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Viele Flaschen auf einem Tisch.
Wenn man nicht mehr aufhören kann...Foto: Frank Grätz.
Menschen | 2009 | Juni | Alkohol (Nr. 69)

Aus dem Leben eines Vaterlosen

Der Alkohol zerstörte nicht nur meinen Vater, sondern auch unsere kleine Familie. Kann ich meinem Vater je verzeihen? Eine Vergangenheitsbewältigung.
 

Er sitzt auf der Bettkante. Das tränenüberströmte Gesicht in den großen Händen versunken. Ein Schluchzen kann ich hören. Trotz des Moments der offensichtlichen Trauer habe ich Angst. Ich zittere am ganzen Körper. Ich werfe einen Blick ins Dunkel des Raumes und sehe die Gestalt. Draußen scheint die Sonne, fast stoisch kämpft sie sich durch die herunter gelassenen Jalousien. Wir sollen uns noch verabschieden, sagt meine Mutter. Meine vier Jahre ältere Schwester betritt den Raum zuerst. Sie nuschelt etwas und bleibt besorgt vor ihm stehen, ich mache es ihr nach. Da sitzt er: mein Vater. Dieser Gedächtnisschnipsel hat sich in meine Seele eingebrannt. Es war der Tag, an dem ich meinem Vater „Auf Wiedersehen“ sagte, ohne zu wissen, dass es kein Wiedersehen mehr geben würde.

Alkohol machte ihn kaputt


Keine Kontrolle mehr. Foto: Frank Grätz.

Mein Vater ist seit mehr als 10 Jahren tot. Für mich. Er ist nicht gestorben, nein, er lebt und das ist auch gut so. Doch ich habe seit meinem zwölften Lebensjahr kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Für mich ist er nur noch ein Name, eine Rolle, etwas Vergangenes, das er nie ausfüllen konnte. Bis heute kann ich sein Wesen und seine Fehler nicht verstehen. Er trank sehr viel. Durch den Alkohol sind Aggressionen und Wut entstanden, Arbeitslosigkeit war die Folge. Zu einer Zeit, in der die DDR all ihre Berechtigung verlor, verlor mein Vater scheinbar den Verstand. Der Alkohol war sein Allheilmittel, seine tägliche Droge, die er benötigte, um sein Leben erträglicher zu machen. Er projizierte seinen Selbsthass auf seine Familie, schlug mich und meine Schwester. Mehrmals. Wir lagen im Zimmer und wollten Mittagsschlaf machen. Wir lachten doch nur über Banalitäten, doch das war Grund genug, uns windelweich zu prügeln. Die Schläge gehörten zur Normalität wie das Abendessen. Keine Routine, aber Alltag.

Genommene Naivität

Den Anfang vom Ende kann ich heute nicht mehr ausmachen, dafür war ich damals noch zu jung. Ich weiß nicht, wie mein Vater wurde, was er damals war: ein Alkoholiker. Wie wird aus einem Menschen eine Bestie? Wie kann jemand jeden Tag soviel trinken, dass er die Kontrolle über sein Handeln verliert?
Er verlor seinen Job. Wollte das junge Familienglück nicht belasten und schwieg über seine Situation. Mehr als ein Jahr verheimlichte er die Arbeitslosigkeit. Ging morgens außer Haus, wartete bis unsere Mutter uns zur Schule brachte, und begann zu trinken. Er hatte Angst, Fehler zu gestehen. Heute weiß ich, dass tiefe Einschnitte im Leben immer zu meistern sind. Man braucht Hände, die einen auffangen und stützen können. Sicherlich waren diese Hände damals vorhanden, doch mein Vater nutzte sie nicht. Warum? Diese Frage stelle ich mir immer wieder: Warum suchte er nicht Trost und Hoffnung bei seiner Familie, seinen Kindern? Oft habe ich darüber nachgedacht, ob wir als Kinder damals vielleicht versagt haben. Möglicherweise waren wir auch sehr anstrengende, fordernde Kinder, die oft auch schwierig und quengelig sein konnten. Heute weiß ich, dass dieses Denken falsch ist. Jedes Kind darf anstrengend sein, jedes Kind darf Fragen stellen. Mein Vater nahm mir meine Naivität. Diese kindliche Unschuld, die die Welt als etwas Positives und Aufregendes erstrahlen lässt.

