht lange. Aber je fanatischer die Leute sind, desto ähnlicher werden sie sich eigentlich. Und im Endeffekt geht es darum, wie man die Welt interpretiert. Auch Rechtsradikale unterliegen ja gewissermaßen einer „politischen Religion“.
Ist es ihrer Meinung nach überhaupt sinnvoll, ein „Aussteigerprogramm“ für Mitglieder einer Religionsgemeinschaft ins Leben zu rufen?
Doch, das ergibt schon Sinn. Es gibt Betroffene, die mit Leuten zu tun haben, die militanten politischen Islamismus predigen, und die von diesem Umfeld Abstand nehmen wollen, weil sie sich sagen: „Terror kann nicht der Weg sein!“ Dann ist es sehr nützlich, wenn es jemanden gibt, an den sie sich wenden können, der ihnen dort heraus hilft. Trotz alledem werden Aussteiger aus einer fanatisch islamistisch geprägten Szene auch weiterhin mit dem Islam zu tun haben. Es gibt meines Wissens weltweit nur wenige, die aus islamistisch militanten Gruppen ausgetreten sind und dann dem Islam als Religion auch abgeschworen haben.
Ist jede Form des Extremismus gleich gefährlich, egal in welche Richtung?
Ich nehme jede Form des Extremismus ernst. Kombinationen aus fanatischer Ideologie und Gewalt sind immer gefährlich, qualitativ gibt es da keine Unterschiede. Jede Form hat das Potenzial, Menschenrechte mit Füßen zu treten, Leute zu töten und zu verletzen. Die Ausrichtung des Extremismus ist dabei egal. Auch fanatische Linksextremisten, das hat man bei der RAF gesehen, können zur Tötung bereit sein. Das Entscheidende und Gefährliche in Sachen Extremismus ist immer die Absage an die Menschenrechte und das Lebensrecht politisch Andersdenkender.
Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gab es in Deutschland Debatten um sogenannte „No-Go-Areas“ für ausländisch aussehende Besucher und Mitbürger. Wie hoch schätzen Sie persönlich die Gefahren von Extremismus in Deutschland ein?
Ich halte die Gefahr, die vom Extremismus in Deutschland ausgeht, für recht hoch. Nehmen wir mal nur den Rechtsextremismus, der ist in unserem Leben allgegenwärtig! Jeder Mensch hat irgendwann damit zu tun – die Einen mehr, die Anderen weniger. Insofern nehme ich das für Deutschland, aber auch für Europa und für alle anderen Demokratien als sehr ernste Bedrohung wahr.



der Rubrik Interview



Neuen Kommentar schreiben