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Ist die DDR schon Geschichte?
20 Jahre nach dem Fall der Mauer wird die DDR historisch in die Schubladen geordnet. Dabei ist sie für viele Menschen Teil ihrer Identität, ihres Lebens, ihrer Persönlichkeit – und damit längst noch nicht Geschichte.
So viel Feierlichkeit – dabei ist noch gar nicht Weihnachten. Trist und grau wie jedes Jahr schniefen wir durch den November, ein wenig vorsichtiger als sonst, damit uns nicht das H1N1-Virus erwischt. Die Stimmung jedoch bahnt dem Herbst zum Trotz überall andächtig den Weg zum 9. November, dem Jubiläum des Mauerfalls.
20 Jahre Friedliche Revolution – seit Anfang des Jahres ist dieses Datum Anlass für zahlreiche Feierstunden, Gesprächskreise, Ausstellungen, Projekte, Kunstwerke.
Zwei Herzen
Wenn auch dieser Tage gefeiert wird, so bleibt doch die Einheit eine innerdeutsche Baustelle, die allen Menschen, egal, ob in den alten oder in den mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Bundesländern.
Ohne Frage: Die Demokratie im vereinten Deutschland ist nicht nur die beste aller denkbaren Alternativen. Ich bin vom bundesdeutschen Rechtsstaat zutiefst überzeugt und schätze das Wertesystem, die Grundrechte und die Freiheit – gerade, weil ich weiß, dass es auch anders sein kann. Und dennoch schlagen zwei Herzen in meiner Brust, weil das, worüber heute schon abstrakt und anonym gesprochen wird, der Staat ist, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Ich habe eine Beziehung zur DDR, wenn auch eine Ex-Beziehung. Und die ist schwierig, wie eben Verflossene so sind.
Ganz normale Kindheit?
Ich weiß noch, was ein West-Paket ist, wie groß die Spannung war, kurz bevor es aufgemacht wurde. Wie der Kaffee duftete und wie unendlich langsam und vorsichtig ich vom Kinderschokolade-Riegel abbiss, so, als sei es die herrlichste Kostbarkeit, die ich je zu essen bekommen würde. Ich weiß noch, dass mein Vater als Klempner auch nach der Arbeit noch bei vielen Menschen tropfende Wasserhähne reparierte und ich dafür seltene Bücher oder sogar weiße Schlittschuhe bekam. Ich weiß noch, wie es war, den Pionierknoten endlich allein binden zu können, das frisch gestärkte weiße Hemd anzuziehen und auf diese Weise uniformiert an jeder Wohnungstür in der Nachbarschaft zu klingeln, um nach Altpapier, Gläsern und Flaschen zu fragen. Ich weiß noch, wie es war, wenn ich nachts aus dem Schlaf gerissen wurde, weil die Panzer zur Übung fuhren, um unser sozialistisches Vaterland gegen seine Feinde verteidigen zu können. Ich weiß noch, dass ich mich als Schlüsselkind immer an die Verabredungen mit meinen Eltern halten musste, weil es kein Telefon gab und beide von morgens bis abends arbeiteten. Meine Kindheit hielt ich für die normalste Kindheit der Welt, ahnungslos, dass viele Gegebenheiten dem System geschuldet waren.
Blödes Gefühl
Seltsam bleibt es, wenn nun über die DDR geredet wird als etwas, das 20 Jahre nach seinem Ende bereits Geschichte ist. Denn das ist die DDR für mich nicht, sie ist Teil meiner Biografie, meiner Identität, meiner Persönlichkeit. Sie hat mich geprägt, in vielerlei Hinsicht. Ich kann sie nicht zu den Akten legen, systematisieren, abhaken. Wie soll ich das auch bewerkstelligen, wenn ich heute weiß, dass dieses Land, das meine Heimat war, in der ich glücklich gelebt habe, andere Menschen zu Lügnern und Verrätern gemacht hat, Menschen einsperrte, bedrohte, ihren Tod in Kauf nahm oder herbeiführte? Das ist ein ziemlich blödes Gefühl.
Ich kann es nur loswerden, wenn ich nicht Bestandteil eines Pauschalurteils bin, sondern meine individuelle Geschichte erzählen kann.
Jana Kellermann, geboren in Rostock, lebt jetzt in Berlin













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