Passive Auseinandersetzung

Doch irgendwie habe ich auch von ihm gelernt. Anstatt mich mit meiner turbulenten Kindheit zu beschäftigen, suchte ich die Ablenkung. Weltflucht. Ich konzentrierte mich auf die Schule und erntete gute Noten. Ich begann Fußball zu spielen. Ich baute ein neues Netzwerk von Personen auf, denen ich vertrauen konnte. Durch diese Integration fiel mir das Leben wieder leichter und ich konnte mit dem Problem umgehen, keinen Vater zu haben. Außerdem war meine Mutter immer bei mir. Ihre Arme standen mir immer offen. Sie haben mich oft aufgefangen, aber auch mal fallen lassen, um mir den Ernst des Lebens zu verdeutlichen. Sie weckte auch meine Passion fürs Schreiben. Hierin fand ich eine Ausdrucksmöglichkeit für Gefühle und Kreativität.
Ich habe in den letzten Jahren verstanden, dass die unbedingte Suche nach einer Tätigkeit eine starke Hilfe war, die Geschehnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Ich redete nie wirklich ausführlich über die Vergangenheit, doch durch das Schreiben, durch die Aktivität im Verein und dem aufgenommenem Studium fand ich immer wieder Ventile, um mich mit der Situation auseinanderzusetzen. Doch wenn ich darüber sprach, hörte ich immer die gleichen Geschichten, die auch meinen Erinnerungen glichen. Das „Wie“ und das „Was“ kenne ich aus meinen gespeicherten Gedächtnisbildern oder aus Erzählungen. Doch das „Warum“ werde ich nur erfahren, wenn ich mich ihm stelle. Doch bin ich dafür schon bereit?

Vergeben ist so schwer


Zu viel Alkohol? Foto: Frank Grätz.

Vor wenigen Jahren redete ich mir noch ein, dass ich meinen Vater nie wieder sehen wolle. Ich sah nie die Notwendigkeit. Sollte ich zulassen, dass die Person, die meine Familie tyrannisiert hat, wieder in mein Leben tritt? Ich habe doch die vergangenen Jahre auch gut ohne ihn leben können. Doch hier stellt mich das Leben wieder mal auf eine harte Probe: Verzeihen zu können ist unglaublich schwer. Die meiste Zeit verdrängte ich den Gedanken an meinen Vater. Ich wusste, dass er ein neues Leben begonnen hatte. Er hatte mit dem Trinken aufgehört. Doch kann ich deswegen gleich verzeihen? Ich dachte immer, dass ich seine Seele von den Narben befreien würde, wenn ich ihm verzeihe. Doch das will ich nicht. Er wird sich ebenso wie ich weiterentwickelt haben. Doch selbst wenn ich ihm eines Tages wieder gegenüberstehe, weiß ich heute, dass seine Fehler niemals zu entschuldigen sind.
Ich hasse meinen Vater nicht. Nicht mehr. Dafür ist auch mein Leben nun zu weit fortgeschritten. Ich studiere, habe seit fünf Jahren eine fabelhafte Beziehung und habe noch große Ziele in meinem Leben. Er hat daran keinen Anteil – zumindest noch nicht. Ich weiß nicht, wann und ob es jemals geschehen wird. Doch vielleicht werde ich eines Tages die Stärke besitzen, um ihm in die Augen zu blicken und zu sagen: „Ich verzeihe dir, Papa.“

 

LINKS:

KIDS HOTLINE (http://www.kids-hotline.de)
Hier kann Kindern einerseits durch andere User, die gleiche Probleme haben, aber auch durch professionelle BeraterInnen geholfen werden
Spektrum: Nicht nur Familie, sondern auch Probleme bei Freunden, Liebe, Gewalt, Sucht etc.

