Wolfgang Donsbach, 59, ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der TU Dresden. Schekker-Autorin Claudia hat mit ihm über die größte und bekannteste Zeitung Deutschlands gesprochen.
Die Bild und....
das Mädchen von Seite 1
Wolfgang Donsbach: In der Bild wird viel mit Erotik gearbeitet, und dieses Mädchen ist sozusagen der Appetizer. Da es meist sehr ästhetische Bilder sind, verletzen sie auch keine Gefühle und sind nicht ethisch verwerflich. Andererseits werden sie auch abgelehnt, weil sie die Frau auf ein Objekt der Begierde reduzieren.
ihre Auflage
Wolfgang Donsbach: Die Printmedien verlieren Leser, auch die Bild. In den großen Städten wegen der Konkurrenz durch kostenlose Zeitungen, wie sie auch in Skandinavien weit verbreitet sind. Allgemein reagieren die Menschen in diesem Bereich schnell auf wirtschaftliche Einschränkungen. Zum anderen interessieren sich vor allem junge Menschen immer weniger für öffentliche Angelegenheiten. Außerdem gehen immer mehr regionale Tageszeitungen verstärkt in Richtung der Boulevardpresse. Dadurch deckt die Bild dieses Gebiet des Journalismus nicht mehr allein ab. Bei Zeitungen, die auch im Abonnement vertrieben werden, ist der Absatz natürlich auch konstanter.
ihr Preis
Wolfgang Donsbach: Ich denke, dass die meisten Käufer auch nicht mehr bezahlen würden; das wäre die Bild ihnen nicht wert. Oft hängt es ja von der Titelseite ab, ob sich jemand die Bild auf dem Weg zur Arbeit kauft.
ihre Leser
Wolfgang Donsbach: Da ein Großteil der Leser berufstätig ist, wird die Bild oft in der Mittagspause von mehreren Menschen gelesen und sorgt somit für Gesprächsstoff. Bei einer Auflage von etwas über 3 Millionen erreicht sie fast 12 Millionen Menschen. Das sind knapp vier Leser pro Ausgabe, im Vergleich zu anderen Zeitungen sehr viel.
der Sport
Wolfgang Donsbach: Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Deutschland keine Tageszeitung, die sich nur mit Sport beschäftigt. Da hat die Bild eine Lücke entdeckt. Mit der Dauerkolumne von Franz Beckenbauer und Exklusivinfos stellt sie schon eine Macht im Sport dar.
der Bild-Blog
Wolfgang Donsbach: Diese Art der Kritik schadet der Bild nicht. Schon deshalb, weil die Bildleser den Blog nicht lesen. Diese Kritik ist politisch motiviert und es prüft ja auch niemand nach, ob deren Beweisführung stichhaltig ist.
ihr Stil
Wolfgang Donsbach: Die Bild ist die am professionellsten und aufwändigsten gemachte Zeitung. Sie muss sich selten korrigieren, lässt auch oft Juristen die Texte lesen. Ich habe selbst mal den Chefredakteur einen Tag lang begleitet. Nur wenige können so prägnant schreiben, das erfordert viel Übung.
Allerdings werden manche Themen mehr vereinfacht, als ihnen zuträglich ist. Diese Technik nutzen aber auch andere, wenn zum Beispiel die Linke auf ihren Wahlplakaten fordert: „Reiche zur Kasse“.
die Leserreporter
Wolfgang Donsbach: Durch die Leserreporter werden Themen erschlossen, die den Redakteuren in Hamburg wahrscheinlich gar nicht bewusst sind. Damit können die Leser aus allen Schichten ihre Wirklichkeit vor Ort zeigen.
die Politiker
Wolfgang Donsbach: Wenn Politiker schnell ein Thema setzen oder den Gegner anschwärzen wollen, dann gehen sie zur Bild. In der Bild sind sie damit erfolgreicher als in der Tagesschau. Der Verlagsgründer Axel Springer galt als konservativ, weil die Zeitung damals Emotionen gegen die Studentenproteste geschürt hat.
ihr Image
Wolfgang Donsbach: Nichtleser finden, dass die Bild gegen den guten Geschmack verstößt, oder sie ist ihnen zu wenig intellektuell. Manchen Menschen ist es peinlich, mit der Bild gesehen und identifiziert zu werden. Ich vermute, die meisten Leser wissen, dass manches übertrieben ist. Aber es stört sie nicht, sie kaufen die Bild ja nicht wegen der Politik.
ihr Layout
Wolfgang Donsbach: Die Bild zeichnet sich durch eine gute Lesbarkeit aus. Die Artikel sind leicht konsumierbar, unterhaltsam, mit guten Bildern und Details untersetzt. Oft auch populistisch, und das stört viele. Durch die Vereinfachung verstellt sie manchmal auch den Blick auf die wirklichen Probleme.
ihr Anspruch
Wolfgang Donsbach: Die Bild hat die meisten Rügen des Deutschen Presserates erhalten. Das lässt aber keinen Rückschluss auf die Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht zu. Das Traunsteiner Abendblatt kann die gleichen Fehler machen, aber es wird einfach weniger genau beobachtet.
Die Bild erfüllt die Ansprüche ihrer Leser: Sie deckt Missstände auf, macht sich zum Anwalt des kleinen Mannes. Sie befasst sich mit den „heißen Eisen“, und das täglich. Weil sie damit so viele Menschen erreicht, hat sie auch Einfluss, die Verantwortlichen handeln.
die Jugend
Wolfgang Donsbach: Von ihrer Aufmachung her ist die Bild näher am Internet dran als Qualitätszeitungen wie die FAZ. Diese Ähnlichkeiten in der Struktur macht sie vielleicht attraktiver für Jugendliche, wenn sie denn mal zum Gedruckten greifen.
ihre Zukunft
Wolfgang Donsbach: Wie gesagt, auch die Bild wird Leser verlieren. Und die Verknüpfung der Redaktionen mehrerer Medien wird zunehmen. Im Axel-Springer-Verlag sind das zum Beispiel die Bild, die Welt und ihre Onlineauftritte.
Faktenbox:
- Die erste Bild erschien 1952 mit vier Seiten und war eine Bilder-Zeitung.
- 2008 gingen 1300 Bewerbungen als Mädchen für die Seite 1 ein.
- Ihr wollt eine Anzeige in der Bild schalten? Eine ganze Seite kostet 361813 Euro.
- Fast 3,2 Millionen Bild-Zeitungen werden pro Tag verkauft, eine Ausgabe wird von mehr als drei Menschen gelesen.
- Etwa zwei Drittel der Bild-Leser sind Männer und in Ausbildung oder berufstätig.
- Einer von zwanzig Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren liest die Bild. Unter den 20 bis 29-Jährigen ist es einer von sieben.
- Studiert? Dann ist die Bild nix für euch. Nur vier Prozent der Leser haben ein abgeschlossenes Studium.




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