Neun Tage über Alkohol: Von 13. bis 21. Juni findet die Aktionswoche „Alkohol? Kenn dein Limit.“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) statt. Schekker sprach mit BzgA-Mitarbeiterin Evelin Strüber.
Schekker: Haben Sie selbst schon mal schlechte Erfahrungen mit Alkohol gemacht?
Evelin Strüber: Ja, auch ich habe zwei, drei Mal zu viel getrunken. Allerdings waren die Erfahrungen so unangenehm, dass ich schnell meine Lehren daraus gezogen habe. Das Gefühl kurz vor dem Erbrechen zu sein und die Kontrolle über mein Handeln zu verlieren, hat mir gar nicht gefallen.
Schekker: Was ist Ihre Aufgabe bei der BZgA?
Evelin Strüber: Ich arbeite im Referat „Prävention des Substanzmissbrauchs und Suchtprävention“ als Referentin.Außerdem bin ich verantwortlich für die Alkoholjugendkampagne „NA TOLL“ und das Suchtpräventionsprojekt zu illegalen Drogen und Alkohol für junge Erwachsene www.drugcom.de
Schekker: Bei der „NA TOLL“-Kampagne wird vor allem auf die persönliche Ansprache von Jugendlichen gesetzt. Das übernehmen meistens Peers, speziell geschulte Jugendliche, die dort im Einsatz sind, wo viele ihrer Altersgenossen aufeinander treffen: auf Konzerten, Sportveranstaltungen oder auch an Seen und Stränden. Wie ist die Kampagne entstanden?
Evelin Strüber: Gestartet haben wir schon 1997 in den Niederlanden, mit der Sommerkampagne „Alkohol macht mehr kaputt, als du denkst“. Das lief so gut, dass wir 2001 an anderen europäischen Stränden mit Peer-Einsätzen getestet haben, wie offen Jugendliche für das Thema sind. Seit 2002 sind wir unter dem Motto „Bist du stärker als Alkohol?“ in Deutschland aktiv. Man kann unsere Flyer zum Beispiel oft in Jugendherbergen finden, und im Sommer touren wir dann von Festival zu Festival.
Schekker: „Bist du stärker als Alkohol?“ wurde 2005 in „Na toll!“ umbenannt. Wieso?
Evelin Strüber: Unsere Kampagnenfotos, die wir in vielen Jugendzeitschriften abdrucken lassen, zeigen den Jugendlichen, wie peinlich und unattraktiv es werden kann, wenn zu viel Alkohol im Spiel ist. Auf unseren Fotos ist außerdem immer ein Schild mit der Aufschrift: „Na toll!“ zu sehen. Wir fanden, dass das die Zielaussage der Bilder sehr gut trifft. Ich würde sagen, es gibt zwei zentrale Aspekte, die Jugendliche anstreben: Coolness und Attraktivität. Genau da greifen die ungeschönten Kampagnenmotive an. Wir wollen, dass die Jugendlichen erkennen: Mit Alkohol findet die Party und das Leben ohne dich statt!
Schekker: Wie sind die Reaktionen der Jugendlichen?
Evelin Strüber: Letztens kam ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge zu mir. Er erzählte, dass er das „Na toll“-Logo auf meinem Namensschild aus der Bravo kenne. Das hat mich sehr gefreut und gezeigt, dass unsere Kampagnenbilder wirklich wahrgenommen werden. Es ist schön zu sehen, dass sich Jugendliche auf unsere Aktion einlassen.

Die Kampagne "NA TOLL". Grafik: BzgA.
Schekker: Reagieren viele so offen auf die Kampagne?
Evelin Strüber: Unser Vorteil ist, dass wir außerhalb der Schule agieren, anders als die üblichen Präventionsprojekte, die meist hinter Schulmauern stattfinden und eher als Flucht vor dem Matheunterricht genutzt werden. Dadurch sind die Jugendlichen gleich viel offener und interessierter. Wir versuchen, uns in ihre Lage zu versetzen und sie auf Augenhöhe anzusprechen. Unsere aktiven Mitarbeiter sind auch alle zwischen 18 und 27 Jahren alt. Wir nennen unser Prinzip die „Geh-Struktur“, wir suchen die Jugendlichen gezielt auf und versuchen immer direkten Kontakt herstellen.
Schekker: Dafür sind die Peers wichtig. Wie kann ich denn „Peer“ werden?
Evelin Strüber: Meist schicken die Jugendlichen, die Lust haben, bei uns aktiv zu werden, eine Mail. Die Mails werden dann gesammelt und am Anfang des Jahres finden Bewerbungsgespräche statt. Wir erwarten Herzblut und Engagement von unseren Peers, dafür bieten wir aber auch eine Menge Erfahrung. Momentan haben wir schon 19 Peers. Für dieses Jahr ist deshalb keine Anmeldung mehr möglich.
Schekker: Welche Idee steht hinter der Aktionswoche „Alkohol? Kenn dein Limit“?
Evelin Strüber: Die Aktionswoche Alkohol 2009 ist eine bundesweite Aktion. Initiatoren sind unter anderem das Bundesministerium für Gesundheit.
In Deutschland wird zu viel und zu regelmäßig getrunken, der Konsum soll thematisiert werden. Unter dem Motto „Alkohol? Kenn dein Limit.“ regen zahlreiche Veranstaltungen während der Aktionswoche zu einer verantwortungsbewussten und gesunden Lebensweise an.
Das Besondere an der Aktionswoche ist, dass sich zahlreiche gesellschaftliche Akteure beteiligen. Zum Beispiel diskutieren Jugendliche und Schüler in Rathäusern, Suchtberaterinnen besuchen Arztpraxen, Selbsthilfegruppen informieren und Sportvereine sensibilisieren für das Thema Alkoholprävention, um nur einige Möglichkeiten zu nennen.
Schekker: Auf der Internetseite der Aktion können Sportvereine, Kirchen und Restaurants ihre Veranstaltungen anmelden. Wer ist denn schon dabei?
Evelin Strüber: Bis jetzt haben wir 2000 angemeldete Veranstaltungen, davon sind etwa 800 Sportvereine, die ein alkoholfreies Sportwochenende veranstalten.
Schekker: Wie hat sich das Trinkverhalten von Jugendlichen in den letzten Jahren geändert?
Evelin Strüber: Alkohol ist nach wie vor die am weitesten verbreitete psychoaktive Substanz. Seit 1970 ist das Einstiegsalter für regelmäßigen Alkoholkonsum von 15 auf 12 Jahre gesunken. Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen war allerdings von 2004 bis 2008 rückläufig und zwar sowohl bei den männlichen als auch den weiblichen Jugendlichen. Waren es 2004 bei den 12 bis 17-Jährigen noch 21,2 Prozent, die regelmäßig Alkohol konsumierten, waren es 2008 nur noch 17,4 Prozent.
Allerdings blieb der Anteil Jugendlicher, die Binge Drinking, also Rauschtrinken praktizieren von 2004 bis 2008 nahezu konstant. Aber jeder fünfte Jugendliche praktizierte in den letzten 30 Tagen Binge Drinking. Solche riskanten Konsumformen werden häufiger von Jungs als von Mädchen praktiziert.
Schekker: Wie viele Jugendliche wurden 2008 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert?