BERATUNGSSTELLE FÜR ALKOHOLGESCHÄDIGTE KINDER (http://www.fasd-beratung.de)
Für Kinder, die bereits durch den Konsum von Alkohol (gerade) durch die Mutter geschädigt sind
Fetale Alkoholspektrum-Störungen sind eine der häufigsten Behinderungen bei Neugeborene.

KOALA – Kinder ohne den Einfluss von Alkohol und anderen Drogen e.V. (http://www.koala-online.de/index.php)
Dem Verein gehören Fachkräfte, wissenschaftliche Vertreter/-innen und viele Mitarbeiter/-innen aus der Kinderschutzpraxis und der Selbsthilfe an
Von Beratung über die aktuelle Situation bis konkretes Aufzeigen für Lösungswege aus scheinbar ausweglosen Situationen.

KIDKIT – Hilfe für Kinder und Jugendliche (http://www.kidkit.de/on/index.html)
Homepage mit Kontaktforum für betroffene Kinder und Jugendliche.

Alateen - (http://www.al-anon.de/subdomains/alateen/www/)
Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern.
 
Autor:
Sebastian Weiß ist 22 Jahre und Student der Politikwissenschaft

Wahnsinn

Lieber Sebastian, ich finde es unglaublich stark wie du mit deiner Vergangenheit umgehst. Die Offenheit und die Weisheit, wie du mit deinen Geschehnissen umgehst, fasziniert mich. Meine Kindheit war zwar nicht wirklich so schlimm, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war sich mit der eigenen Vergangenheit so zu beschäftigen. Danke an Schekker, dass du das schreiben durftest und danke an dich, für diese schön geschriebenen und nachdenklichen Zeilen, die mir einen Einblick in dein Leben gegeben habe.
Anonymer

Lieber Sebastian, Du könntest

Lieber Sebastian,

Du könntest Deinem Vater vermutlich eher und leichter verzeihen, wenn Du ihn verstehen könntest. Auf der einen Seite sei froh und Deinem Schicksal, aber auch Deiner Mutter...etc. dankbar, dass Du ihn nicht verstehst, da Dir seine Situation, sein entsetzliches Leiden an einer schweren seelisch-körperlichen Krankheit bisher erspart geblieben ist!

Alkohol-Sucht ist eine ernste, quälende Krankheit, welche manche Menschen befällt und sukzessive zerstören kann. Ich bin davon überzeugt, dass niemand, der davon betroffen ist, derartige Dämonen bewusst und freiwillig eingeladen hat, sein Leben und das seiner Lieben zugrunde zu richten...!

Dein Vater war (ist?) ein schwer kranker Mensch. Wenn es Dir gelingt, ihm in Liebe zu verzeihen, auch wenn Du ihn nicht verstehen kannst oder willst, tust Du Dir übrigens selbst einen grösseren Gefallen, als ihm! Reicht Dir das Schicksal nicht gewissermassen die Hand, charakterliche und menschliche Grösse zu entwickeln und den Schritt der bewussten Vergebung in Liebe und Achtung zu vollziehen?

Anstatt weiter zu trauern, zu (ver?)zweifeln und tief in der Seele zu leiden, stehe bitte auf und vergebe in Liebe! Eines Tages wirst Du verstehen, was ich meine und Dich selbst ganz bewusst in Eigenregie von den Schatten und Dämonen der Vergangenheit befreien können...

Dass dies insbesondere beim Vater-Introjekt/Imago nur in Liebe und Achtung erfolgen kann, mag zunächst paradox bis widersinnig anmuten, ist aber wahr (weise) und psycho-logisch durchaus schlüssig bis nachvollziehbar...

Also arbeite dran, versuch es und mach Dich auf den Weg, es lohnt sich...!

Sebastisn Weiss

Hallo Sebastian. Ich bin Redakteur beim Nachtcafe, einer Sendung des SWR. Unser Thema demnächst lautet "Väter und Söhne", und bei meinen Recherchen bin ich auf Deinen Artikel gestoßen. Möchtest Du Du mir vielleicht die Gelegenhei geben, mit Dir über dieses Thema zu sprechen? Schreib eine mail an: nachtcafe1@swr.de
Ich freue mich von Dir zu hören

Liebe Grüße

Martin

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