Aufhören, bevor es zu spät ist. Foto: Keystone
Evelin Strüber: 23 165 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt. Die Entwicklung bei den 10 bis 15-Jährigen ist besonders erschreckend. Obwohl diese Gruppe nach dem Jugendschutzgesetz keinen Alkohol kaufen darf, sind hier die Alkoholvergiftungen um 15 Prozent angestiegen, von 3298 auf 3779.
Schekker: Wie viel Prozent der Jugendlichen lehnen Alkohol ab?
Evelin Strüber: Fast alle Jugendlichen machen Erfahrungen mit dem Alkoholtrinken. Nach einer Repräsentativbefragung der BZgA haben 2008 von den 12 bis 15-Jährigen 34,8 Prozent keinen Alkohol getrunken. Unter den 16 bis 17-Jährigen sind es nur noch 6,1 Prozent.
Schekker: Schätzen Jugendliche die Gefahren des Alkoholkonsums richtig ein? Was tut die BZgA um ihnen zu helfen?
Evelin Strüber: Es gibt sicherlich viele Jugendliche, die die Gefahren richtig einschätzen und entsprechend mit den Risiken umgehen. Das belegen ja auch die Zahlen der abstinenten Jugendlichen. Aber denen, die die Gefahren nicht richtig einschätzen, bieten wir Informationsbroschüren - auch für Multiplikatoren. Lehrer und Jugendzentrumsmitarbeiter können diese beispielsweise in ihrem Unterricht nutzen.
Direkt für Jugendliche bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Alkoholjugendkampagne „NA TOLL!“. Kernstück der Kampagne ist die Website mit vielen jugendaffin aufbereiteten Informationen, interaktiven Elementen und Wissenstests.
Schekker: In der Werbung wird Alkohol oft als Problemlöser und Flirtfaktor dargestellt. Brauchen wir klarere Warnungen vor den Folgen, wie bei Zigaretten?
Evelin Strüber: Gerade die Aktionswoche zeigt ja schon, wie viele Akteure tatkräftig die Aufklärungs- und Präventionsarbeit unterstützen. Und wie wichtig eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema risikoarmer Alkoholkonsum ist. Maßnahmen wie diese sind unerlässlich, um das Thema auch ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wir vermitteln mit unserer Kampagne, dass Alkohol gerade kein Flirtfaktor ist, dass Attraktivität und Coolness verloren gehen.
Schekker: 90 Prozent der Deutschen trinken Alkohol. Wird der Alkoholkonsum zu sehr als Normalität in der Gesellschaft angesehen?
Evelin Strüber: Ja, die Vorbildfunktion spielt eine entscheidende Rolle. Eltern und andere Erwachsene müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Kinder und Jugendliche haben in der Regel ein feines Gespür dafür, ob die Eltern die Botschaften auch selber leben.
Schekker: Wie kann man sicherstellen, dass Alkohol nicht an Minderjährige verkauft wird? Ohne Kontrolle nützen auch angedrohte hohe Geldstrafen nichts.
Evelin Strüber: Ja, auch für diesen Aspekt des Jugendschutzes sind öffentlichkeitswirksame Aktionen äußerst wichtig. Die Diskussionen in den letzten Monaten haben sicherlich schon jetzt dazu geführt, dass der Einzelhandel und die Öffentlichkeit sensibilisiert sind für dieses Thema. Es gibt mittlerweile doch weit mehr Geschäfte, die viel Wert auf die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes legen.
Text: Viviane Petrescu und Claudia Flach



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